Soziale Foodskulptur

Kunstverein Arnsberg präsentiert Kunst zum Vernaschen

Anne Duk Hee Jordan mit ihrer sozialen Foodskulptur im Kunstverein Arnsberg.

Anne Duk Hee Jordan mit ihrer sozialen Foodskulptur im Kunstverein Arnsberg.

Foto: BORIS GOLZ / Kunstverein Arnsberg

Arnsberg.  Kunst zum Vernaschen präsentiert der Kunstverein Arnsberg. Anne Duk Hee Jordan bringt Pferdemist aus und kreiert eine essbare Skulptur.

Das Universum von Anne Duk Hee Jordan ist ein Abenteuer für alle Sinne, eine Wunderkammer zwischen futuristischem Paradies und der Werkstatt eines extragalaktischen Tüftlers. Die Luft riecht satt nach Fruchtbarkeit, manche würden sogar sagen: sie stinkt. Getrocknete Pferdeäpfel hängen an Schnüren von der Decke. Zutritt findet man durch ein Mistbeet, auf dem ein Rosenstock wächst. Alles ist Werden und Vergehen, Verwandlung und Adaption. Nur der Mensch fehlt. Denn die Künstlerin erschafft im Kunstverein Arnsberg einen postanthropozentrischen Kosmos.

In Zeiten des Klimawandels klappern Muschelschalen und Kamillenblüten hier zwar nicht mit dem Zeigefinger, aber die Künstlerin untersucht auf mehreren Ebenen, wie Umwelteinflüsse Metamorphosen herbeiführen.

Seit über 30 Jahren realisiert der Kunstverein Arnsberg mit großem bürgerschaftlichen Engagement avantgardistische Projekte, die man eher in den Metropolen erwarten würde. „Es muss Orte geben, wo man sagt: Wir machen jetzt Kunst und versuchen, die wesentlichen Dinge herauszufiltern. Und dann wirken sie auch“, ist Dr. Johannes Teiser überzeugt, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins.

Anne Duk Hee Jordan wurde 1978 in Korea geboren und wuchs in der Pfalz auf. Sie war Meisterschülerin von Prof. Olafur Eliasson am Institut für Raumexperimente in Berlin und stellt international aus, von Arnsberg geht es direkt nach Malmö in Schweden.

Ziggy goes wild

Die Künstlerin arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Ökologie. Ihre Themen sind überlebenswichtig, aber ihr Ansatz wird von einem verblüffenden Forscherdrang und von viel Humor bestimmt. „Ziggy goes wild“ lautet der Titel der Ausstellung und referiert damit auf David Bowies Helden Ziggy Stardust, den bisexuellen Marsianer, der die Erde retten wollte und dem Rock’n’Roll zum Opfer fiel. So geht es vielleicht auch den Seegurken, die Anne Duk Hee Jordan mit motorisierten Untersätzen mobil macht, damit sie sich in eindeutiger Absicht umkreisen können. Dabei brauchen Seegurken gar keinen Sex. Sie vermehren sich durch Teilung und sind gleichsam unsterblich.

Woher die Künstlerin das weiß? Sie ist auch Profitaucherin, und eine Unterwasser-Videoarbeit mit faszinierenden Bildern zur sich durch Umwelteinflüsse verändernden Sexualität von Fischen ist Bestandteil der Ausstellung. Dazu gibt es Skizzen, Gemälde und singende Steine, eben ganz wie in einer Renaissance-Wunderkammer oder wie im Forschungslabor eines vergessenen Astronauten auf einem namenlosen Asteroiden.

Unterschätzte Steine

Steine zum Beispiel sind völlig unterschätzt, da ist sich Anne Duk Hee Jordan sicher. „Wenn man Steine zum Klingen bringt, kann man am Geräusch ihr Alter ableiten. So ein Babystein ist ungefähr zwei Millionen alt. Das ist im Vergleich zu uns Menschen schon unvorstellbar.“

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine lange Tafel, eine soziale Nahrungsskulptur, die Anne Duk Hee Jordan mit essbaren Pflanzen und Kräutern bepflanzt hat. Perspektivisch wird der Tisch durch eine Videoarbeit aus den abgeholzten Regenwäldern Argentiniens verlängert.

Die wilde florale Skulptur wird von den Ausstellungsbesuchern übrigens verspeist. Es dürfte für die meisten von ihnen eine einmalige Erfahrung werden, sich durch Kunst zu essen. Die Reste der Installation verwelken und wandern zusammen mit dem Mistbeet auf den Kompost, damit der Kreislauf neu beginnen kann. Kommt der Begriff human von Humus? „Metamorphosen faszinieren mich“, sagt Anne Duk Hee Jordan und ergänzt: „Hunger und Nahrung spielen eben eine große Rolle in unserer Ökonomie. Sie sind das erste Glied in der Kette. Hunger verursacht Krieg.“

Verliebte Seegurken

Wird der Mensch zum Wimpernschlag der Evolution, während Pflanzen und Tiere sich anpassen und überleben? Werden mechanisch bewegte Körper irgendwann beseelt? Anne Duk Hee Jordan hat keinen Belehrungsanspruch, und sie polarisiert auch nicht. Stattdessen erzählt sie Geschichten, romantische Geschichten von verliebten Seegurken zum Beispiel.

Die Ausstellung ist bis zum 16. November zu sehen. www.kunstverein-arnsberg.de

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