Waffen

Waffen in Schulen? „Lehrer sind keine Revolverhelden“

Die German Rifle Association (GRA) ist der Ansicht, dass Waffen in Deutschland „Leben retten könnten (Symbolbild).

Die German Rifle Association (GRA) ist der Ansicht, dass Waffen in Deutschland „Leben retten könnten (Symbolbild).

Foto: Matthias Balk / dpa

Menden.  Nach den Amokläufen in den USA hat eine Waffenlobby-Vereinigung mit Sitz in Menden die Frage einer Bewaffnung von Lehrern aufgeworfen.

Die Jalousien im ersten Stock des Wohn- und Geschäftshauses­ sind heruntergezogen. Einer der drei Briefkästen vor der steilen Treppe zu den Wohnungen ist nicht beschriftet. Es findet sich kein Hinweis auf die „German Rifle Association“ (GRA), die sich der „Förderung des Schießsports, der Jagd und des legalen Waffenbesitzes in Deutschland“ (Eigenbeschreibung) verschrieben hat. Dabei soll der Waffenlobby-Verein, unter der Registernummer VR 1812 beim Amtsgericht Arnsberg geführt, laut Internetseite seinen Sitz in eben jenem Haus in Menden-Lendringsen haben. Nach den jüngsten Amokläufen in den USA mit mehr als 30 Toten kam von der GRA die Äußerung, dass es sinnvoll sei, wenn sich Lehrer in Deutschland für Notsituationen bewaffnen können.

Vereinigung 2013 gegründet

Die Vereinigung wurde 2013 von einem Waffenbesitzer aus Menden gegründet, der einst Landtagskandidat der Piratenpartei war. Ein früherer Parteifreund erinnert sich an einen „sehr entspannten Menschen“, der aber „auch damals schon einen Spleen“ gehabt hätte: Waffen. „Aber er hat sich mit seiner Forderung, die Waffengesetze zu lockern, bei uns nicht durchsetzen können.“ Eine Anfrage beantwortet der Mendener kurz und knapp: „Ich mache nicht mehr viel für die GRA und wünsche auch keinen Kontakt mehr zur Presse.“ Er verweist auf Vorstandsmitglied Oliver Huber.

„Schulen auf Ausnahmesituationen nicht vorbereitet“

Jener Huber hat jüngst in die Mikrofone des WDR gesagt, dass Waffen in Deutschland „Leben retten könnten, zum Beispiel bei Amokläufen“. Und: Wenn bei den Amokläufen in Winnenden (im Jahr 2009, 16 Tote) und Erfurt (2002, 17 Tote) Lehrer bewaffnet gewesen wären, „hätte es vielleicht weniger Tote gegeben“. Huber, Jahrgang 1963 und beruflich selbstständig im Dienstleistungsgewerbe tätig, verweist im Gespräch mit dieser Zeitung auf sein Lehramtsstudium und seine Erkenntnis, dass in der Schule nur „das geregelte Alltagsleben“ vermittelt würde. Auf Ausnahmesituationen wie Amokläufe sei man nicht vorbereitet, so dass es „keine Gegenwehr“ gebe, wenn „psychisch gestörte Menschen andere umbringen wollen“.

Und wenn der Staat wie bei Massenschießereien nicht für die Sicherheit von Menschen sorgen könne, „sollte man über andere Optionen nachdenken dürfen“.

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) und gebürtiger Mendener, hält Waffen in Schulen für „absurd: ein fatales Signal und überhaupt nicht mit dem pädagogischen Auftrag in Einklang zu bringen­. Lehrer sind Pädagogen und keine Revolverhelden.“ Man lebe in einem Rechtsstaat, in dem es die Polizei gebe, die für Sicherheit sorge.

Bei Sicherheitsbehörden bislang nicht negativ in Erscheinung getreten

GRA-Vorstand Huber reiht aus seiner Sicht „Fakten an Fakten“, um zu belegen, warum eine Legalisierung von Schusswaffen für den Privat- gebrauch­ Kriminalität verhindern könne und mehr Sicherheit bringe, warum Schusswaffen in Konflikt- situationen­ deeskalierend wirkten und warum es gestattet sein müsse, Pistole & Co. in Notsituationen zu benutzen. Obwohl Waffenbesitzer ein „hohes gesellschaftliches Engagement“ zeigten – „weil sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen schützen“ –, sei man die einzige Gruppe im Land, die „permanent­ diskreditiert“ werden dürfe, klagt Huber. Beispiel: Man bringe, obwohl es jeglicher Grundlage­ entbehre, die GRA in Verbindung mit Rechtsextremen und Reichsbürgern. Nach Informationen unserer Zeitung ist der Verein mit Sitz in Menden bei den Sicherheitsbehörden bislang nicht negativ in Erscheinung getreten.

Wohl nicht zufällig ist die Namensähnlichkeit der „German Rifle Association“ zu der „National Rifle Association“ (NRA), der umstrittenen wie mächtigen Waffenlobby- Organisation in den USA. Diese hatte­ im Zusammenhang mit Amokläufen gefordert, dass mehr Waffen an Schulen müssten. US-Präsident Trump hatte danach geäußert, dass er Lehrer bewaffnen wolle. Auch wenn es offenbar keine organisa- torischen­ Verbindungen gibt, kämpft die GRA wie die NRA für liberalere­ Waffengesetze. „Natürlich spielt sie mit dem Namen der Lobbygruppe aus den USA und versucht dadurch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt Christina Deckwirth, Sprecherin der Initiative Lobbycontrol­. Allerdings sei die GRA beim Thema Waffenrecht keinesfalls die mächtige Lobbyorganisation in Deutschland. „Schützen und Jäger haben einen größeren Einfluss.“

Seit 35 Jahren Sportschütze

Laut Huber, Sportschütze seit 35 Jahren, hat die GRA „12.000 bis 17.000 Mitglieder“. Es sei allerdings keine Vereinsmitgliedschaft mit Beiträgen, wie man sie sich üblicherweise vorstellt. „Es sind die, die sich auf unser Webseite anmelden und unseren Newsletter beziehen.“ Finanzieren würde man sich alleine aus Spenden. „Von ganz normalen Menschen.“ Lobbycontrol hat keinen Beleg, dass „von irgendwem größere Geldströme in die GRA fließen“.

Zitate von Waffengegnern auf der Internetseite

Die GRA jedenfalls bemüht sich nach Hubers Angaben um einen „unaufgeregten Diskurs zum Thema Waffen“. Eher aufgeregt geht es zu, wenn der Verein auf seiner Internetseite unter Namensnennung „Zitate deutscher Waffengegner“ auflistet: „Wer in der Politik hat öffentlich gegen privaten Schusswaffenbesitz Stellung bezogen.“

In dem derzeit unbeschrifteten Briefkasten an der Vereinsadresse in Menden wird wohl in Zukunft keine Post an die „German Rifle Association“ mehr landen. „Der Vereinssitz wandert nach Berlin“, sagt Huber. Sein Co-Vorstand besitzt dort ein Waffengeschäft.

Leserkommentare (6) Kommentar schreiben