Reportage

Streifzug durch die Region: Gegen Corona gibt's keinen Zaun

Tour durch die Region: Von Hagen über Olpe, Schmallenberg, und Arnsberg bis Menden. 

Tour durch die Region: Von Hagen über Olpe, Schmallenberg, und Arnsberg bis Menden. 

Foto: Daniel Berg / WP Zentrale

Hagen/Olpe/Schmallenberg/Arnsberg/Menden.  Das Coronavirus hat das Leben verändert. Wie sehr? Eine Reise durch eine Region, die sich im Ruhemodus befindet, aber weiter funktioniert.

Brigitte kann das alles nichts anhaben. Für den Wind und ihre Frisur gilt das nur eingeschränkt. Sie sieht ein bisschen abgekämpft aus und der Eindruck ist offenbar nicht falsch. "Hör'n S'e mal", sagt sie. "Ich war gerade in drei Supermärkten für Klopapier." Pause. "Nix. Das ist doch verrückt." Beim Discounter hätte dafür einer am Eingang gestanden, um ihr die Hände und den Einkaufswagen zu desinfizieren. "Verrückt", sagt die Rentnerin wieder. Ihr Mann nickt.

Es sind wahrlich verrückte Zeiten. Das Coronavirus legt so ziemlich alles lahm: das öffentliche Leben ruht, Schulen und Kitas sind geschlossen, Restaurants und Bars auch, die Menschen dürfen nicht mehr in Gruppen raus. Wie ist jetzt der Alltag? Wie gehen die Menschen damit um? Ein Streifzug durch die Region.

Trotz Corona: Imbiss-Bude am Biggesee hat geöffnet

An sonnigen Wochenenden sind's gut 200 Motorradfahrer vorm Bigge Grill nahe Olpe, einem Imbiss am Biggesee, der tatsächlich geöffnet hat. Jetzt stehen da nur Brigitte und ihr Mann. Stammkunden. Man kennt sich. "Ihr müsst euer Essen und den Müll aber mitnehmen", weist Alex Trapp, Sohn des Pächters, hin. Auflagen der Behörden. Zuwiderhandlung kostet 200 Euro. Schnitzel Rhodos gibt's für 8,40 Euro. "Mach die Fritten und hör' auf zu sülzen", sagt Brigittes Mann mit einem Lachen. Er steht neben seiner Frau am ersten Abstandsstrich, den jemand mit Kreide auf den Boden gemalt hat. "Schmeißt du mir das gleich entgegen, oder wie geht das jetzt", fragt Brigitte. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Weiter unten an der Sperrmauer der Listertalsperre wankt der Wegweiser bedrohlich im kräftigen Wind. Links nach Attendorn, 8,2 Kilometer, rechts nach Drolshagen, 15 Kilometer. Normalität? Welche Richtung? Wie weit ist's noch?

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Spaziergang in die Einsamkeit

Dieter Göbel wohnt in der Nähe. "Sonst ist hier viel mehr Betrieb", sagt er. Der Rentner macht seinen täglichen Ausflug, den er "Spaziergang in die Einsamkeit" nennt. Minutenlang ist keiner auf der Staumauer zu sehen. Gänse fliegen schnatternd davon. Zwei Frauen rollen auf Inlineskates heran. Mona Schmitz und Christina Kunz. Sie haben eine Runde gedreht. Sonst gehen sie gern schwimmen, aber das darf man ja gerade nicht. Auffälligkeiten? "Eine Frau wäre gerade fast ins Gebüsch gesprungen, als wir an ihr vorbeifuhren", sagt Christina Kunz. Sie meint das nicht böse, sie versteht das sogar. "Normalität wäre schön", sagt Mona Schmitz, während die schwarze Kapuze auf ihrem Kopf das Gesicht gegen die Sonne verdunkelt.

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"So einen Parkplatz finden Sie hier sonst nie", sagt Cornelia Röhler, während sie den Kofferraum mit Einkäufen befüllt. Sie meint den Parkplatz am Einkaufszentrum in Schmallenberg: sonst immer voll, jetzt leer, fünf, sechs Autos. "Erschreckend", sagt die 69-Jährige, "das Leben steht still". Sie hält noch durch. "Ich habe immer gesagt, dass es bei der Lebensweise der Menschen irgendwann den großen Knall geben wird. Vielleicht ist er das." Diese eine Sache, die alles auf Null setzt. "Ich wünsche mir, dass von der jetzigen Rücksichtnahme und Solidarität etwas übrig bleibt."

Die Menschen gehen sich aus dem Weg als umgäbe sie ein unsichtbares Kraftfeld

Ein paar Meter weiter im Supermarkt machen die meisten einen Bogen um die anderen. Als sei da ein unsichtbares Kraftfeld um einen jeden. Eine junge Frau in rosafarbener Daunenjacke wird von diesem Kraftfeld regelrecht abgestoßen. Sie wollte zügig in einen Gang einbiegen, in dem schon zwei standen, wie sie feststellen musste. Zwei andere wollen zwischen Rote-Beeren-Tee und Schoko-Osterhasen in die gleiche Richtung. Sie drohen sich zu nahe zu kommen, beide bleiben stehen, einigen sich mit Blicken - und ein Lächeln sagt: Schön, dass du auf uns Acht gibst. Alle zwei Meter ist ein silberfarbener Klebestreifen auf dem Boden aufgebracht, damit jeder weiß, wie Distanz geht. In die Stille hinein eine Durchsage: "Liebe Kunden, wir bitten Sie, den vorgeschriebenen Abstand zu wahren."

Das Virus: Fragen und Antworten zum Thema

Dominik Tigges ist Rechtsanwalt. Er trägt beim EinkaufGummihandschuhe. "Es geht längst nicht mehr um Eitelkeiten, sondern um Sicherheit", sagt er. Daheim hat er Frau und Kind, für die er einkauft, damit sie es nicht tun müssen. Seine Mutter gehört aufgrund einer Krankheit zur Risikogruppe. Die Sache, sagt er, "macht schon irgendwie Angst". Aber da ist noch ein Gefühl: "Ich kritisiere gern und viel, wenn Politik nicht leistet, was sie leisten soll. Aber als Bürger habe ich in diesen Tagen ein gutes Gefühl, dass die richtigen Entscheidungen getroffen wurden." Auch nicht so übel. "Und alle wünschen sich Gesundheit. Das ist nicht das Schlechteste."

Man hört nirgendwo ein Lachen

Zwei ältere Damen haben sich zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammengetan. Die beiden kennen sich aus der Grundschule, beide sind alleinstehend, beide haben den jeweils anderen als Kontaktperson. Viel mehr nicht. Einmal die Woche geht's in den Supermarkt. "Die Stimmung ist gedrückt", sagt die eine, die derzeit keinen Kontakt zu ihrem einjährigen Enkel haben kann. "Man hört nirgendwo ein Lachen. Es ist stiller als sonst." Corona oder: Wenn das Lachen verschwindet.

Interaktive Karte: So breitet sich das Virus aus

Der Spielplatz neben dem Einkaufszentrum? Gesperrt. Die Parkbank daneben? Leer. So ist das in jedem Ort. Und es sind viele Orte auf dem Weg nach Arnsberg. Orte, die eine eigene Welt zu sein scheinen. Orte, von denen niemals jemand ernsthaft geglaubt hätte, dass ein Virus aus dem fernen China sie so treffen könnte. Es gibt Fachwerkhäuser, nette Nachbarn, Dorfgemeinschaft. Und die Menschen, die man nicht da haben will, hält man mit einem schmiedeeisernen Zaun fern. Eine sichere Welt irgendwie. Aber gegen das Virus gibt es keinen Zaun. Ein Mann steht in einer Kapelle am Wegesrand und bekreuzigt sich.

Die Bürgersteige sind leer. In Wormbach. In Bremke. In Wenholthausen. In Eslohe. In Dorlar. "Wie ausgestorben", sagt ein älterer Herr, der mit seiner Frau spazieren geht. An der Kirche vorbei und am leeren Bolzplatz hinauf auf den nächsten Hügel. Aussicht genießen.

Neulich in Hagen: Schlägerei in der Warteschlange vor dem Baumarkt

Baumärkte sind derzeit schwer angesagt. So sehr, dass die Menschen bisweilen davor warten müssen, damit es drinnen nicht zu voll wird. In Hagen gab's jüngst erst eine Schlägerei in der Warteschlange. In Arnsberg nicht. Heute ist's leer. Kaum einer auf den Gängen. Ein Sicherheitsmann steht am Eingang und führt Strichliste. Bei 100 macht er dicht. 30 sind's gerade. Einer davon: Jose dos Santos. Er war am Samstag schon da, da musste er in der Schlange warten. Und dann kaufte er zu wenig: Holzbretter und Betonestrich hat er nun geladen. Für den Kinderspielplatz im Garten. "Klar macht man sich Sorgen um seine Familie", sagt er. Der 37-Jährige arbeitet bei der Müllabfuhr. "Wir müssen raus. Die Arbeit muss gemacht werden. Aber die Straßen sind leer."

Die Autobahn 46 ist frei. Das ist sie oft. Aber alle anderen Autobahnen sind es auch. In der vergangenen Woche waren es so wenig Staus wie zuletzt während der Ölkrise in den 1970er Jahren. Apropos Öl. An der Tankstelle neben der Bundesstraße kurz vor Menden herrscht Hochbetrieb. Eine ältere Dame steht hinter der Theke. "Ich bin froh, dass ich arbeiten kann. Sonst säße ich zuhause auf der Couch und müsste warten, dass es vorbeigeht", sagt die Frau, die hinter einer Plexiglaskonstruktion steht, die schon allein wegen ihrer hinreißenden Unzulänglichkeit einen Platz in einem Geschichts-Museum finden könnte. Schaut mal Kinder, so haben wir uns damals gegen das Virus geschützt. Aber hilft ja trotzdem. "Tschüss. Und bleiben Sie gesund."

Am Hagener Hauptbahnhof ist die Zeit stehen geblieben

Es ist früher Abend, aber die Uhr am Hagener Hauptbahnhof zeigt 11.45 Uhr. Die Zeit ist stehen geblieben. Draußen und drinnen. Zehn Züge sind es in den kommenden rund 60 Minuten. Aber sie bringen selbst zur Feierabendzeit kaum Menschen. Die Gänge und Bahnsteige sind leer. Stille. Schön. Aber auch: beklemmend.

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Der zentrale Platz in der Stadt ist verwaist. Ein kleines Kind fährt Laufrad. Ein Halbstarker lärmt in sein Handy. "Ey, Bruder, kannst du Dings?" Was er wohl meint? Kannst du Zuversicht? Können wir Krise? Für jede Lebenslage gibt's Slogans. Braucht gerade keiner. Demut ist angesagt.

Katharina Zweibäumer hat gerade Feierabend. Die junge Frau arbeitet in einer Apotheke. Sie ist so allein auf dem Platz, an dem sonst die Tische draußen in der Sonne stehen, dass sich eine Taube neben sie gesellt. "Es ist noch ruhiger als sonntags." Sie hört der Stille nach. Dann sagt sie: "Gruselig."

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