Prozessauftakt in Hagen

Baby im Müll: Mutter aus Kierspe gesteht die Tat vor Gericht

In einem Müllsack hinter dem Wohnhaus in Kierspe wurde das wenige Stunden alte Baby lebend gefunden.

In einem Müllsack hinter dem Wohnhaus in Kierspe wurde das wenige Stunden alte Baby lebend gefunden.

Foto: Markus Klümper / dpa

Hagen.  Eine Frau aus Kierspe muss sich wegen Totschlags vor dem Schwurgericht in Hagen verantworten. Sie räumt die Tat ein, das Motiv bleibt noch unklar.

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Der Fall bewegte die Menschen weit über das Sauerland hinaus: Ein Baby, gerade erst zur Welt gekommen, war im Juni in einem Müllsack hinter einem Wohnhaus in Kierspe gefunden worden. Die Mutter soll das gesunde Kind dem Tode ausgesetzt haben und steht deswegen seit Freitag wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Schwurgericht in Hagen. Die 31-Jährige erschien mit einer Decke verhüllt. Zum Prozessauftakt räumte sie die Tatvorwürfe ein.

Die 31-Jährige und ihr Verlobter haben bereits eine zum Tatzeitpunkt ein Jahr alte Tochter. Die erneute Schwangerschaft hat sie offenbar - trotz steter Rückfragen - vor der gesamten Familie geheim gehalten. Zweifel soll sie mit einem gefälschten negativen Schwangerschaftstest ausgeräumt haben.

Eltern und Verlobter schweigen

Die Eltern der Angeklagten ließen sich am Freitag nicht zur Sache ein, auch der Verlobte schwieg. Lediglich die Schwester gab Einblicke ins Familienleben. Sie gab preis, dass die Angeklagte kein weiteres Kind geplant habe, dass sie auch in der Schwangerschaft stark geraucht habe, dass sie lange Wanderungen mitgemacht habe. Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten vor, im Internet recherchiert zu haben, was ein „Baby im Bauch tötet“. Einen Tag vor der Tat soll sie ihrem Lebensgefährten vorgespiegelt haben, ein Frauenarzt habe festgestellt, sie sei schwanger gewesen, habe das Kind aber verloren. „Die Frau ist nicht nur Täterin, sondern auch Opfer“, sagt Verteidiger Andreas Trode aus Iserlohn. „Sie ist auch Opfer ihrer selbst. Das ist bei der Bewertung wichtig, denn es wird öffentlich fast eine Art Hexenjagd betrieben.“

Was genau sich hinter diesem Satz verbirgt, wird sich in den kommenden Verhandlungstagen zeigen, wenn die psychiatrische Gutachterin gehört wird. „Ihr gegenüber hat sich die Angeklagte umfassend geäußert. Sie wird entscheiden müssen, ob das Verhalten forensisch relevant ist oder nicht“, sagt Trode. Der Bericht der Gutachterin war erst einen Tag vor Prozessbeginn fertig geworden und der Verteidigung zugegangen. Der Angeklagten drohen bis zu elf Jahren Haft.

Baby in Handtücher gewickelt

Am Morgen des 14. Juni soll sich die 31-Jährige wegen gesundheitlicher Probleme längere Zeit ins Badezimmer der gemeinsamen Wohnung eingesperrt haben und gegen 9 Uhr eine gesunde Tochter zur Welt gebracht haben. Anschließend soll sie das Baby in Handtücher eingewickelt, die Wohnung verlassen und das Kind in einem bereits gefüllten blauen Müllsack hinter dem Haus abgelegt haben. Sie kehrte offenbar auch wegen starker Blutungen in die Wohnung zurück, wo der Verlobte gegen den Willen der Angeklagten den Notarzt alarmierte.

Die Frau musste notoperiert werden. Weil sie aber weder vor noch nach der OP eine augenscheinliche Geburt erwähnte, handelte das Krankenhaus und informierte die Polizei. Diese fand das Mädchen etwa drei Stunden nach der Geburt. Es schwebte wegen starker Unterkühlung in Lebensgefahr. Die Körpertemperatur betrug nur noch 31 Grad. „Die Frau hat Angaben zur Sache gemacht. Aufgrund vorliegender Ängste, die ich nicht näher beschreiben kann, habe sie das Kind wegbringen wollen“, sagte Kriminalhauptkommissar Andreas Möller bereits damals.

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