Kampf gegen das Virus

Infektionsketten auf der Spur: So arbeiten Corona-Detektive

Liridona Abazi-Beha, Auszubildende zur Gesundheitsinspektorin, und Trinkwasser-Experte Jürgen Schwabeland fahnden im Gesundheitsamt des Ennepe-Ruhr-Kreises dem Virus hinterher.

Liridona Abazi-Beha, Auszubildende zur Gesundheitsinspektorin, und Trinkwasser-Experte Jürgen Schwabeland fahnden im Gesundheitsamt des Ennepe-Ruhr-Kreises dem Virus hinterher.

Foto: Michael Gottschalk / FUNKE Foto Services

Schwelm.  Gesundheitsämter verfolgen die Infektionsketten nach. Wie die detektivische Arbeit vor Ort funktioniert und warum das gerade jetzt wichtig ist.

Der Ort, an dem der Kampf gegen das Virus gewonnen werden soll, wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Der Weg dorthin führt durch dunkle Gänge, an verklinkerten Wänden entlang, vorbei an diffus leuchtenden Lampen und ihrem gelblichen Schein. Am Ende des Flures eine Tür. Dahinter: Vier Büros nebeneinander, offene Türen. Kreishaus in Schwelm, Gesundheitsamt des Ennepe-Ruhr-Kreises.

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In Büro 3 schellt das Telefon. Aus Büro 1 schallt ein Gesprächsfetzen herüber: „Der Name des Mannes sagt Ihnen gar nichts?“ Dort ist gerade ein Fax eingegangen: Corona-Infizierter in Soest, Kontaktperson im EN-Kreis. Gefahr im Verzug. Und die Arbeit derer, auf die es im Moment besonders ankommt, beginnt: die Mitarbeiter der Gesundheitsämter. Mitarbeiter wie Jürgen Schwabeland, kariertes Hemd, Brille, etwas müder Blick. Der 62-Jährige sitzt in Büro 2 und sagt, dass er manchmal leer sei nach einem Arbeitstag, manchmal enttäuscht, weil er weniger geschafft hat als er hoffte. „Aber meistens bin ich positiv erschöpft.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor einigen Tagen erst die Bedeutung der Gesundheitsämter hervorgehoben. Diese hätten „in dieser Pandemie eine zentrale Rolle“ und es sei von „entscheidender Bedeutung, dass sie gut arbeiten“, damit wir „alle Kontakte nachvollziehen können“. Die Kontakte der Infizierten. Damit kein Ausbruch unbemerkt bleibt. Damit die Lockerungen der vergangenen Wochen nicht eine zweite Welle auslösen.

Kontaktpersonen der Kategorie 1 müssen in häusliche Quarantäne

Schwabeland ist normalerweise Experte für Bade- und Trinkwasser im Kreis, aber in der Krise verstärkt er die Task-Force Corona. Annähernd 90 Mitarbeiter fahnden nach dem unsichtbaren Feind, versuchen seine Wege zurückzuverfolgen. Üblicherweise umfasst die Abteilung sonst 12 Mitarbeiter.

„Das größte Problem ist, wenn wir nur einen Namen haben“, sagt Schwabeland, während er an einem Schreibtisch mit blechernen Schubladen sitzt, dessen Ecken abgewetzt sind. Schwabeland und seine Kollegen rufen diejenigen an, die sich infiziert haben. Sie stellen viele Fragen. Die wichtigste: Mit wem hatten Sie intensiveren Kontakt bis zwei Tage vor Auftreten der Symptome?

Listen werden erbeten, am besten direkt mit Adresse und Telefonnummer. Aber manchmal sind‘s eben auch nur Namen. Dann beginnt die Recherche. Telefonbuch. Internet. Nichts? Zur Not muss der Krisenstab eingeschaltet werden, um vor Ort den Kontakt herzustellen. Manchmal ist eine Liste in einer Stunde abgearbeitet. Manchmal dauert es viel länger. Ist ein Abstrich nötig? Kontaktpersonen der Kategorie 1 müssen in Quarantäne. Oft haben die Betroffenen Verständnis. Manchmal drohen sie mit Klage. Sisyphusarbeit der Virus-Detektive.

1000 Personen in Quarantäne

„Wir müssen jeden Fall ganz gründlich ermitteln“, sagt Dr. Sabine Klinke-Rehbein, seit 2014 Amtsärztin des Kreises. Zum Glück habe das Infektionsgeschehen nachgelassen. Sie blickt auf den Kalender an der Wand. „Zu Hochzeiten hatten wir bis zu 1000 Menschen gleichzeitig in Quarantäne. Ich kann mich noch an die 13. Kalenderwoche erinnern, da hatten wir 16 positive Befunde an einem Tag. Und einer von ihnen hatte 50 Kontaktpersonen.“ Stand heute befinden sich nur noch 100 Menschen im Kreis in Quarantäne.

Die Gesundheitsämter ächzen bundesweit unter den Belastungen der Krise. Fünf Ermittler kommen auf 20.000 Einwohner, das ist der vorgesehene Schlüssel. Wer in Quarantäne ist, dessen Gesundheitszustand muss täglich abgefragt werden. Ein Online-Formular hilft dabei. Wer das nicht ausfüllen kann oder will, bei dem muss ebenfalls angerufen werden. „Wir stellen uns der Sache und machen, was wir sollen“, sagt Sabine Klinke-Rehbein und klingt dabei erstaunlich optimistisch für eine Frau, die in einem Bereich arbeitet, der von der Politik in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten systematisch vernachlässigt wurde. Die Gesundheitsämter seien „personell so ausgedünnt, dass sie ihre gesetzlichen Aufgaben kaum mehr erfüllen konnten“, mahnte kürzlich der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst.

Neue Wertschätzung für Öffentlichen Gesundheitsdienst

„Über die Wertschätzung dieses Bereichs wird noch zu reden sein“, sagt Sabine Klinke-Rehbein. „Wir haben hier eine wichtige Funktion, hier laufen gerade die Fäden zusammen, hier werden die Infektionsketten nachvollzogen und ausgebremst.“ Jeder kennt den Wert der Gesundheitsämter. Im Moment.

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Bundesweit gibt es laut Robert-Koch-Institut mehr als 178.500 Corona-Infizierte (Stand: 24. Mai). Rechnet man bis Ende dieses Jahres mit insgesamt ca. 500.000 Fällen, werden die Gesundheitsämter ca. 2,5 Millionen Quarantäne-Fälle in diesem Jahr betreuen und verwalten müssen.

Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes weist darauf hin, dass die nun in allen Bundesländern vorgenommenen Lockerungsmaßnahmen zu einer Erhöhung der zu ermittelnden Kontaktpersonen bei Neuinfizierten führen werden.

Die Gesundheitsämter haben zuletzt Unterstützung von Studierenden, im Ruhestand befindliche Ärztinnen und Ärzten sowie Personal aus anderen Verwaltungen erhalten.

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