Givebox

Senioren geben, Studenten nehmen

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Siegen.Auf dem Flohmarkt feilschen oder bei Ebay versteigern war gestern. Der neue Trend für Abgelegtes heißt Givebox, neudeutsch für eine wetterfeste Geschenkehütte, die bereits in zehn deutschen Städten steht. Seit dem 21. November 2011 auch in der Einkaufsmeile in Siegen. Dort ist aus einer Stammtischidee einer Web-Gemeinschaft eine Erfolgsgeschichte geworden.

Shoppen ohne zu bezahlen in der Givebox: 45 Minuten lang ist ein Kommen und Gehen in der Alten Poststraße zu beobachten. Wer sich für einen Gegenstand interessiert darf ihn mitnehmen - ohne jede Gegenleistung.

Immer wieder stecken Passanten ihren Kopf in die Bretterbude hinein und betrachten das Angebot: CDs, Bücher, Spielzeug, Tassen, Kleider, Werkzeuge. . . Und alle sind begeistert von der Kombination aus Second-Hand-Laden und der altbewährten Kiste im Hausflur. Auffällig, dass Senioren geben und Studenten eher nehmen.

Renate Hermann hat Besteck mitgebracht. „Sieht aus wie neu“, sagt die 74-Jährige und kann beim Drapieren des Esswerkzeugs mit und ohne Zinken in dem Holzverschlag ihren plötzlich aufkommenden Ärger nicht verbergen. „Siebenteilig sollte es sein. Eine Gabel fehlt.“ Aus ihrer zweiten Tasche wandern Dinge in den Verschlag, die die Welt nicht braucht. „Alles gut in Schuss“, darauf legt Renate Hermann Wert. Darunter Fußball-Fan-Utensilien wie „diesen tollen Glatzkopf, na, diesen Italiener, na, wie hieß der denn noch mal, eben der von dieser Weltmeisterschaft, den fand mein Mann ganz toll“. Der Ehemann ist gestorben.

Die Seniorin findet, „die Kiste“ sei „eine gute Sache“. Anderen eine Freude zu bereiten, mache sie „glücklich“. Fast täglich schaue sie vorbei. „Auch, um zu sehen, was von mir abgeholt worden ist.“ Morgen, so die 74-Jährige, sei sie wieder in der Givebox.

Birgit Geßner ist Inhaberin des Teeladens direkt gegenüber der „Wundertüten-Hütte“. Skeptisch sei sie anfangs gewesen, beichtet die 44-jährige Geschäftsfrau. Mittlerweile sei es zu ihrer Passion geworden, den Andrang vor und in der Bude zu beobachten. „Da geht es manchmal zu wie in einem Taubenschlag.“

Regelmäßig, erzählt Birgit Geßner, kämen Passanten „dahin“, nur „um aufzuräumen“. Das sei schon „verrückt“. Sie selbst habe Kleidung und Deko-Artikel beigesteuert. „Dafür decke ich mich mit Lesestoff ein.“ Das alles sei „so herrlich praktisch und unkompliziert“, bringt es Birgit Geßner mit dem für die Siegerländer typisch rollenden „R“ auf den Punkt.

Ein „ganz klein wenig überrascht“ hat der Erfolg der Siegener Givebox Markus Möller, einem der elf Mitbegründer, schon. Von der Stammtischidee bis hin zum Aufstellen der Geschenke-Hütte sei alles schnell umgesetzt worden. Dass in Siegen die einzige städtisch genehmigte Givebox Deutschlands steht, erfüllt ihn mit Stolz.

Diese Box habe etwas mit Gemeinwohl zu tun, erklärt der Wirtschaftsinformatiker. Täglich schaue er vorbei. Ladenhüter seien selten. „Spätestens nach drei Tagen wechseln die Geschenke ihren Besitzer. Und Vandalen scheint es hier nicht zu geben.“

Markus Möller gerät beim Besuch der Givebox immer wieder ins Staunen: „Eines Tages stand ein riesiger Stepper auf zwei Quadratmetern Standfläche.“ An dem sperrigen Fitnessgerät habe Gott sei Dank nach wenigen Stunden jemand Freude gefunden.

Peter Sobzyk kann derweil sein Glück nicht fassen. Der Mathematik-Student strahlt übers ganze Gesicht beim Anblick der „ach so bedingungslosen, anonymen, einfach so dargebotenen“ Wackelfigur, die den ehemaligen italienischen Schiedsrichter Pierluigi Collina darstellen soll. Den Motorradhelm stellt er hingegen wieder ins rappelvolle Regal der Geschenkekiste für jedermann. Er murmelt etwas über Nachhaltigkeit, schonende Ressourcen, Zeitgeist und Wirtschaftskrise und verschwindet im benachbarten Karstadthaus.

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