Interview

Jungunternehmer will „frischen Wind“ ins Handwerk bringen

Handwerksberufe wie Dachdecker (Symbolbild) Handwerksberufe wie Dachdecker sind sichere Jobs, glaubt der stellvertretende Bundesvorsitzende Lukas Büdenbender.

Handwerksberufe wie Dachdecker (Symbolbild) Handwerksberufe wie Dachdecker sind sichere Jobs, glaubt der stellvertretende Bundesvorsitzende Lukas Büdenbender.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Siegen.  Lukas Büdenbender ist erst 27, kommt aus Siegen und führt nun bereits zum zweiten Mal einen bundesweiten Verband mit an.

Mit erst 27 Jahren wurde der Siegener Lukas Büdenbender zum zweiten Mal zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Wirtschaftsverbandes „Die jungen Unternehmer“ gewählt. Als Hauptgesellschafter des Dachdeckerbetriebs Büdenbender Dachtechnik und Gründer der wirbauen.digital GmbH will er für „frischen Wind“ in der analogen Bauwelt sorgen.

Ist die Baubranche veraltet?

Lukas Büdenbender: Sie hat Stand heute eine Arbeitsproduktivität, die im Vergleich zu anderen Branchen 15 Jahre zurückliegt. Es gilt, alte Strukturen aufzubrechen und den Leuten auf der Baustelle auch digitales Werkzeug an die Hand zu geben, das sie verstehen und auch benutzen können.

Verstehen sie es jetzt nicht?

Es gibt viele Ansätze der Digitalisierung. Was wir als Gründer von wirbauen-digital als Hemmschuh identifiziert haben, ist, dass die Ansätze oft Top-Down sind, das heißt: Produkte wurden entwickelt von Leuten, die die Branche nicht richtig kennen oder außerhalb des physischen Bauprozesses studiert haben. Die Wertschöpfung findet aber da statt, wo ein Handwerker einen Stein auf den nächsten stellt.

Was muss sich also ändern?

Wir wollen den Prozess vom Handwerker aus denken. Die wichtigste Aufgabe des Bauarbeiters ist es, ein Haus fertig zu bauen – aber wie kriegen wir von ihm die Information, dass er heute zehn Meter Kabel in die Wand gelegt hat? Über eine App geht das, außerdem sieht er dort direkt, welche Anforderungen an ihn gestellt werden.

Also geht es auch um Effizienz?

Effizienz kommt von alleine. Es geht vor allem darum, Transparenz zu schaffen. Wenn man ein Haus kauft, kann man froh sein, wenn man einen Schnellhefter bekommt, in dem sich am Ende die Rechnung vom letzten Schornsteinfeger findet. Es gibt kaum Daten zu dem teuersten Gut, das sich eine Privatperson in Deutschland anschafft.

Der Verband hat die ganze Wirtschaft im Blick, Sie selbst setzen sich stark im Handwerk ein. Wurden Sie deshalb wiedergewählt?

Digitalisierung ist ein generelles Problem, das hat uns die Corona-Krise extrem verdeutlicht. Solche Krisen stellen oft Probleme in den Vordergrund, die schon lange da waren. Deutschland hat Nachholbedarf in allen Branchen. Der Lockdown hat uns aber gezeigt: Wir können das, wenn wir wollen. Auf einmal schaffen es ganze Konzerne, ganze Branchen, sogar die Behörden, sich von heute auf morgen auf Homeoffice umzustellen, auf komplett digitalisierte Prozesse. Wir müssen dranbleiben und die Beschleunigung nutzen, um wieder federführend mitspielen zu können.

Wo mitspielen?

Wir müssen das schaffen, worum uns die ganze Welt beneidet, wieder in den Vordergrund zu stellen: unser duales Ausbildungssystem. Die Ausbildung ist in der gesellschaftlichen Wahrnehmung deutlich niedriger gestellt als ein Studium. Ganz ehrlich: Ich stelle lieber jemanden ein, der eine gute Ausbildung und Berufserfahrung hat als einen Studenten, der nach drei Jahren einen Bachelor of Arts in BWL hat. Ich habe den selber gemacht und weiß, was ich danach konnte: relativ wenig. Deutsche Handwerker sind weltweit sehr gefragt. Wer heute ein Handwerk erlernt, muss sich bis zur Rente nie wieder Sorgen machen, einen Job zu bekommen. Diesen Wert müssen wir herausstellen.

Sie als Siegener: Sehen Sie in der Region ein besonderes Potenzial?

Wir haben absolutes Potenzial. Siegen war schon immer ein wichtiger Wirtschaftsstandort. Wir müssen zusehen, dass wir jetzt nicht verschlafen und Investoren mit offenen Armen empfangen. Leider genehmigen die hiesigen Behörden wichtige Bauvorhaben oft mit extremem Zeitverzug. Doch mit diesen Investitionen kommen meist auch Unternehmen zu uns und damit Innovationen. Ich würde mir vereinfachte Verfahren wünschen.

Einfacher möchte Ihr Verband es auch den jüngeren Generationen machen und für mehr Gerechtigkeit sorgen. Wie?

Deutschland investiert so viel wie sonst kein anderer Staat, um die Auswirkungen der Corona-Krise einzudämmen. Aber diese Investitionen bedeuten oftmals zusätzliche Verschuldung. Und die wird von den nächsten Generationen getragen. Die Politik denkt in Vier-Jahres-Perioden und oft nicht daran, wer das am Ende des Tages wieder ausbügeln muss.

Wenn man das ändert: Was wäre die Konsequenz für die Unternehmen, die jetzt leiden?

Das muss man differenziert sehen. So eine Krise ist häufig der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Andere Unternehmen haben die letzten Jahre solide gewirtschaftet und sind jetzt „unverschuldet“ in eine Situation gekommen, in der sie Hilfe brauchen. Deswegen ist unsere Forderung, nicht auf die letzten zwei, drei Monate zu schauen. Sondern den Unternehmen, die 2018 und 2019 ordentliche Gewinne hatten und die auch versteuert haben, die Möglichkeit zu geben, die Verluste durch die Pandemie mit den alten Gewinnen verrechnen zu können und eine Steuererstattung zu bekommen.

Was wollen Sie in Ihrer Amtszeit erreichen?

Die Attraktivität der Ausbildungsberufe wieder heben. Und: Das Gründungsklima in Deutschland verbessern. Wir haben eine Mentalität, in der man keine Fehler machen darf. Statt mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, der gescheitert ist, sollte man begeistert jemandem entgegenstehen, der Mut hat, etwas voranzutreiben. Denn dieser Mut führt dazu, dass Deutschland ein starker Wirtschaftsstandort bleibt.

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