Heldentat

„Hatte Angst um meine Tochter“: So stoppte ein Vater den Lkw

Der Werler hat in Oestinghausen eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Der Schaden wird auf 44.000 Euro geschätzt. Anwohner können sich noch bei der Polizei melden und weitere Schäden

Der Werler hat in Oestinghausen eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Der Schaden wird auf 44.000 Euro geschätzt. Anwohner können sich noch bei der Polizei melden und weitere Schäden

Foto: Michael Dülberg/Soester Anzeiger/dpa

Lippetal.   Weil er Angst um seine Tochter hatte, wird ein Mann im Kreis Soest zum Helden: Er springt auf einen unkontrollierten Lkw und hält ihn an.

Als Stephan Koenig (48) auf seinen Motorroller steigt, um einen scheinbar herrenlosen Lkw zu stoppen, denkt er nur an seine neunjährige Tochter. Sie wird bald mit ihren Klassenkameraden aus der Schule kommen, die nahe ihrer Wohnsiedlung in Oestinghausen liegt.

Der Lkw malmt langsam, aber unberechenbar durch die engen Straßen und über die Vorgärten des kleinen Wohngebiets.

Lkw fährt plötzlich durch Wohnsiedlung in Lippetal-Oestinghausen

„Ich fand es seltsam, dass so ein großer Lastwagen durch unsere kleine Siedlung fährt“, beschreibt Stephan Koenig seine Gedanken, als er am Dienstagvormittag aus dem Wohnzimmerfenster schaut.

Und sein Unbehagen wächst: Der 38-Tonner rollt immer wieder und wieder durch die Straße Oistinger Feld in Lippetal im Kreis Soest. Ein ruhiger Ort, keine 2000 Einwohner. Nun walzt ein Lkw über Vorgärten und schiebt ein parkendes Auto gegen einen Baum.

Stephan Koenig denkt, dass der Fahrer betrunken ist und Fahrerflucht begehen will. Er rennt raus. „Ich hab gesehen, dass er beim Abbiegen sogar noch den Blinker gesetzt hat.“

Kfz-Mechaniker stoppt Lkw-Irrfahrt in Oestinghausen

Ein Lkw-Fahrer ist mit seinem Lastwagen durch eine Wohnsiedlung geirrt und dabei durch mehrere Vorgärten gefahren. Ein Kfz-Mechaniker konnte das Fahrzeug stoppen.
Kfz-Mechaniker stoppt Lkw-Irrfahrt in Oestinghausen

Er versucht ihn einzuholen, doch der Lkw hat sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 15 bis 20 km/h schon zu weit entfernt. „Da bin ich zu meinem Roller gerannt und bin hinter ihm hergefahren“, sagt er. Doch dieser Versuch, ihn zu verfolgen, scheitert ebenfalls. Der Fahrer ist zu weit entfernt – und biegt schon zur nächsten Runde ab.

Stephan Koenig will Tochter und Nachbarskinder retten

Der Lippetaler fährt zurück, um seine Nachbarn zu warnen. „Ich hatte auch Angst um meine Tochter und die Nachbarskinder, denn zehn Minuten später hat die Grundschule geschlossen“, sagt er. Die liegt nur 500 Meter entfernt, und die Kinder wären direkt in die Gefahrensituation gelaufen.

Also wartet Koenig, bis der Lkw nochmal vorbeirollt und gibt Gas. Er holt ihn ein, schmeißt seinen Roller gegen den Zaun und springt zwischen Zugmaschine und Anhänger.

Dort löst er eine Hauptleitung der Bremse. Das Sicherheitssystem des Lkw greift, sofort wird die Notbremse gezogen und der Wagen bleibt stehen. „Das war für mich sicherer als zu versuchen, in die Fahrerkabine zu gelangen“, sagt der gelernte Kfz-Mechaniker. Mit der Bremstechnik von Lkw ist er durch seine Arbeit bei einem Wohnmobil-Hersteller vertraut.

Als Stephan Koenig die Fahrertür aufreißt, ist der 54-Jährige Fahrer aus Werl sichtlich angeschlagen. „Ich habe direkt gesehen, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt“, sagt Koenig und vermutet gesundheitliche Probleme.

Rettungskräfte treffen ein. Der Fahrer kann das Fahrzeug noch selbstständig verlassen, wirkt jedoch apathisch.

Ein Rettungshubschrauber wird angefordert, der den Werler nach Lünen ins Krankenhaus bringt. Mehr war über den Zustand des Fahrers bis Dienstagabend nicht bekannt.

Sachschaden von 44.000 Euro

Im Wohngebiet hat er einen Schaden von 44.000 Euro hinterlassen. Die Polizei gibt den Anwohnern aber noch die Möglichkeit, weitere Mängel zu melden.

Bei seinen Nachbarn hat Stephan Koenig jetzt definitiv einen Stein im Brett. „Stephan ist unser persönlicher Held“, sagt Nachbarin Jenny Wiens. „Wenn er nicht so geistesgegenwärtig und mutig eingegriffen hätte – wer weiß was noch passiert wäre.“ Niemand.

„Wir sind froh und glücklich, dass alles gut gegangen ist“, sagt Holger Rehbock, Sprecher der Polizei des Kreises Soest. Der ­Retter habe so gehandelt, weil er sich des Risikos bewusst gewesen sei. „Wir können den Bürgern aber nicht dazu raten, das nachzumachen“, fügt er mahnend hinzu. ­

Koenig hätte bei dem Sprung ­abrutschen können. „Wenn er unter den Lkw gerät, muss er mit schweren Verletzungen rechnen“, sagt Rehbock.

Bei einem solchen Fall empfiehlt er, alle Menschen in der Umgebung zu warnen, Feuerwehr und Polizei zu verständigen und auf jeden Fall Abstand zu halten.

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