Gesundheit

Fitness-Influencer und das Missverständnis mit den Freunden

Katharina Pilgrim hat für ihre Doktorarbeit in Gesundheitswissenschaft 1000 Influencer-Fotos analysiert.

Katharina Pilgrim hat für ihre Doktorarbeit in Gesundheitswissenschaft 1000 Influencer-Fotos analysiert.

Foto: APPELHANs

Hagen.  Viele Mädchen entwickeln persönliche Beziehung zu Fitness-Influencern und durchschauen nicht, dass es denen vor allem um Werbung geht.

Es mag den meisten Menschen selbstverständlich erscheinen: Influencer üben Einfluss aus, um Produkte zu verkaufen. Davon leben sie. Dafür werden sie bezahlt von den Unternehmen. Viele Mädchen allerdings betrachten die jungen Frauen, die ihre sportlichen Körper in knapper Bekleidung auf Instagram präsentieren und Tipps für Training, Ernährung und Styling geben, als Freundinnen, denen sie von ihren Sorgen und Nöten berichten. „Das ist dann bedenklich, wenn es nicht um die Wahl des Lippenstiftes geht, sondern um Essstörungen oder psychische Probleme“, sagt Katharina Pilgrim. Sie hat sich für ihre Doktorarbeit in Gesundheitswissenschaften an der Uni Witten/Herdecke Deutschlands Top-50 Fitness-Influencer genauer angeschaut und ihre Kommunikation.

Keine fremde Welt

Katharina Pilgrim musste sich, anders als viele Eltern und Lehrer, dazu nicht in eine fremde Welt begeben. Die Wittenerin ist 2016 Deutsche Meisterin im Bodybuilding geworden, in der Bikini-Fitness-Klasse. Sie hat auch einen Instagram-Account mit 13.000 Followern, den sie allerdings nicht mehr bedient. Und 13.000 ist eher bescheiden im Vergleich zu den 100.000 bis 3,5 Millionen, die den erfolgreichsten 50 folgen. „Die können alle davon leben“, sagt Pilgrim.

Und was tun sie im Netz? In erster Linie Bilder posten. 1000 hat die fitnessaffine Forscherin betrachtet. Auf mehr als der Hälfte ist ein muskulöser, nackter Bauch zu erkennen. „Sex sells“, weiß Katharina Pilgrim, „je nackter die Person, desto mehr Likes gibt es.“ Zu den Bildern stellen die Influencer kurze Texte mit Motivationssprüchen oder tagebuchartige Einträge.

Nicht ständig, aber regelmäßig geht es dabei um die Vermarktung von Produkten wie Sportbekleidung und Nahrungsergänzungsmittel. Auf zwei von drei Bildern wird ein Hersteller, ein Produkt, eine Marke oder ein Unternehmen eingebunden; nur die Hälfte davon ist als Werbung gekennzeichnet. Nahrungsergänzungsmittel in Pulver- oder Pillenform sind auf fast der Hälfte der Fotos abgebildet. Manchmal gibt es auch Restauranttipps.

Neben den Fotos hat die Wissenschaftlerin Kommunikationsstränge mit bis zu 2000 Kommentaren analysiert. Dadurch wird deutlich: „Den Mädchen – das ist das Hauptpublikum - ist oft nicht bewusst, dass die Bilder aufwändig in Szene gesetzt und umfangreich bearbeitet sind. Sie suchen Rat, wie sie auch so perfekt werden können.“ Die Kommunikation verlaufe wie mit besten Freundinnen: „Sie klagen über ihre Figur, kommentieren, Aussehen, Kleidung und Essen ihrer Idole.“ Und sie folgen den Tipps: „Zwei Drittel haben sich bereits die empfohlenen Produkte gekauft.“ Offenbar gewinnen sie den Eindruck, dass die einen einfachen Weg zum angestrebten Äußeren bieten.

„Weil unrealistische Schönheitsideale verbreitet werden, können gerade Mädchen mit angeschlagenem Selbstbild in eine Negativspirale geraten“, fürchtet Pilgrim. Sie weiß: Jeder fünfte Teenager ist unzufrieden mit Figur und Körpergewicht oder leidet an Heißhungeranfällen.

Sie will die Influencer deshalb nicht verteufeln. „Manche bemühen sich um ein paar aufmunternde Worte.“ Auf anderen Accounts würden Bots eingesetzt, die automatische Antworten gäben: „Ihr könnt das schaffen.“ Grundsätzlich seien die Fitnessidole nicht qualifiziert für eine Gesundheitsberatung, schon gar nicht in problematischen Fällen. Was also tun? „In erster Linie ist Aufklärung nötig“, sagt die Wittenerin. „Den Jugendlichen muss klar werden: Das ist Werbung. Es ist eine Fake-Welt. Die Influencer sind nicht Deine Freunde.“

Aufgabe für Eltern und Lehrer

Das wäre eine Aufgabe für Eltern und Lehrer, denen oft nicht bewusst sei, wie wichtig Jugendliche solche Influencer nähmen, mit denen sie täglich drei Stunden verbringen und deren Glaubwürdigkeit sehr hoch eingeschätzt werde. „Die sozialen Medien sind ein wichtiger Teil der Lebenswelt von Jugendlichen.“ Aber Katharina Pilgrim hat weiter gehende Ideen: „Die Krankenkassen stecken pro Jahr und Kopf knapp zehn Euro in die Prävention. Vielleicht sollten sie weniger Plakate kleben und mehr Influencer einbinden. Da gäbe es Potenzial.“

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