Bildung

Deutsch-Lehrpläne passen nicht zur Berufswelt

Schönschrift, Grammatik, Rechtschreibung - ist alles nicht egal, meint Christian Efing, aber andere Sprachfähigkeiten seien deutlich wichtiger. Foto:Patrick Pleul/ dpa

Schönschrift, Grammatik, Rechtschreibung - ist alles nicht egal, meint Christian Efing, aber andere Sprachfähigkeiten seien deutlich wichtiger. Foto:Patrick Pleul/ dpa

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Wuppertal/Hagen.   Sprachwissenschaftler: Schüler müssen lernen, Fakten knapp auf den Punkt bringen. Rechtschreibung nur zweitrangig.

Die Jugend wird immer fauler und dümmer: Wahrscheinlich haben die Alten schon in der Steinzeit so geredet. Belegt ist die Klage seit der Antike. „Und seit den 1950er Jahren erleben wie die Beschwerden der Wirtschaft über die mangelnde Sprachkompetenz von Lehrstellenbewerbern“, berichtet Prof. Christian Efing. Das heißt: nichts dran? Doch, meint der Sprachwissenschaftler. Aber anders: „Die Lehrpläne passen nicht mehr zur beruflichen Wirklichkeit.“ Was genau sich ändern muss, versuchte kürzlich eine Tagung an der Universität Wuppertal zu klären.

„Die Azubis sagen, sie könnten ausführlich über literarische Texte schreiben, aber im Beruf müssten sie Fakten knapp auf den Punkt bringen“, erklärt Efing. Es gehe um Formulare, Tabellen und Stichworte, um einfache Tätigkeitsberichte und darum, nach acht Stunden in fünf Zeilen zusammenzufassen, was gelernt wurde.

„Das ist nicht so leicht, wie es klingt“, sagt der Wuppertaler Professor. „Durch die zunehmenden Vorschriften und Dokumentationspflichten sind die Anforderungen deutlich gestiegen.“ Das betreffe nicht nur die Schriftform: „Die Arbeit im Team erfordert Fähigkeiten im Diskutieren und Moderieren.“ Und Rechtschreibung und Grammatik spielen keine Rolle mehr? Das will Christian Efing nicht erreichen. Aber er verweist darauf, dass diese Kenntnisse in vielen Berufen weniger wichtig seien, dass die Rechtschreibung in einer Bewerbung höchstens als Indikator für Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit gewertet und Sprache als Schwelle eingesetzt werde.

Das Bestreben, Lehrpläne entsprechend umzugestalten gibt es schon länger, auch um die Motivation der Schüler zu steigern: „Viele sind frustriert vom derzeitigen Deutsch-Unterricht.“ Es gibt Modell-Projekte in Schleswig-Holstein und im deutschsprachigen Ost-Belgien. Doch nun hat die Sprach-Diskussion einen ganz neuen Dreh bekommen: durch die Flüchtlinge.

Fachbegriffe sind nicht das Problem

Auf der Tagung ging es deshalb auch darum, wie Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft, darunter auch Analphabeten auf ein gewisses Sprachniveau zu bringen sind. Efing sieht da noch erheblichen Forschungsbedarf: „Sprache für den Beruf wird oft noch auf Fachsprache reduziert. Aber Fachbegriffe sind nicht das Problem. Die lernt man schnell. Entscheidend ist der sprachliche Mantel. Gibt es eigentlich eine übergreifende Berufssprache, um zu dokumentieren, zu berichten, zu definieren? Gibt es eine Bildungssprache zur Vermittlung von Fachtexten? Das alles ist für die Flüchtlinge wichtig.“

Sinnvoll sei es, möglichst früh den Sprachunterricht mit Berufsbezug zu gestalten, aber: „Zur Berufssprache für Zweitsprachler gibt es europaweit kaum Forschungsergebnisse.“ Man wisse, dass persönliche Betreuer hilfreich seien, doch das erzeuge einen erheblichen Aufwand. Der werde ohnehin groß: „Allein in Berlin sind derzeit 1000 Schüler im Berufsschulalter in sogenannten Willkommensklassen. Nächstens Jahr werden es 2000 bis 3000 sein.“ Das Ziel sei, möglichst alle sofort an die Berufsschulen zu bringen. Das erste Jahr sei nur dem Spracherwerb gewidmet, ab dem zweiten könne die dreijährige Ausbildung beginnen. Nur: Muss jeder sofort in eine theorielastiges deutsches Berufsschulsystem? Gibt es nicht auch einfachere Formen? „Das sind gefährliche Fragen“, fürchtet Efing.

Woher die Lehrer nehmen?

Andere sind offen: Bayern richtet im Schuljahr 2016/17 an Berufsschulen 1200 Klassen für Flüchtlinge ein. Wo kommen qualifizierte Lehrer her? „Im Prinzip müssten alle Lehrer Kenntnisse in Deutsch als Zweitsprache haben“, meint der Germanist. NRW sei da schon voran gegangen. Aber nun müssten auch die Verantwortlichen in den Betrieben Weiterbildungsmöglichkeiten erhalten. Ein neues Gremium legt gerade fest, was dort genau vermittelt werden soll. Wichtig dabei für Efing: „Theoretiker und Praktiker gehören an einen Tisch.“

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