Studium oder Ausbildung

Die Akademisierung ist kein Wahn

Wenn Unternehmen Schwierigkeiten haben, qualifizierte Lehrlinge zu finden, liegt das auch daran, dass die Aufstiegschancen ohne Studium oft beschränkt sind.

Wenn Unternehmen Schwierigkeiten haben, qualifizierte Lehrlinge zu finden, liegt das auch daran, dass die Aufstiegschancen ohne Studium oft beschränkt sind.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Hagen.  Fernuni-Wissenschaftler haben untersucht, ob das Studium die Berufsausbildung verdrängt. Die Antwort: Zum Teil. Das liegt an den Karrierewegen.

Es war der Münchner Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin, der 2014 den Begriff „Akademisierungswahn“ prägte. 2013 hatten erstmals mehr junge Menschen ein Studium begonnen als eine Ausbildung im dualen System. Wenden wir uns also vom Bildungsmodell ab, das der Rest der Welt bewundert? Überfluten Akademiker den Arbeitsmarkt und verdrängen die Kandidaten mit Berufsausbildung? Das wollten Prof Uwe Elsholz und seine Mitarbeiter genauer wissen. „Ist der Bachelor, der ja berufsqualifizierend sein soll, der Sargnagel für das duale System?“, spitzt der Leiter des Lehrgebiets Lebenslanges Lernen an der Fernuniversität die Frage zu.

Erste Überraschung in der Studie, die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung finanziert wurde: „Der Bachelor spielt in den Überlegungen der Unternehmen so gut wie keine Rolle.“ Das liege aber nicht an einem generellen Misstrauen gegenüber diesem Abschluss, sondern habe eine allgemeinere Ursache, so Elsholz: „Für die Unternehmen sind interne Qualifikanten interessanter als externe Bewerber.“ Konkurrenz entstehe nur dort, wo das duale, berufsbegleitende Studium eine Rolle spiele. Und das sei je nach Branche sehr unterschiedlich.

Drei Branchen im Blick

Angeschaut haben sich die Hagener Forscher den Einzelhandel, die Metall- und Elektrobranche (ME) sowie die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). In je sechs großen und kleinen Unternehmen mit typischen Tätigkeitsschwerpunkten wurden Interviews mit Personalverantwortlichen und Betriebsräten geführt. „Der Einzelhandel ist weitgehend klassisch unterwegs“, bilanziert Ariane Neu, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl. Der Handelsfachwirt genieße hohes Ansehen, es gebe gute Aufstiegschancen zum Marktleiter.

Anders ist die Lage in der IKT-Branche: Hier gab es immer schon mehr Akademiker. „Das heißt nicht, dass die duale Ausbildung ganz verschwindet“, meint Elsholz, sie werde sich eher bei kleineren Unternehmen und im Servicebereich halten. Außerdem spiele Kultur eine Rolle. Ein Unternehmen in US-Besitz setzte nur auf Akademiker, während ein ähnliches in deutschem Besitz auch die soziale Verantwortung sehe, berufliche Bildung weiter zu fördern.

In der Metall- und Elektroindustrie stießen die Hagener Wissenschaftler auf Verdrängungseffekte. „Die Unternehmen finden die berufliche Bildung toll“, sagt Uwe Elsholz, die Tätigkeiten seien auch durch technologische Innovationen nicht zu komplex dafür geworden. Wichtiger Treiber der Entwicklung seien die Jugendlichen, die einen akademischen Abschluss anstrebten, weil sie sich bessere Karrierechancen erwarten. „Und das nicht zu Unrecht.“ Denn die Aufstiegsoptionen für den beruflichen Karriereweg hätten sich verringert: „Ein Meister wird kaum noch Werkleiter, in die Entwicklungsabteilung kommt man seltener ohne Studium.“

Ist die Akademisierung also kein Wahn? „Diese populäre These ist falsch“, urteilt Elsholz. „Es handelt sich um rationale Entscheidungen der Betroffenen, die an ihre Karriere denken, an die Bezahlung und an attraktive Tätigkeiten.“ Die Unternehmen müssten also ihre Aufstiegswege verändern? Allerdings, meint Elsholz, „wenn sie die mittlere Qualifikation erhalten wollen, müssen sie mehr dafür tun. Denn: Entscheidend ist auf’m Platz.“ Heißt: So lange die Bezahlung von Akademikern so viel besser sei als von Facharbeitern, erzeugten die Unternehmen selbst Fachkräftemangel. Besonders die leistungsstarken Jugendlichen seien nur noch schwer für eine duale Berufsausbildung zu gewinnen.

Kein Anlass zur Panik

Zur Panik bestehe aber kein Anlass. „Der deutsche Arbeitsmarkt scheint zu schätzen, was er hat“, ergänzt Ariane Neu. Wenn deutsche Unternehmen ihre Fertigung ins Ausland verlagerten, nähmen sie häufig sogar die duale Berufsausbildung mit. Und warum setzt sie sich im Ausland nicht durch, wenn sie doch so erfolgreich ist? Das liegt an unterschiedlichen Traditionen. Elsholz: „Wir haben einen berufsfachlich strukturierten Arbeitsmarkt. In England etwa wird stärker betriebsspezifisch qualifiziert. Bei uns investieren ausbildende Unternehmen auch in Kompetenzen, die sie selbst nicht unmittelbar brauchen.“

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben