Kriminalität

Missbrauch an Kindern: Wie eine Fahnderin die Bilder erträgt

Kriminalkommissarin Viona van der Lugt – hier mit Akten der Staatsanwaltschaft Hagen - sichtet im Ennepe-Ruhr-Kreis kinder- und jugendpornographisches Material, um den Tätern auf die Spur zu kommen.

Kriminalkommissarin Viona van der Lugt – hier mit Akten der Staatsanwaltschaft Hagen - sichtet im Ennepe-Ruhr-Kreis kinder- und jugendpornographisches Material, um den Tätern auf die Spur zu kommen.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Schwelm.  Kommissarin Viona van der Lugt (27) sichtet in Schwelm acht Stunden am Tag das Bild- und Videomaterial, das bei Verdächtigen sichergestellt wird.

Viona van der Lugt lächelt. Sie kennt die Frage schon. Natürlich wolle sie einmal eigene Kinder haben, sagt die Kriminalhauptkommissarin. 27 Jahre ist sie alt, ihr Blick kann durchdringend sein. Immer schon habe sie genau an den Platz gewollt, an dem sie da gerade sitzt. Das sei ihr Traumjob. Über den sagt sie: „Oft empfinde ich Ekel, teilweise Wut und manchmal ist man einfach nur erschöpft.“

Sie sieht in ihrem Beruf viele Kinder. Sie tauchen als Videosequenzen oder Bilder auf ihrem Monitor auf. Viona van der Lugt gehört in der Kreispolizeibehörde des Ennepe-Ruhr-Kreises einem Team an, das auf die Bearbeitung von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist.

„Missbrauch tötet Kinderseelen“

Es sind Menschen wie sie, auf die es ankommt, wenn aus einem Anfangsverdacht Gewissheit wird und wenn aus der Gewissheit ein Martyrium für ein oder mehrere Kinder sichtbar wird. Dieses Leid gibt es noch immer viel zu oft – und in zunehmendem Maße. Die Straftaten in diesem Deliktsbereich stiegen 2019 in Nordrhein-Westfalen um 67 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Innenminister Herbert Reul (CDU) hat kürzlich eingeräumt, die Dimension von Kindesmissbrauch lange Zeit nicht erkannt zu haben. Inzwischen sei klar, dass es hier um „ein Massenphänomen“ gehe, dem er den Kampf ansagt: „Denn Missbrauch tötet Kinderseelen.“

Die Ermittlungen zur jahrelangen Missbrauchsserie auf einem Campingplatz in Lügde sorgen seit mehr als einem Jahr bundesweit für Aufsehen, die Ermittlungen im Fall Bergisch Gladbach seit Monaten ebenfalls. Diese beiden spektakulären Fälle fanden und finden unter dem Brennglas der Öffentlichkeit statt. Doch im Dunklen, Verborgenen ist noch viel, viel mehr.

Die Akten vor Viona van der Lugt sind mit einem Gurt zusammengebunden, damit sie ein beherrschbarer Stapel bleiben. In den Kreispolizeibehörden arbeiten seit Bekanntwerden des Tatkomplexes Lügde vier Mal so viele Ermittler im Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie.

„Durch alle gesellschaftlichen Schichten“

Den typischen Täter gebe es nicht, sagt Viona van der Lugt. „Speziell in diesem Milieu geht es durch alle gesellschaftlichen Schichten“, sagt die Kommissarin. Oft hat der Anfangsverdacht in den USA seinen Ursprung. Dort melden Internet-Provider automatisiert zweifelhafte Inhalte an die Behörden. Über das Bundeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft landet der Fall dann in der geographisch zuständigen Polizeibehörde. Zum Beispiel in Schwelm. Hausdurchsuchung. Sicherstellung aller Speichermedien und internetfähigen Geräte. Aussiebung der bereits bekannten Bilder und Videos durch eine Software. Übrig bleiben schmucklose Ordner mit Dateien. Dann geht die Arbeit für Viona van der Lugt und ihre Kollegen richtig los.

„Wir schauen uns alle gefundenen Daten an, ob inkriminiertes Material zu finden ist, und wenn ja, in welcher Form. Acht Stunden am Tag“, sagt sie. 500 Bilder schaffe sie pro Stunde. Hinzu kommen Videos, Chatprotokolle, Internetverläufe. Jeden Ordner, jede Datei. Dahinter können sich harmlose Urlaubsbilder verbergen. Oder Säuglinge, die sexuell missbraucht werden. „Es gibt Bilder und Videoaufnahmen, die sind einfach furchtbar anzusehen oder anzuhören. Wir müssen auch einige Dateien mit Ton hören, um festzustellen, ob derjenige deutsch spricht oder eine andere Sprache, um einen Hinweis darauf zu bekommen, wo das Material hergestellt worden sein könnte“, sagt Viona van der Lugt.

Sperrgebiet für die Öffentlichkeit

Ein ganz normales Doppel-Büro sei das, in dem sie den ganzen Tag lang sitze: Mehrere Schreibtische, Computer, zahlreiche Bildschirme. Sperrgebiet für die Öffentlichkeit. „Da sitzt die gesamte Ermittlungsgruppe, jeder an seinem PC.“ Die durchschnittliche Menge an sichergestelltem Daten-Material ist mittlerweile pro Fall drei Terabyte groß. Das entspricht etwa einer Million Bilder. „Wir prüfen Bild für Bild, ob Missbrauchshandlungen vorliegen.“ Falls ja, müssen die Bilder kategorisiert werden: Ist das Opfer jünger als 14 Jahre, handelt es sich um kinderpornographisches Material. Diese Einschätzung sei oft schwer, sagt sie, dafür brauche man Erfahrung, schließlich sehe man manchmal nicht viel von den Opfern. Wichtige weitere Frage: Sind es die Missbrauchshandlungen, um die es im Ausgangssachverhalt geht? „Ganz oft“, sagt Viona van der Lugt, „findet man noch andere strafbare Handlungen, die in Folgeanzeigen münden.“ So lassen sich Missbrauchsserien aufdecken.

Bald vier Jahre macht sie diesen Job schon. Hat er sie verändert? „Ich bin der Meinung, dass ich damit professionell umgehe und noch nicht gesundheitlich eingeschränkt bin“, sagt die junge Frau. „Wir haben den Vorteil, dass wir alle in einem Raum sitzen und sehen: Wie ist der andere drauf? Wie geht es dem? Wir unterhalten uns viel, das erleichtert die Seele auch enorm.“

Zudem gibt es systematische Unterstützung vom Land: Gruppen- und Einzelsupervisionen, verpflichtende Veranstaltungen, Stressbewältigungsseminare. Alle, die den Job mindestens schon fünf Jahre machen, müssen ein Seminar zur Prävention möglicher Belastungsfolgen belegen. Auch eine Folge von Lügde. Jeder werde nun „zu seinem Glück gezwungen“, denn „oft will man sich vielleicht nicht eingestehen, dass man mit der Situation nicht klarkommt“. Natürlich, sagt sie, seien da manchmal Bilder dabei, die man so schnell nicht mehr vergisst.

Lässt sich das Leid ertragen?

Die Frage, ob sie mal eigene Kinder haben möchte, werde ihr oft gestellt, sagt sie, aber eher von Menschen „aus dem privaten Umfeld, die sich meine Arbeit schwer vorstellen können. Aber ich will gerne mal Kinder haben.“ Und wenn es soweit ist? Lässt sich das Leid immer noch ertragen? Es würde „nichts daran ändern, dass es das ist, was ich tun möchte“, sagt sie und schaut wieder so durchdringend: „Es motiviert mich, diese Täter aus dem Verkehr zu ziehen.“

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