Landwirtschaft

In Westfalen blüh’n am Acker wieder die Kräuter

Gerhard Hönniger hat Wildblumen angepflanzt, wo sonst Weihnachtsbäume wachsen. Der Boden bekommt ein Jahr Erholungspause.

Gerhard Hönniger hat Wildblumen angepflanzt, wo sonst Weihnachtsbäume wachsen. Der Boden bekommt ein Jahr Erholungspause.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Lennestadt.  Landwirte in Westfalen-Lippe setzen auf Insektenschutz: „Blühendes Band durch Bauernhand“ heißt die Aktion, die flächendeckend gestartet ist.

Die Farben der Blüten haben etwas gelitten unter der Trockenheit seit April. Daran scheinen sich die Bienen und Schmetterlinge aber nicht zu stören. Es summt und brummt und flattert rege am neuen Blühstreifen vorm Maisfeld in Lennestadt-Grevenstein. 15 Kilogramm Samen hat Lisa Sternberg ausgebracht. „Die blühenden Streifen erfreuen das Auge, geben Insekten und anderen Wildtieren Lebensraum und Nahrung, und das zahlt sich für uns aus, wenn der Raps blüht“, sagt die Landwirtin.

Alle profitieren somit. Warum also startet der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband die Aktion „Blühendes Band durch Bauernhand“ erst jetzt? Nun: Bisher war auch nicht nichts. „Wir pflanzen seit 2012 Sonnenblumen an den Maisfeldern“, erzählt Lisa Sternberg. „Artenschutz ist für uns nicht neu“, argumentiert auch Michael Richard, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Olpe. „Neu ist, dass wir das jetzt sichtbar machen.“

Mehr Interessenten als Saatgut

Also hat der Bauernverband Geld in die Hand genommen, Saatgut gekauft und den Bauern zur Verfügung gestellt. Vergangenes Jahr im Münsterland, dieses Jahr auch in Südwestfalen. „Die Resonanz ist sehr gut“, sagt Richard, „es gab mehr Interessenten als Saatgut“. Lisa Sternberg hätte lieber 20 Kilo gehabt.

Trotzdem noch einmal die Frage: Warum erst jetzt? „Vor zehn Jahren hätte so ein Programm kaum einen Bauern interessiert“, gibt Michael Richard zu. „Da hätten die meisten von uns auch einen kleinen Verzicht auf Einnahmen für Blödsinn gehalten. Aber wir erleben ein Umdenken, einen Wandel. Wir wollen in der Öffentlichkeit auch mit dem akzeptiert werden, was wir tun.“ Also eine Aktion zur Imagepflege? „Die kommt gelegen, aber man macht sich eben auch zunehmend Gedanken.“ Lisa Sternberg sieht das genau so: „Wir wollen nicht, dass mit dem Finger auf uns gezeigt wird. Man soll sehen, dass wir etwas tun.“

Gerhard Hönniger aus Lennestadt-Altenvalbert tut schon länger etwas. Den Böden für seine Weihnachtsbaumkulturen gönnt er nach der Ernte ein Ruhejahr. In diesem Jahr hat er erstmals mehrere Flächen bepflanzt. Sechs Kilo Samen hat er ausgebracht. Das reicht für etwa 5000 m2. Und bei ihm erlebt man ein wunderbar buntes Blumenmeer: Kornblumen, Klee, Mohn, Buchweizen. Üppig. Das liegt auch daran, dass er Anfang Juni ausgesät hat und nicht schon im April wie Lisa Sternberg. Die Trockenheit hat sich deshalb weniger bemerkbar gemacht.

„Wer Flächen für teures Geld gepachtet hat, wird sie wahrscheinlich nicht brachliegen lassen“, weiß Hönniger. Er will sich Blumen und Blüten leisten, hat selbst noch Samen dazu gekauft. Und das alles nicht nur wegen der Optik. „Unterschiedliche Pflanzen haben unterschiedliche Wurzeln“, erklärt Richard. „und diese unterschiedlichen Tiefen tun der Bodenstruktur gut.“

Und was blüht da nebenan zwischen den kleinen Weihnachtsbäumen so großflächig gelb? „Unkraut“, sagt Hönniger. „Wiesen-Pippau“, ergoogelt Richard. Er darf wachsen. „Das tut den Bäumen eher gut“, meint der Weihnachtsbaum-Erzeuger. So wie die Natur profitiert, wenn Grünland nicht zu früh gemäht wird, wenn unter Zäunen, an Ecken und in Hanglagen Streifen stehen bleiben.

Unterschiedliche Blühzeitpunkte

Die Blühstreifen kommen oben drauf. Michael Richard erläutert: „Von Reptilien und kleinen Säugetieren werden die Blühstreifen als Wohn- und Nistplatz genutzt, die zudem dort auch Deckung vor Greifvögeln finden. Bei der Mischung haben wir besonders auf eine Zusammensetzung von heimischen Pflanzen mit unterschiedlichen Blühzeitpunkten geachtet, damit den Tieren ein kontinuierliches Nahrungsangebot geliefert wird.“ Und schön bunt bleibt es dann auch.

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