Weihnachtsmärchen

Der kleine Lord in Wuppertal ohne Taschentuch-Alarm

Szene aus Der kleine Lord in Wuppertal mit (v.l.) Silvia Munzón López, Martin Petschan, Julia Meier

Szene aus Der kleine Lord in Wuppertal mit (v.l.) Silvia Munzón López, Martin Petschan, Julia Meier

Foto: Uwe Schinkel / Wuppertaler Bühnen / Uwe Schinkel Wuppertaler Bühnen

Wuppertal.  Wuppertal verlegt den Weihnachts-Klassiker in die 1950er Jahre und serviert ihn mit viel Slapstick

Dieser kleine Lord ist kein blondgelockter Engel im Matrosenkragen, sondern ein frecher Bengel in Jeans. Schauspiel und Sinfoniker in Wuppertal zeigen den Kinderbuch-Klassiker von Frances Hodgson Burnett jetzt als erstaunlich unsentimentales Weihnachtsmärchen, in dem das Orchester genauso viel zu sagen hat wie die Schauspieler. Das Familienstück ist bis zum 1. Dezember im Theater am Engelsgarten zu sehen und wandert dann ins große Opernhaus. Rund 14.000 Zuschauer ab sechs Jahren werden bis zum 5. Januar in 32 Vorstellungen erwartet.

Es gibt nur wenige Geschichten, die so oft verfilmt worden sind und bei denen die Filmbilder derart übermächtig sind. Alle Jahre wieder ist Taschentuch-Alarm garantiert, wenn „Der kleine Lord“ an den Feiertagen im Fernsehen ausgestrahlt wird. Das stellt Regisseur Henner Kallmeyer und sein Team vor die Herausforderung, ob er in der populären viktorianischen Rührseligkeit mit ihren betörend schönen Bildern mitschwimmt oder sich etwas Neues ausdenkt, selbst auf die Gefahr hin, „Kleine-Lord“-Aficionados zu enttäuschen.

Am Stummfilm orientiert

Kallmeyer orientiert sich eher am Stummfilm von 1921 als an dem heute berühmten Adaption mit Alec Guinness von 1980, entscheidet sich für eine Ästhetik, die Klischees über die jeweiligen Länder USA und England mit pantomimischen, bisweilen grotesk überzogenen Mitteln erzählt. So muss dass wunderbare Ensemble außerordentlich akrobatisch agieren, denn es gibt zahlreiche Slapstick-Einlagen, zum Beispiel der Purzelbaum vom Treppengeländer. Die Mutter ist ein typisch amerikanisches Carhop-Girl, also eine Kellnerin auf Rollschuhen, der Großvater könnte auch den Scrooge in Charles Dickens’ „Cristmas Carol“ geben. Als Zeit wählt die Regie die 1950er Jahre mit diversen Brüchen.

Sophia Otto hat eine Bühnenlösung gefunden, die unfilmisch theatralisch ist und Atmosphäre schafft. Ein drehbares Raumelement kann sowohl den New Yorker Straßendschungel zeigen, in dem Cedric aufwächst, behütet von seinen Freunden, dem Schuhputzer Dick und Mr. Hobbs. Der verkauft seine Produkte aus einem Einkaufswagen heraus, ist also ein Gemischwarenwagen-Besitzer. Kinder lieben Wortspiele, und diese Freude bedient Henner Kallmeyer ausgiebig, wenn der kleine Lord betont, dass er kein Earl Grey werden will oder den beiden falschen Prinzen einen vom eisernen Thron erzählt.

Der Hund ist der Diener

Das Grafenschloss besteht aus einem Salon mit Kaminfeuer und Galerie, durchaus an die Film-Optik angelehnt, aber verfremdet, weil der treue Hund Dougal gleichzeitig der Diener ist und wie ein Augenzeuge über die Entwicklungen wacht. Ganz bezaubernd ist die Szene, in der das betagte Pferd Silberschweif mit einem Gehbock herangehoppelt kommt.Julia Meier spielt die Titelrolle mit großartiger Sprachkunst, dazu sehr beweglich und völlig ohne Kitschalarm. Martin Petschan, Konstantin Rickert, Andreas Rother und Silvia Munzón López übernehmen mehrere Menschen- und Tierrollen gleichzeitig.

Sinfoniker in Märchen-Besetzung

Kapellmeister William Shaw hat für das Weihnachtsmärchen eine Musik geschrieben, die stark von Jazzrhythmen geprägt ist und sich sozusagen geschickt an den Filmmelodien vorbeischlängelt; diese Klänge sind bildmächtig, aber auch bewusst keine Spur sentimental. Die Wuppertaler Sinfoniker spielen in kleiner Märchen-Besetzung mit fröhlichem Engagement. Das Stück beginnt mit einem pantomimisch-musikalischen Vorspiel, das die amerikanischen Charaktere einführt, darunter auch die Karikatur einer schwangeren Kaufsüchtigen. Im zweiten Teil wird dann die falsche Gräfin als Dragqueen mit Tournüre samt ihren ungezogenen Söhnen comichaft überzeichnet. Das ist klug durchdacht, vielleicht sogar etwas zu klug durchdacht. Denn eine kleine Prise Theatermagie hätte diesem gelungenen Weihnachtsmärchen ebenfalls nicht geschadet.

Karten und Termine:

schauspiel-wuppertal.de

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