Werksschließung

Dura-Mitarbeiter fühlen sich betrogen

Seit mehr als drei Jahren haben die Dura-Beschäftigten um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze gekämpft.

Seit mehr als drei Jahren haben die Dura-Beschäftigten um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze gekämpft.

Foto: Ralf Rottmann

Kirchhundem/Kreis Olpe.   Ältere Mitarbeiter haben Angst vor Altersarmut. Immerhin: Firmen haben sich bei der Olper Agentur für Arbeit gemeldet - sie suchen Fachkräfte

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Traurig, tief betroffen und vor allem zornig. Das trifft die Stimmungslage im Kirchhundemer Ortsteil Selbecke am Tag nach der Hiobsbotschaft: Der Automotive-Zulieferer Dura will seine Standorte in Selbecke und im benachbarten Plettenberg schließen. Was die Beschäftigten da noch nicht wissen: Es gibt einen Silberstreif am Horizont. Bei der Agentur für Arbeit in Olpe haben sich die ersten Unternehmen der Automobilzuliefererbranche gemeldet, die nach Fachkräften suchen und sich vorstellen können, Dura-Beschäftigte zu übernehmen.

„Wir versuchen jetzt schnellstmöglich einen Abgleich herzustellen, wer und in welchem Beruf betroffen ist“, erklärte Nina Appel, Sprecherin der Agentur für Arbeit, das weitere Vorgehen – und verweist auf den „Stellenüberschuss, den es im Kreis Olpe gibt“. Die Nachbar-Arbeitsagentur im Märkischen Kreis kündigte auf unsere Nachfrage an, eine Anlaufstelle im Dura-Werk in Plettenberg einrichten zu wollen: „Das Hilfsangebot steht. Arbeitslosmeldungen sollen vor Ort möglich sein“, sagt Leonie Brühl.

Die Faust in der Tasche

Viele der rund 100 Dura-Mitarbeiter in Selbecke, die mit der Schließung des Werks zum 30. April nächsten Jahres ihren Arbeitsplatz verlieren werden, ballten da gestern noch die Faust in der Tasche. Zwar kam die geplante Schließung für viele nicht überraschend, die Art und Weise sorgte allerdings für Frust. Wir sprachen nach der Frühschicht mit der Belegschaft. „Das war schon ein dicker Knall“, bestätigt Günther Sven, der seit 20 Jahren für Dura arbeitet. Einen Plan hat er noch nicht: „Irgendwann melde ich mich arbeitslos, bis dahin mache ich weiter.“

Wie in den letzten zwei Jahren hatte die Geschäftsführung die Mitarbeiter bis zum Schluss im Unklaren gelassen. Als die Angestellten in Selbecke am Dienstagmittag von der Betriebsversammlung in Plettenberg erstmals erfuhren, standen die Busse für den Transfer schon vor der Tür. Und im Anschluss hatte sich bereits ein Sicherheitsdienst in dem Werk eingerichtet, der nun überwachen soll, dass die Mitarbeiter nichts entwenden.

„Blöd gelaufen“, so fasst es Susanne Schwerme zusammen. Sie war 33 Jahre lang im Betrieb tätig und bangt um ihre Zukunft: „Man wird ja auch nicht jünger.“ Wut, Angst, Erleichterung. So ganz genau kann Gerd Reimann noch gar nicht zusammenfassen, was in ihm vorgeht. „Ich bin froh, dass wir endlich Gewissheit haben“, so der 59-Jährige, der allerdings auch ergänzt: „Ich fühle mich offen gesagt von den Verantwortlichen verarscht. Wieso spielt der Vorstand nicht einfach mit offenen Karten?“ Der Betriebsversammlung am Montag habe er gar nicht beigewohnt: „Das ist doch alles nur geheuchelt, was dort verkündet wird.“ Für seine eigene Zukunft sieht er indes noch schwarz: „Ich bin fast 60 Jahre alt. Ich denke, ich werde in die Altersarmut rutschen.“ An eine Abfindung glaubt er auch nach 33 Arbeitsjahren für Dura nicht: „Die werden versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen.“

Bürgermeister kritisiert den Vorstand

Auch Kirchhundems Bürgermeister Andreas Reinéry ist entsetzt: „Ich habe hautnah mitbekommen, wie katastrophal die Kommunikation der Geschäftsführung war. Es ist erschreckend, wie hier Arbeitnehmerrechte mit Füßen getreten werden“, so der Bürgermeister. Dabei sei Selbecke das Dura-Werk mit der höchsten Effizienz. „Wenn man weiß, dass man einen guten Job macht, tut die Schließung noch mehr weh.“

Den 170-Einwohner-Ort Selbecke hat die Nachricht von der Werkschließung in der Seele getroffen. Zwar habe man damit rechnen können, „aber dennoch war noch die Hoffnung da, dass es nicht so kommt“, so Anja Führt, Chefin des Hotels Landhaus Lenneper-Führt: „Wir sind alle sehr traurig.“ Die Hälfte der Belegschaft stammt aus Selbecke und Umgebung viele waren schon bei der Vorgängerfirma Schade beschäftigt. Für das einzige Hotel im Ort bricht im nächsten Jahr nicht nur ein langjähriger Geschäftspartner weg, das Dorf verliert ein weiteres Stück Infrastruktur.

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