Medizin

Krank durch Brustimplantate: Frau aus dem Sauerland kämpft

| Lesedauer: 8 Minuten
Tanja Haberer aus Arnsberg hat sich ihre Brustimplantate wieder explantieren lassen. Es war eine lange Leidenszeit.

Tanja Haberer aus Arnsberg hat sich ihre Brustimplantate wieder explantieren lassen. Es war eine lange Leidenszeit.

Foto: Tanja Haberer / privat

Arnsberg.  Tanja Haberer lebt jahrelang mit vielen Beschwerden. Als klar wird, dass es an ihren Brustimplantaten liegt, handelt sie konsequent.

Tanja Haberer leidet. Doch keiner weiß woran. Ihre Gelenke schmerzen, sie ist ständig müde und vergisst. „Ich habe mich wie benebelt gefühlt, nicht ganz bei Sinnen“, sagt die 35-Jährige. „Ich bin von Arzt zu Arzt gelaufen, doch keiner konnte mir helfen.“ Irgendwann fängt sie an, selbst im Internet zu recherchieren und entdeckt auf Facebook mehrere Erfahrungsberichte. Dort erzählen Frauen von ihren Symptomen und das sie verschwanden, als sie ihre Brustimplantate entfernen ließen.

„Ich habe angefangen zu heulen, als ich das gelesen habe, weil ich dachte, sie sprechen von mir“, sagt Tanja Haberer. „Da hatte ich dann die Vermutung, dass meine Brustimplantate mich krank machen.“ Nun kämpft Tanja Haberer dafür, dass „Breast Implant Illness“ (Brustimplantatkrankheit, kurz BII) bekannt und auch offiziell als Krankheit anerkannt wird.

Die OP verläuft ohne Komplikationen

Als alles vorbei ist, steht Tanja Haberer wieder vor dem Spiegel. Die großen Brüste, die sie sich so sehnlich wünschte, sind entfernt worden. „Ich hatte nie eine große Brust. Das war für mich okay. Aber nach der Stillzeit war die Brust dann komplett weg“, sagt sie. Die „fehlende Weiblichkeit“ wurde für sie zunehmend zum Makel in einer Welt, in die ständig neue, aufgehübschte und gefilterte Bilder der Makellosigkeit entsendet werden. „Überall sieht man in den Medien die perfekte Brust“, erzählt sie. Als sie sich im Januar 2015 für die OP entschied, ahnte sie nicht, was das für sie, für ihr Leben bedeuten würde. Und dass diese Odyssee erst jetzt endet, als sie in den Spiegel blickt. Sie schaut an sich herunter und sagt: „Das bist jetzt du!“

Für ein „volles C“ hatte sie sich entschieden. Vor der Operation hat sie die kleinste Körbchengröße: AA. „Ich habe mir gesagt: Wenn ich mich schon operieren lasse, muss man es auch sehen.“ Sie findet einen plastischen Chirurgen in Dortmund. Er weist sie kurz auf die häufigsten Risiken einer Implantation hin – doch darüber macht sich Tanja Haberer nicht ernsthaft Gedanken. „Ich war naiv“, sagt sie im Rückblick. Der Eingriff verläuft komplikationsfrei. Zwei Jahre lebt sie mit den Brustimplantaten im Körper. „Ich habe mich nach der OP weiblicher gefühlt.“

Von Ärzten wird sie teils belächelt

Wenn sie an die Zeit denkt, die danach kam, vergeht ihr das Lächeln. Alles beginnt mit einem Ziehen in der Brust. Die Schmerzen? Noch erträglich. Sie sucht den Frauenarzt auf. „Laut dem Ultraschallbild war alles unauffällig.“ Nach und nach kommen immer mehr Beschwerden dazu. „Ich war chronisch müde und wollte nur noch schlafen. Ich habe mich krank gefühlt.“ Sie konsultiert weitere Ärzte. Keiner kann ihr helfen. Im Gegenteil. „Zum Teil wurde ich für meine Beschwerden sogar belächelt.“

Tanja Haberers Symptome werden immer stärker. „Mein Mann hat irgendwann gesagt: Du bist so jung, aber irgendwie ständig krank.“ Die Sorge wächst, dass sie für ihre Familie nicht so da sein kann, wie sie möchte. Sie versucht, die Beschwerden vor ihrer fast erwachsenen Tochter und ihrem Sohn im Grundschulalter zu verbergen. Das kostet Kraft.

Insgesamt dreieinhalb Jahre dauert dieser Zustand an. Und er endet nur, weil sie sich selbst auf die Suche begibt: Sie hat die Brustimplantate im Verdacht. Ihre Ärztin hält diese Theorie ebenfalls für denkbar: Ihr Körper wehrt sich permanent gegen einen Fremdkörper. Die Entscheidung, ihre Brustimplantate wieder entfernen zu lassen, fällt ihr dennoch nicht leicht. „Das hat mich viele Tränen und Mut gekostet.“ Im Mai dieses Jahres wird der Eingriff vorgenommen, ein Experte in Wasserburg operiert sie. Die Silikonkissen nimmt sie sich mit, als Erinnerung an schlimme Zeiten, als Zeichen der Befreiung.

Die Beschwerden verschwinden

Zwei Tage nach der Explantation sind fast all ihre Beschwerden verschwunden. Sie ist nicht mehr müde, die Kopfschmerzen und die Schmerzen in der Brust sind weg. Sie fühlt sich nicht mehr benebelt.
Tanja Haberer ist in ihrem Körper angekommen. Diese schmerzvolle Reise zu sich will sie anderen ersparen. Sie möchte anderen Betroffenen helfen: „Viele Frauen wissen nicht, dass ihre Beschwerden von den Brustimplantaten kommen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nicht verstanden wird.“ Sie engagiert sie sich auf Facebook in der Gruppe „Krank durch Brustimplantate“ und geht mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit. „Ich möchte nicht jammern, sondern Frauen warnen.“ Viele Frauen würden vor Scham schweigen und nicht über ihre Beschwerden reden. Und auch ehemalige Brustkrebs-Patientinnen würden sich für ein Brustimplantat entscheiden, ohne die Brustimplantatkrankheit überhaupt zu kennen.

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist diese als solche auch nicht anerkannt. Tanja Haberer weiß aber, dass es sie gibt. Die zehn bis zwölf Zentimeter langen Narben unter ihrer Brust werden sie immer daran erinnern.

>> INFO: Online-Petition

-Mehr Informationen über die Brustimplantatkrankheit erhalten Interessierte und Betroffene im Internet unter www.krank-durch-brustimplantate.de oder in der Facebook-Gruppe „Krank durch Brustimplantate - Breast Implant Illness DE by Birgit Schäfers“.

- Zudem gibt es eine Petition auf der internationalen Kampagnenplattform „change.org“. Hier wird dafür gekämpft, dass die Brustimplantatkrankheit offiziell als Krankheit anerkannt wird. Die Petition finden Interessierte im Internet hier.

>> HINTERGRUND: Warum die Krankheit oft nicht anerkannt wird

Warum wird „Breast Implant Illness“ (BII) von der Weltgesundheitsorganisation nicht als Krankheit anerkannt?

Prof. Dr. Dr. Lukas Prantl, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), kennt die Ursachen und Symptome.

Was ist BII?

Hierbei handelt es sich um ein „Krankheitsbild, das mit Brustimplantaten aus Silikon in Verbindung gebracht wird“, so Prantl. Es sei auch als „ASIA“ (Autoimmune Syndrome Induced by Adjuvants) bekannt. „Berichtet wird ein sehr breites Spektrum von Symptomen, die auch bei anderen Erkrankungen häufig zu finden sind.“ Die Symptome: chronische Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Herzrasen, Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen, Migräne, Muskelschwäche, Taubheitsgefühle und Hautausschlag.

Warum ist BII als Krankheit nicht anerkannt?

„Der ursächliche Zusammenhang zwischen Brustimplantaten und den geschilderten Symptomen ist bis dato nicht erwiesen“, erklärt Lukas Prantl. Spezifische „diagnostische Marker“ zum Nachweis der Erkrankung würden aktuell nicht existieren. Da die Symptome auch relativ ähnlich zu den Begleiterscheinungen diverser Autoimmunerkrankungen, wie etwa Rheuma, seien, könne dieses Krankheitsbild aktuell nicht eindeutig diagnostiziert werden. Es bleibe nur die „Ausschlussdiagnose“. Weitere Studien zur Erforschung von BII seien daher „dringend notwendig“.

Sollte BII laut der DGPRÄC als Krankheit anerkannt werden?

„Patientinnen mit entsprechenden Symptomen müssen in jedem Fall sorgfältig untersucht und eventuelle Behandlungsmöglichkeiten ausgelotet werden“, erklärt der DGPRÄC-Präsident. Dies solle möglichst im Rahmen von Studien erfolgen, um mehr über BII zu erfahren. Dennoch: „So lange es keinen empirischen Nachweis für einen Zusammenhang von Symptomen und Brustimplantaten gibt, befürworten wir keine offizielle Anerkennung als Krankheit.“ Die DGPRÄC setze sich aber für eine weitere Klärung ein und unterstütze das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfARM) bei der Erstellung eines Meldebogens zum Thema. „Wir sind auch zuversichtlich, über das Implantateregister belastbare Daten zu erhalten.“ ​

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