Coronavirus

Corona-Krise: Vom Glück, gerade jetzt auf dem Land zu leben

Vorne die Sorpe in Amecke, im Hintergrund Wiesen und Wälder bis zum Horizont.

Vorne die Sorpe in Amecke, im Hintergrund Wiesen und Wälder bis zum Horizont.

Foto: Hans Blossey / www.blossey.eu

Hagen.   Bleibt zu Hause, rufen Experten und Prominente in der Krise. Aber das fällt nicht jedem leicht. Erfahrungsberichte vom Land und aus der Stadt.

Jeder, der prominent ist und etwas auf sich hält, hat es vermutlich schon getan. Popstar Lady Gaga zum Beispiel, Schauspielerin Emma Watson, Hollywood-Legende Arnold Schwarzenegger. Und natürlich die Fußball-Stars von Cristiano Ronaldo bis Marco Reus. Ihre Botschaften in den sozialen Medien versehen sie mit dem passenden Stichwort: stayhome. Oder die schon leicht verärgerte Variante der Normalbürger: stayfuckinghome. Verdammt nochmal: bleibt wegen des Coronavirus zu Hause!

Richtig und wichtig ist der Hinweis nach wie vor. Aber – und das wird manchmal vergessen: Nicht jedem fällt das gleich leicht. Denn für die einen in der Stadt bedeutet das den Verlust ihres bisherigen Lebens. Für andere, die auf dem Land wohnen, ändert sich bisweilen kaum etwas. Ein Gegensatzpaar berichtet aus seinem neuen Alltag.

Coronavirus: So lebt es sich gerade in einer Wohngemeinschaft in Siegen

Philipp Nitschke ist 22 Jahre alt und von Beruf Roadie. Heißt: Er baut das Equipment von Bands auf und ab, wenn sie auftreten. Das mit den Auftritten hat sich erstmal erledigt. Zudem ist er als DJ unterwegs. Auch das hat sich erstmal erledigt. „Die Eventbranche wird es immer geben, habe ich gedacht“, sagt er. Krisenfest. Gute Sache. Denkste. Nun sitzt er in seiner Wohnung. Er wohnt in der Stadt in einem Mehrfamilienhaus inSiegen, 100.000 Einwohner. 18 Quadratmeter in einer Zweier-Wohngemeinschaft sind sein persönliches Refugium.

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Ein Gespräch mit ihm ist unterhaltsam, weil er vieles auch mit einem Augenzwinkern erzählt. So schlimm kann es um ihn nicht bestellt sein. Wobei: Das, was er erzählt, ist bemerkenswert. „Ich stelle meinen Schlaf-Rhythmus um“, sagt er. „Ich versuche, so lange wie möglich zu schlafen und da mache ich erstaunliche Fortschritte.“ Er lacht. An dem Tag, als wir telefonieren, ist er um 4 Uhr ins Bett gegangen und um 16 Uhr aufgestanden. Zum Frühstück gibt’s dann auch schon mal Chili con Carne. Warum er das macht? „Wenn ich aufstehe, wird es fast schon wieder dunkel. Dadurch fällt es mir leichter, das gute Wetter zu akzeptieren.“

Kein Garten, kein Balkon, nichts

Er ist gern unter Leuten, gern unterwegs. Die Sonne weckt in ihm ein Verlangen, dem gerade nur schlecht nachzugehen ist. Die Wohnung hat keinen Garten, keinen Balkon, nichts. Aber sein Zimmer hat ein Fenster. „Das zu öffnen, ist aber nicht dasselbe. Außerdem: Sonneneinstrahlung habe ich nur zwischen 15 und 16 Uhr. Und dann sieht man nichts mehr auf dem Fernseher.“ Einmal hat er sein Zimmer jetzt schon umgestellt. „Aber ich habe festgestellt: Es gibt keinen Ort, wo ich den Fernseher hinstellen könnte, wo die Sonne im Laufe des Tages nicht einmal draufscheint.“

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Manchmal geht er in den Supermarkt, ansonsten hält er sich an die Anweisung, andere Menschen zu meiden. In seinem Zimmer hat er sich ein kleines Musikstudio eingerichtet, um die Wachzeit mit neuen Kompositionen zu verbringen. Und, ach ja, das Wohnzimmer müsste noch gestrichen werden, da ist neulich eine Flasche Rosé-Sekt explodiert. Da war die Welt vermutlich noch in Ordnung.

Seelischer Schaden, wenn das so weitergeht

Der junge Mann hat sich mit seinem neuen Leben vorerst arrangiert und macht das Beste draus. Er sagt aber auch: „Wenn das noch einige Wochen und Monate so weitergeht, dann trägt der eine oder andere einen seelischen Schaden davon.“ Ob er sich oder andere meint, ist nicht ganz klar.

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Klar ist nur, dass er Loraine Hennig und ihre Familie nicht meinen kann. „Ich muss gestehen, dass sich für mich persönlich nicht viel geändert hat“, sagt die 31-Jährige. „Wir wohnen recht ländlich, wir sind sowieso meistens zu Hause und fahren nicht oft in die Stadt.“

Wir – das sind ihr Mann und die drei Kinder Luana (8), Mila (6) und Paul (1). Die Familie wohnt in einem Haus in Menden, einen Garten gibt’s wie bei vielen anderen, die im Sauerland und nicht mitten in der Stadt wohnen, auch: 1200 Quadratmeter mit Sandkasten, Matschküche, Trampolin, Spielturm und Schaukel, Gartenhütte, Holzhütte, Kletterbaum – und einem Bachlauf, der das Grundstück der Hennigs von dem der Nachbarn trennt. „Eigentlich sind die Kinder vollkommen ausgelastet mit Aktivitäten“, sagt die Mama. „Wir sind alle Draußen-Menschen."

Das Wetter macht es leicht, zu Hause zu bleiben - zumindest wenn man einen Garten hat

Natürlich gibt es auch Dinge, die die Familie vermisst. Die Älteste und ihre Schwester gehen turnen und tanzen, aber nur einmal in der Woche. Und die Mama vermisst die freie Zeit am Vormittag, wenn sie die Schulzeit nutzt, um sich mit Freundinnen zu treffen, die ebenfalls kleine Kinder haben. Dafür fällt für die meisten in der Familie das frühe Aufstehen morgens weg. Und aus der Schule muss gerade auch niemand mehr abgeholt werden. "Wir haben Glück, dass das Wetter in den vergangenen Tagen so schön war", sagt sie. Das habe es noch leichter gemacht, zu Hause zu bleiben.

Als die Kinder noch nicht da waren, da lebten sie auch anders, erst in Hagen, dann in Letmathe. Höchstens mal mit Balkon, immer ohne Garten. "Wir haben in den letzten Tagen darüber gesprochen, dass wir sehr, sehr glücklich und froh sind, dass unsere Wohnsituation ist, wie sie ist", sagt Loraine Hennig. "Eine Wohnung ohne Balkon und dann noch mit Kindern - das stelle ich mir in diesen Zeiten hart vor." Und das ist es vermutlich auch.

<<< Wir haben unsere Nutzer bei Facebook gefragt: Wie verbringt ihr die Zeit gerade? >>>

  • - "Glücklicherweise haben wir einen recht großen Garten. Mit Kind ist das jetzt „Gold wert“. Wenigstens haben wir das Wetter auf unserer Seite."
    Ulrich Vennegeerts aus Herdecke
  • "Auf dem Balkon. Das vereinfacht es etwas mit den beiden Kids, habe aber noch nie so den Spielplatz vermisst wie jetzt."
    Nadine Düring aus Wetter
  • "Wir sind froh über das momentane Wetter. Den Sonntag haben wir fast komplett auf unserem Balkon in der Sonne mit schönen Brettspielen verbracht. Man ist draußen an der frischen Luft, anstelle in der Wohnung zu sein, tankt Vitamin D und ist trotzdem noch in den eigenen vier Wänden."
    Pascal von Guerard aus Gevelsberg
  • "Sitze über meinen Seekarten und plane den Frühjahrs- und Sommer-Bootstörn. Also (noch) alles gut."
    Lothar Middel aus Olpe
  • "Ja wie geht es mir damit? Mental nicht so gut, doch im Sauerland haben wir unsere wunderschöne Natur! Ich mache Spaziergänge, sitze in meiner Loggia, telefoniere und informiere mich in der Zeitung und im Internet. Mache an jedem Abend die Aktion unseres Pfarrverbundes Winterberg mit und stelle eine Kerze ins Fenster und bete für alle Helfer, Kranken, für meine Familie und Freunde."
    Gertrudis Hirsch aus Winterberg
  • "Wir verbringen die meiste Zeit drinnen, da wir keinen Garten oder Balkon haben. Somit fällt uns die Decke schon irgendwie auf den Kopf. Dennoch müssen wir wegen dem Hund raus, dann suchen wir uns Ecken, wo nichts bzw. wenig los ist."
    Andy Wollert aus Lendringsen
  • "Mir persönlich macht es nichts, aber mit meiner kleinen Tochter nicht mal zum Spielplatz zu können ist echt hart. Sie versteht es noch nicht und wir haben nur einen kleinen Balkon."
    Nadine Sänger aus Meschede
  • "Wir wohnen in einem Dorf mit drei Bauernhöfen. Weit und breit nur die schöne Landschaft des Sauerlandes. Wir haben es damals schon einsam gewählt. Für uns ist es kaum eine Umstellung. Wir gehen viel mit unseren Hunden spazieren und genießen es. Ich persönlich glaube - so schlimm dieser Virus auch ist: Die Menschen haben jetzt die Gelegenheit mal zu sich zu kommen. Nicht nur hetzen, Stress und Hass… Es ist, als ob ich sagen könnte „Willkommen in meiner Welt“.
    Sarah Müller aus Eslohe
  • "Wir haben zum Glück einen großen Garten und genießen ihn in vollen Zügen. Und wir genießen die Zeit ohne Termine und Wecker. Trotzdem ist es auch anstrengend alle vier Kinder bei Laune zu halten und mit einem Teil Hausaufgaben zu machen und neuen Stoff zu erlernen. Aber wir machen das Beste draus und sind froh, dass wir gesund sind."
    Carolin Jacob aus Hagen
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