Verkehrshelfer

Schülerlotsen – Ein Ehrenamt stirbt allmählich aus

Nicole Gemmeker ist als Verkehrshelferin an der Gemeinschaftsgrundschule Engelbertstraße in Schwelm aktiv. Sie ist eine von wenigen, die diese Aufgabe derzeit noch verrichten.

Nicole Gemmeker ist als Verkehrshelferin an der Gemeinschaftsgrundschule Engelbertstraße in Schwelm aktiv. Sie ist eine von wenigen, die diese Aufgabe derzeit noch verrichten.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Schwelm.  Die Zahl der Schülerlotsen sinkt. In Südwestfalen gibt es sie noch im Ennepe-Ruhr-Kreis und im Kreis Olpe. Wir haben eine von ihnen begleitet.

7.35 Uhr. Es ist kühl, acht Grad. Nicole Gemmeker steht am Straßenrand vor der Gemeinschaftsgrundschule Engelbertstraße in Schwelm. Dicht an dicht haben die Autos am Seitenrand der kleinen Straße geparkt. Auf der gegenüberliegenden Seite nähern sich drei Mädchen. „Wartet einen Moment“, ruft die 38-Jährige ihnen zu, während sie mit ausgestreckter Kelle auf die Straße tritt. Die gelbe Warnweste mit der Aufschrift „Verkehrshelfer“ leuchtet, als sie von den Scheinwerfern eines herannahenden Autos angestrahlt wird. Das Auto stoppt.

„Guten Morgen, geht’s euch gut?“, fragt sie die Kinder, während diese kurz nicken und verschlafen lächelnd an ihr vorbeigehen. Die Verkehrshelferin tritt auf den Bürgersteig und das Auto fährt langsam an ihr vorbei.

Ein Szenario, das Seltenheit geworden ist. In Nordrhein-Westfalen gehen die Zahlen der ehrenamtlich aktiven Schülerlotsen zurück – allein in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent. Im Jahr 2018 waren laut Landesverkehrswacht NRW 3729 Lotsinnen und Lotsen aktiv. 2009 seien es noch 5297 Verkehrshelfer gewesen. „Eine bedauerliche Entwicklung“, sagt Sprecher Mathias Schiffmann. Gerade mit Blick auf die Zunahme der so genannten Elterntaxis, die jeden Morgen für Chaos vor manchen Schulen sorgen, wären mehr Lotsendienste wichtig.

Freiwillige zu finden, ist nicht leicht

„Mir macht diese Aufgabe einfach Spaß“, sagt Verkehrshelferin Gemmeker grinsend. Sie kennt die rund 80 Schülerinnen und Schüler, die täglich die Straße vor der Schule überqueren. Und die Kinder kennen sie. „Sie grüßen und freuen sich, dass hier jemand steht“, erzählt die 38-Jährige. Nicole Gemmeker und ihr Mann Frank machen den Job nun im zweiten Jahr: „Als das Kind meiner Vorgängerin die Schule verlassen hat, haben wir übernommen.“

Ihr Sohn Jonas besucht die dritte Klasse der Grundschule. Fünf Eltern engagieren sich derzeit. Jeder leistet einmal in der Woche einen Dienst. Für die Zeit nach den Herbstferien haben sich bisher sechs Freiwillige gemeldet. „Wir hoffen, dass es noch einige mehr werden“, sagt Gemmeker. Denn von da an wollen sie zu zweit arbeiten – in den dunklen Wintermonaten ist das sicherer.

Doch Eltern zu finden, die sich bei Wind und Wetter einmal in der Woche für eine knappe halbe Stunde als Verkehrshelfer engagieren, ist schwierig. Keine Zeit? „Manchmal stehen sechs oder sieben Eltern vor der Schule und quatschen. Aber hier mithelfen, das wollen sie dann nicht“, beklagt sich Nicole Gemmeker. Es seien letztlich immer die selben, die ehrenamtlich für die Kinder aktiv werden.

Die Kinder in Schwelm können sich dennoch glücklich schätzen. Denn außer im Ennepe-Ruhr-Kreis sowie im Kreis Olpe konnten Polizeidienststellen als auch Verkehrswachten auf Nachfrage keine Angaben zu Verkehrshelfern in ihrer Region machen. Dabei leisten sie auch in den Augen der Polizei eine wertvolle Arbeit. „Mit einem Wort: unverzichtbar“, meint Vera Viebahn, Polizeihauptkommissarin im Ennepe-Ruhr-Kreis, auf die Frage, wie wichtig Schülerlotsen sind.

7.55 Uhr, kurz vor Unterrichtsbeginn. Zwei Mädchen und ein Junge kommen auf Nicole Gemmeker zugerannt. Sie zeigt ihnen mit einer Handbewegung, dass die stehen bleiben sollen. Zwei Autos fahren vorbei. Sie tritt mit ausgebreiteten Armen und erhobener Kelle auf die Straße. „Jetzt aber schnell!“, ruft sie den Schülern hinterher, als sie an ihr vorbeisausen. „Es sind immer die selben, die noch nach dem zweiten Gong kommen.“ Sie lächelt und zuckt mit den Schultern.

Die Arbeit dient der Sicherheit

Problematisch seien die Zuspätkommer dann, wenn abgehetzte Eltern im Auto ihre Kinder noch schnell an der Schule absetzen wollen. „Die parken, wo sie wollen“, berichtet die Verkehrshelferin. „Ganz egal, ob es das absolute Halteverbot vor der Schule oder die Sperrzone hier am Verkehrshelfer-Übergang ist.“ Dabei sei den Fahrern oft nicht bewusst, wie schnell dieses Chaos zu einer Gefahr für die Kinder werden kann. Gemmeker weiter: „Ohne Verkehrshelfer geht es hier nicht. Die Autofahrer werden immer dreister.“ Neulich habe sie jemand angeschrien: „Beweg deinen fetten Arsch von der Straße“.

Doch davon lassen sich Nicole und Frank Gemmeker nicht abschrecken. Sie machen die Arbeit gerne, weil sie der Sicherheit der Kinder dient. Und bis ihr Sohn die Grundschule verlässt, wird das auch so bleiben. „Wir hoffen natürlich, dass es dann andere Eltern gibt“, sagt die 38-jährige Mutter.

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