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Philosophie in der Grundschule – als Ersatz für Religion

Hagen.   Philosophie ist bislang ein Religions-Ersatzfach für Schüler an weiterführenden Schulen. Das soll sich ändern. Was halten Sie davon?

Drei schneeweiße Gänse auf einer Weide aus Müll. Zwischen Kunststoffverpackungen und leeren Flaschen grasen die Tiere. Dieses Foto haben Thomas Sukopp und Christian Prust, Philosophen an der Universität Siegen, Drittklässlern an Grundschulen gezeigt. Wie zu erwarten, waren viele Kinder traurig über das Schicksal der Gänse im Müll. Aber nicht nur, weil die Tiere hübsch sind. Die Schüler überlegten sich vielmehr, angeleitet durch die Fragen von Sukopp und Prust, wie es wohl wäre, wenn die Gänse umgekehrt Häuser und Gärten der Menschen vermüllten. Ein Perspektivenwechsel – so zum Beispiel geht Philosophieren mit Kindern.

Die Politik

Der Philosophieunterricht soll an den Grundschulen in NRW künftig neues Fach werden — für alle Mädchen und Jungen, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Das fordert zumindest die Grünen-Fraktion – und hat einen entsprechenden Antrag in den Landtag eingebracht. Praktische Philosophie gibt es bereits an den weiterführenden Schulen ab der 5. Klasse. Doch auch an den Grundschulen müssten sich alle Kinder mit Sinn-, existenziellen und Wertefragen auseinandersetzen können, so das Argument der Grünen.

Der Antrag der Oppositionsfraktion hat vermutlich keine Aussicht auf eine Mehrheit im Landtag. Die schwarz-gelbe Landesregierung hat im Koalitionsvertrag vereinbart, „Ethikunterricht“ an Grundschulen zu ermöglichen. An der Umsetzung werde derzeit gearbeitet, so ein Ministeriumssprecher.

Die Kirchen

Egal, ob das Fach nun Ethik oder Philosophie heißen wird: evangelische und katholische Kirche begrüßen die Einführung eines Ersatzfaches für nichtkonfessionelle Kinder. „Denn jedes Kind stellt sich Sinn- und Wertefragen“, so eine Sprecherin des Erzbistums Paderborn. Antworten darauf müssen auch die finden, die nicht den Religionsunterricht besuchen.

Wenn ein solches Fach eingeführt werde, müssten Philosophielehrer für die Primarstufe fundiert ausgebildet werden, fordert die Sprecherin: „Das kann nicht der Sachkundelehrer nebenbei mitmachen.“

Die Wissenschaft

Philosophie nicht als Ersatzfach, sondern für alle Grundschüler – das fordert dagegen Thomas Sukopp, Experte für Fachdidaktik der Philosophie. „Das Philosophieren ist persönlichkeitsbildend“, erklärt er. Es schule die Kinder darin, zu reflektieren, ergebnisoffen und strukturiert zu denken, stärke ihre Argumentationsfreude und vermittle ihnen somit bereits an der Grundschule Fertigkeiten, die sie in vielen Fächern an den weiterführenden Schulen benötigten, so Sukopp.

Beim Philosophieren würden sie erfahren, „dass auch andere Meinungen zählen. Das zu lernen ist in einer pluralen Gesellschaft wichtig“, fügt er hinzu. Ebenso, früh zu üben, die eigene Meinung gut mit Argumenten zu begründen. Darüber hinaus gebe die Philosophie Kindern in 3. und 4. Klassen, wenn das Tempo im Unterricht anzieht, „einen Freiraum, in dem sie Zeit haben zu denken“.

Die Lehrer

Brigitte Motz, Lehrerin an der Grundschule in Netphen, hat im Sommer 2016 mit ihrer damaligen 3. Klasse am Philosophie-Forschungsprojekt von Thomas Sukopp und Christian Prust teilgenommen. Sie haben an der Schule unter anderem untersucht, ob Philosophieren dazu beiträgt, dass Kinder lernen, nachhaltig für die Umwelt zu handeln. In Netphen hat es offenbar geklappt.

„Bei den Kindern hat es einen Gedankengang angestoßen“, sagt Brigitte Motz: Angeregt durch die Philosophiestunde wurden Umwelt- und Meeresverschmutzung zum großen Projekt der Klasse. Eine Klasse, die im Übrigen äußert sozial gewesen sei, blickt Motz zurück. Dieses Miteinander sei durch die Unterrichtseinheit und das Philosophieren noch einmal gestärkt worden, ist die Lehrerin überzeugt.

Auf die Weide werfen diese Kinder ihren Müll vermutlich nicht.

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