Gewalt an Schulen

NRW: 15 Prozent mehr Gewalttaten gegen Lehrkräfte

Im vergangenen Jahr waren 500 Lehrkräfte in NRW Opfer von Gewalt.

Im vergangenen Jahr waren 500 Lehrkräfte in NRW Opfer von Gewalt.

Foto: Oliver Berg / dpa

Hagen/Menden.  Immer mehr Lehrkräfte in NRW werden Opfer von körperlichen und psychischer Gewalt. Das belegen Zahlen des Landeskriminalamtes.

Erpressung, Sexualdelikte, Körperverletzung: Immer mehr Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen werden Opfer von körperlicher und psychischer Gewalt. Dem Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf zufolge wurden im vergangenen Jahr in NRW 435 Fälle registriert, bei denen 500 Lehrkräfte Opfer von Gewalt wurden.

Darunter sind 263 Körperverletzungsdelikte. Damit stieg die Fallzahl im Vergleich zu 2016 (419 Opfer bei 381 Fällen) um rund 15 Prozent. Bei welcher Schulform es besonders häufig zu Gewalt gegen Respektspersonen kommt, konnte das LKA nicht beantworten: „Diese Information wird nicht gespeichert.“

Der kommissarische Leiter einer Hauptschule in Duisburg trug ein geschwollenes Auge davon, er musste in einer Klinik behandelt werden. Ein 14 Jahre alter Schüler hatte den Rektor krankenhausreif geschlagen. Der jüngste Fall von Gewalt an Schulen, der für Aufsehen und Entsetzen sorgt.

Mutter ohrfeigt Lehrerin

Im Februar hatte an der Gesamtschule Menden die Familie eines Schülers eine Lehrerin attackiert. Hintergrund war eine Auseinandersetzung unter Schülern am Tag zuvor. „Eine Mutter hat damals der Kollegin eine Ohrfeige verpasst“, sagt Schulleiter Ralf Goldschmidt, „es war ein Ausnahmefall.“

Er könne nicht bestätigen, dass Gewalt gegen Lehrkräfte zu einem zunehmenden Problem im Schulalltag­ geworden ist („ich stelle eher fest, dass die Hände der Schüler lockerer­ geworden sind“). Dennoch, so Ralf Goldschmidt: „Das Entsetzen­ nach der Attacke auf meine Kollegin war unter Schülern, im Kollegenkreis­ und bei Eltern sehr groß.“ Der Fall in Menden habe so manchem die Augen­ geöffnet und für das Thema „Gewalt an Schulen“ sensibilisiert.

Nach Vorfall Anzeige erstattet

Nach dem Vorfall im Februar hatte die Bezirksregierung Arnsberg als Aufsichtsbehörde Anzeige erstattet. „Man muss mit aller Härte gegen Aggressoren vorgehen“, sagt Goldschmidt, „so etwas können wir nicht dulden.“ Es müsse das klare Signal gesendet werden, dass Gewalt an einer Schule nichts zu suchen habe. Das gelte auch für Schüler, die in solchen Fällen mit Ordnungsmaßnahmen bis hin zum Schulverweis rechnen müssten.

Die Attacke gegen die Lehrerin sei bei Schulkonferenzen, Elternversammlungen und bei den obligatorischen Sozialtrainings für Schüler besprochen worden, so Goldschmidt. Hilfreich sei die Mitarbeit der Schulsozialarbeiter gewesen.

Die betroffene Lehrerin, so der Schulleiter, sei nach dem Vorfall „sehr schockiert“ gewesen und habe von der Schulaufsicht Angebote zur Verarbeitung des Geschehens erhalten. Sie sei aber zügig in den Unterricht zurückgekehrt. „Es ist wichtig, schnell wieder in die Normalität überzugehen.“

Lehrer in einen Hinterhalt gelockt

Natürlich habe er, so Goldschmidt, den Fall des Chemielehrers an einer Dortmunder Schule vor Augen, der nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft­ Dortmund im Mai von drei Schülern in einen Hinterhalt gelockt­ und umgebracht werden sollte. „Fälle von Gewalt gegen Lehrer­ hinterlassen immer Spuren“, sagt der Mendener Schulleiter. Dennoch­: „Sie dürfen aber nicht dazu­ führen, dass in Schulen ein Klima­ der Angst herrscht.“

Es gebe immer Extremfälle wie der in Dortmund, sagt Christoph Söbbeler, Sprecher der Arnsberger Bezirksregierung. Er betont aber auch: „Das habe ich in 25 Jahren so aber bislang noch nicht ansatzweise erlebt. Das war eine Ausnahmesituation.“ Dem stünden viele subtile­ Spielarten von Gewalt gegenüber, die im Schulalltag untergehen oder aber von den Lehrern persönlich­ in Angriff genommen und behoben werden. „Ob es da eine Tendenz­ nach oben in den letzten Jahren gegeben hat, ist für uns nicht greifbar, weil uns keine Daten dazu zur Verfügung stehen.“ Viele Übergriffe­ der Lehrer würden schlicht als „Dienstunfall“ gekennzeichnet und dabei nicht weiter differenziert.

Anmeldezahlen „etwas geringer“

Und doch: Ein Zwischenfall wie in Menden hat Folgen. Die Anmeldezahlen für das neue Schuljahr seien „etwas geringer“ als 2018. Goldschmidt: „Das hat auch daran gelegen, dass sich Eltern von einem Ausnahmefall – wie bei uns geschehen – beeindrucken lassen.“

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) gab 2018 eine Umfrage in Auftrag, für die bundesweit 1200 Schulleiter zum Thema „Gewalt gegen Lehrkräfte“ befragt wurden. Jede vierte Schulleitung (26 Prozent) gab dabei an, dass es Fälle von körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte an ihrer Schulen gab. Die Anzahl von psychischen Gewalttaten läge deutlich höher: Fast die Hälfte der Schulleitungen (48 Prozent) berichtet davon.

Präventionsarbeit unterstützen

Zu den psychischen Gewalttaten gehören neben Beschimpfungen, Bedrohungen und Beleidigungen auch Mobbing und Belästigung. Die Umfrage ergab, dass direkte Beschimpfungen besonders an Haupt-, Real- und Gesamtschulen verbreitet sind. Darüber hinaus seien körperliche Delikte an Grundschulen präsenter als an weiterführenden Schulen. Im Mai stellte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer einen Aktionsplan gegen Gewalt und Diskriminierung an Schulen vor. Die darin enthaltenen Maßnahmen sollen die Präventionsarbeit der Schulen unterstützen. Dazu gehören etwa 54 zusätzliche Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte.

Was können Schulen denn präventiv unternehmen? „Viele Schulen haben Konzepte, wie sie den positiven Umgang miteinander fördern“, sagt Christoph Söbbeler von der Bezirksregierung. Die Stichwörter sind hier unter anderem: respektvoller Umgang, Wertschätzung, Regeln, Grenzen.“

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