Automobilmesse

IAA 2019: Hella setzt auf China, Kirchhoff auf Sicherheit

Hella aus Lippstadt zeigt auf der IAA ein Konzeptfahrzeug, in dem auf beeindruckende Art und Weise autonomes Fahren erlebbar wird.

Hella aus Lippstadt zeigt auf der IAA ein Konzeptfahrzeug, in dem auf beeindruckende Art und Weise autonomes Fahren erlebbar wird.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Frankfurt.  Die Gewichte auf dem Automarkt verschieben sich, zeigt sich auf der IAA. Für Hella ist der Weg nach China ein Muss, andere sind zurückhaltender.

Spielt die Musik noch in Deutschland, wenn es um Autos geht? Zur neuen Welt der Mobilität gehören unzweifelhaft das E-Auto und autonomes Fahren. Und als Taktgeber sehen nicht wenige hier China – allerdings nicht alle gleich.

„China ist für uns ein Muss“, lässt etwa Hella-Chef Rolf Breidenbach auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) am Mittwoch in Frankfurt keinen Zweifel an der Strategie des Zulieferers aus Lippstadt. „Wir werden sogar spezielle Produkte nur für den chinesischen Markt bauen“, kündigt Breidenbach an.

Chance und Risiko

Das Reich der Mitte ist ein riesiger Markt mit gewaltigem Potenzial, in dem aber die Absatzzahlen in den vergangenen Monaten zwischenzeitlich um bis zu 20 Prozent eingebrochen sind, weil die Regierung auf die Bremse trat. Es ist eben ein staatlich regulierter Markt, bemerkt Arndt G. Kirchhoff, Vizepräsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) und Chef des Sauerländer Zulieferers Kirchhoff Automotive. „China bietet nach wie vor große Chancen“, räumt Kirchhoff ein – rät aber auch, die Entwicklung im Land mit Argusaugen zu beobachten. Für das eigene Traditionsunternehmen, das zahlreiche Autobauer mit wichtigen Karosserieteilen beliefert, sind die Möglichkeiten nicht etwa schlecht, aber sie sind überschaubarer als für den Licht-, Elektronik und mittlerweile auch Softwarespezialisten Hella.

Die Lippstädter sind Technologieführer im Bereich digitales Licht (LED), kündigen auf der IAA für 2022 die Scheinwerferrevolution „SSL-HD“ mit über 15.000 Lichtpunkten an, deren Herzstück gerade einmal Fingernagel groß ist. Einen Großauftrag eines Premiumherstellers im Wert von einigen hundert Millionen Euro habe man bereits in den Büchern. Bei einigen zentralen Komponenten für Elektromobilität und autonomes Fahren kooperiert Hella mit Partnern. Mit einer Tochter des chinesischen Automobilkonzerns BAIC gibt es eine enge Zusammenarbeit bei der Produktion von „Dual-Voltage-Batteriesystemen“ , die sowohl mit 12 als auch mit 48 Volt umgehen können. Der Fokus: Hybridfahrzeuge.

Nicht sichtbare Sicherheit

Kirchhoffs dagegen halten das Chinageschäft bewusst in einer Größenordnung, die das Sauerländer Unternehmen nicht der Gefahr aussetzt, von Entwicklungen und Entscheidungen in Peking abhängig zu sein, wie künftig vermutlich VW.

Technologieführer ist auch Kirchhoff, etwa bei der Herstellung sicherheitsrelevanter Karosserieteile in Leichtbauweise aus Stahl und in Kombination Stahl/Aluminium. Für den Autobau in China ist aber ein europäischer Crashtest nicht das entscheidende Kriterium – und chinesische Zulieferer haben – staatlich gestützt – auf dem Heimatmarkt Kostenvorteile beim Materialeinkauf.

Kirchhoff Automotive zeigt auf der IAA eine Reihe Neuheiten, vom weiter entwickelten Batteriegehäuse für Elektrofahrzeuge bis hin zu Komponenten, die in der Branche als „Crash-Management-System“ bezeichnet werden und die Otto Normal-Autofahrer unter der Bezeichnung Stoßstange kennt. Noch leichter als in der Vergangenheit, was am Ende dem Verbrauch gut tut, gleich bei welcher Antriebsart – und vor allem noch sicherer. „Das Ziel ist es, die Kraft bei einem Aufprall bestmöglich zu verteilen, und zwar auch beim Unfallgegner. Etwa, wenn ein SUV auf einen Kleinwagen trifft“, erklärt Marco Töller, Leiter der Kirchhoff-Produktentwicklung. Ab 2020 ein Kriterium, das in die Bewertung bei NCAP-Crashtests mit einfließt. Und auch für Fahrer von Elektroautos eine große Rolle spielen kann, schließlich „fehlt“ unter der Motorhaube ein mächtiger Puffer im Falle eines Aufpralls.

Mehr als ein psychologischer Faktor ist Sicherheit auch beim Thema autonomes Fahren, das Hella auf der IAA mit einem Konzeptfahrzeug präsentiert. Plastic Omnium und Faurecia sind hier mit von der Partie. Gezeigt wird ein Teil der Mobilität von übermorgen, in die man eintaucht, in dem man sein Smartphone an die Karosse hält. Es öffnet sich die Tür und damit die Welt auf Level-5. Voll automatisiertes Fahren, bei dem das Lenkrad nur bei Bedarf herausfährt und den Passagier nach einem Schläfchen erst zum Zuge kommen lässt, wenn der Computer mittels Kamera und Auslesen der Herzfrequenz geprüft hat, ob er auch tatsächlich hellwach ist. Zukunftsmusik, die aus Deutschland immerhin mitbestimmt werden könnte. Allerdings frühestens 2030, schätzt Hella-Chef Breidenbach. Selbst das erscheint noch ambitioniert.

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