Erinnerung

Gedenkstunde zur Reichspogromnacht in Siegen am Obergraben

An der Gedenkstunde am Platz der Synagoge nahmen erstmals Vertreter aus dem Partnerkreis Emek Hefer in Israel und Weißrussland teil.

Foto: Hendrik Schulz

An der Gedenkstunde am Platz der Synagoge nahmen erstmals Vertreter aus dem Partnerkreis Emek Hefer in Israel und Weißrussland teil.

Siegen.   Erstmals nehmen an der Gedenkstunde am Platz der Synagoge in Siegen Israelis und Weißrussen teil. Erinnerung an Siegenerin Ilse Haimann.

79 Jahre, bevor gestern, am Donnerstag, 9. November, der Obergraben für den Verkehr gesperrt wurde, riegelten Feuerwehr und Polizei schon einmal die Straße ab. Nicht, um Menschen vor Gefahr zu schützen. Sondern um sie bei einem Verbrechen zu unterstützen: Am 10. November 1938 stürmten Brandstifter die Synagoge der jüdischen Gemeinde, zerschlugen das Inventar, setzten das Gotteshaus in Brand.

Maßgeblich daran beteiligt war Paul Giesler, Nazi-Funktionär und Sohn des Mannes, der als leitender Architekt die stadtbildprägende Synagoge gebaut hatte. An der Gedenkstunde am Platz der Synagoge nahmen erstmals Vertreter aus dem Partnerkreis Emek Hefer in Israel und Weißrussland teil. Das Kaddisch, das jüdische Trauergebet, sprach Mikhail Kemerov aus Minsk.

Die Progromnacht*

Als die Synagoge brannte, kamen die Siegener und schauten. Die Juden saßen in „Schutzhaft“, im Rathausgefängnis oder bereits im KZ Sachsenhausen. Ein einziger Siegener protestierte. Der Arzt Dr. Stiebeling im Nachbarhaus soll das Fenster geöffnet haben: „Was macht Ihr denn da für eine Schweinerei!“, rief er.

Die Opfer*

Genau drei Jahre später, am 10. November 1941, fuhr ab Düsseldorf ein Zug der Reichsbahn nach Minsk, angeblich um Juden im Osten anzusiedeln. Im Zug war auch Ilse Haimann, geborene Salomon aus Siegen, die ihr erstes Kind erwartete. Und Dr. Hedwig Danielewicz, Witwe des Siegerländer Malers Karl Jung-Dörfler. Sie wurden ins Ghetto von Minsk gebracht, wo zuvor Platz mit einer Mordaktion geschaffen worden war. Nachdem die Neuangekommenen die Blutspuren beseitigt hatten, wurden sie in einem separaten Bereich eingesperrt und später im Vernichtungslager Maly Trostenez ermordet.

Ilse Salomon war am 11. November 1921 in Klafeld-Geisweid geboren worden, die Eltern wohnten an der neuen Königstraße. Mutter Jenny Salomon, geb. Frank aus Weidenau, hatte ein Schuhgeschäft, das 1938 an den Klafelder Friseur Erich Wagner ging. Im März 1941 starb Jenny Salomon, sie wurde auf dem Hermelsbacher Friedhof beigesetzt. Tochter Ilse heiratete am 4. April 1941 den jüdischen Kaufmann Emil Haimann aus Düsseldorf. Traute Fries vom Vorstand des Aktiven Museums, die den Fall Ilse Haimann recherchiert hat, sagt: „Insgeheim wünsche ich mir immer, dass Danielewicz der schwangeren Ilse Haimann noch hat beistehen können.“

Die Delegation

Auf dem Gelände von Maly Trostenez entsteht eine europäische Gedenkstätte und verbindet laut Prof. Manfred Zabel vom Aktiven Museum Südwestfalen deutsche und weißrussische Erinnerungskultur. Maßgeblich geprägt hat es der Architekt Leonid Lewin, der Siegen und das Museum kennenlernte, als er sich für eine Operation in der Stadt aufhielt.

Lewin war beeindruckt vom Konzept der Geschichtswerkstatt und der Arbeit des Museums sowie der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Lewins Tochter Galina führt heute seine Arbeit fort; sie ist Teil der weißrussischen Delegation, die derzeit auf Betreiben Manfred Zabels Siegen besucht und Mitglied im interreligiösen Arbeitskreis der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte (IBB) „Johannes Rau“ in Minsk.

„Wir alle haben die Bilder unserer zerstörten Städte in den Herzen. Uns vereint die Erinnerung – und das Leben in unseren wiederaufgebauten Heimen. Wir sind voller Kummer, wenn wir Kämme oder Uhren der Ermordeten sehen. Es ist eine große Ehre, in anderen Ländern dabei zu helfen, dass so etwas nie wieder passiert. Ich bin sehr bewegt, das Museum in Siegen zu sehen, das auf meinen Vater so großen Eindruck machte. Wir tun alles dafür, dass nächstes Jahr alle gemeinsam in der Gedenkstätte Maly Trostenez beten können.“ – Galina Lewina

„Unsere Arbeitsgruppe bringt die interreligiöse und interkonfessionelle Zusammenarbeit in Belarus nach vorn. Auch wenn katholische und russisch-orthodoxe Kirche die wichtigsten sind, haben die anderen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die lutherischen Gemeinden im Land sind zwar nicht groß, haben aber eine lange Tradition.Heute sind auch Juden in unserem Arbeitskreis vertreten, dank Leonid Lewin, der sich am Vorbild der Siegener Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit orientierte. Die Orte der Massenvernichtung wie Maly Trostenez sind unsere gemeinsame Geschichte und Erinnerung. Man spürt: Der Siegener Geist hat in Minsk Wurzelngeschlagen.“Rimma Paschko

Uns ist es sehr wichtig klarzumachen, wie jüdisches Leben im Krieg zerstört wurde – und dass es ein Wunder ist, dass es heute eine Renaissance erfährt. Die Türen unserer Gesellschaft, die Gemeinden des fortschrittlichen Judaismus, stehen immer allen offen. Wir suchen nach Möglichkeiten, den Dialog auszuweiten. Wir sitzen hier in Siegen als Freunde. Und der Freundeskreis wird immer größer.“ – Mikhail Kemerov

„UnserArbeitskreis ist eine Schnittstelle zu Kultur und Leben im Land. In Weißrussland haben alle Religionen und Konfessionen immer eng zusammengelebt.“ – Pater Alexander Fominych

„Als Erzpriester der russisch-orthodoxen Kirche lehre ich an der Akademie die Theologie des Alten Testaments, das Judentum ist für mich von besonderem Interesse, auch weil es in Belarus eine lange Geschichte hat. Unsere Kultur ist tief damit verbunden. Heute leben noch 50 000 Juden im Land, wir müssen die Geschichte am Lebenerhalten.“ – Alexej Wassin

„Wirbrauchen das Gedenken. Unbedingt. Wir brauchen institutionalisierte Erinnerungsorte, um die Erinnerung wach zu halten an das, was sich nicht wiederholen darf. Das Aktive Museum betreibt mit großem Einsatz Erinnerungskultur. Gegen das Vergessen. Denn dazu darf es niemals kommen.“ – Bürgermeister Steffen Mues

*Die Informationen basieren auf der Rede Prof. Manfred Zabels bei der gestrigen Gedenkstunde und Recherchen Traute Fries’.

>>>> INFO: Schweigeminute für Klaus Ditermann

Mit einer Schweigeminute wurde bei der Gedenkveranstaltung vor dem Aktiven Museum Klaus Dietermanns gedacht.

Dietermann hat von Anfang an die Gedenkstunde mitgestaltet und war entscheidend an der Museumsgründung beteiligt.

  • Die Lokalredaktion Siegen ist auch auf Facebook.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik