Angsträume

Warum Angst ein guter Kontrolleur ist - und wie man mit ihr umgeht

Übler Gestank,  schlechte Beleuchtung und wenig Betrieb: Unterführungen wie diese machen viele Menschen unsicher. 

Übler Gestank, schlechte Beleuchtung und wenig Betrieb: Unterführungen wie diese machen viele Menschen unsicher. 

Foto: Funke Foto Services

Hagen/Warstein.   Steigender Puls und höhere Atemfrequenz signalisieren Unbehagen. Psychiater Martin Gunga spricht über den Umgang mit der Angst im öffentlichen Raum.

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Ob Parkhäuser, Unterführungen oder Schluchten aus Beton: Jeder kennt dieses Unbehagen, wenn er sich an unwirtlichen Orten bewegt. Psychiater Dr. Martin Gunga spricht über den Umgang mit der Angst im öffentlichen Raum.

Niemand hat gerne Angst, wenn er unterwegs ist. Es ist kein gutes Gefühl. Was kann ich dagegen tun?

Dr. Martin Gunga: Stopp, stopp. Sie müssen anders anfangen.

Warum?

Gunga: Weil Angst an sich etwas Positives ist.

Das höre ich zum ersten Mal.

Gunga: Ich erkläre es Ihnen.

Ich bin gespannt.

Gunga: Angst bewahrt uns davor, leichtfertig durchs Leben zu gehen. Sie meldet sich, wenn Gefahr droht. Eine biologische Schutzfunktion.

Wie wird sie signalisiert?

Gunga: Das kennt jeder. Der Puls steigt, die Atemfrequenz erhöht sich. Das vegetative Nervensystem schaltet vom Ruhe- in den Alarm-Modus.

Wann entstehen Ängste?

Gunga: Wenn Sie das Gefühl haben, Sie haben keine Kontrolle mehr über die Situation. Flugangst ist ein klassisches Beispiel dafür.

Bleiben wir am Boden. Wo ist die Verbindung zur Stadt?

Gunga: Denken Sie an eine Unterführung. Wenn Sie am Ende auf ein dunkles Loch zulaufen, wissen Sie nicht, was Sie erwartet.

Das macht mir Angst?

Gunga: Ja, weil ein möglicher Angreifer immer einen Vorsprung hat, wenn er hinter der Ecke lauert. Ihm gehört das Überraschungsmoment. Und das wissen Sie, weil Sie automatisch die Situation checken.

Deshalb beschleicht mich ein ungutes Gefühl?

Gunga: Das Reaktionsmuster ist individuell verschieden. Jeder reagiert anders. Das hängt mit der eigenen Biographie zusammen, ob jemand bedrohliche Momente erlebt hat oder nicht.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Gunga: In Sekundenschnelle rufen Sie sich vergleichbare Situationen aus dem Alltag vor Augen, ob Gefahr droht oder auch nicht.

Mit welcher Erkenntnis?

Gunga: Zum Beispiel, dass Sie hundert Mal durch diese Unterführung gegangen sind, und es ist nichts passiert. So beruhigen Sie sich.

Wenn ich schlechte Erfahrungen gemacht habe?

Gunga: Werden Sie diese Gegend, diese Ecke, diesen Park meiden. Das sagt Ihnen ihre Vernunft.

Das schränkt meinen Radius doch sehr ein?

Gunga: Nein. Sie wählen schlicht einen anderen Weg und fühlen sich wohl dabei. Angst ist ein guter Kontrolleur.

Und im Alter führt es dazu, dass ich nicht mehr vor die Tür gehe, weil ich weiß, dass die Welt schlecht ist?

Gunga: Falsch. Nicht, weil Sie Angst haben, sondern weil Ihnen bewusst ist, dass Sie körperlich nicht mehr so fit sind. Die Kraft reicht im Alter nicht, auch sind ihre Füße im Vergleich zu einem jungen Kerl nicht schneller unterwegs.

Wie gehe ich damit um, wenn mir etwas passiert ist?

Gunga: Das hängt vom Ausmaß ab. Wichtig ist es, darüber mit Vertrauten zu reden. Viele machen den Fehler, es im Herzen zu verschließen und schleppen es mit sich herum.

Da leidet doch die Seele?

Gunga: Ja. Schlimm ist es, wenn sich jemand ausgeliefert gefühlt hat.

Das muss behandelt werden?

Gunga: Auf jeden Fall. Hier werden, allgemein gesprochen, neben anderen Therapieansätzen besonders oft verhaltenstherapeutische Maßnahmen angewandt, um die Ängste abzubauen.

Mit welchem Ziel?

Gunga: Die Angst darf kein Selbstläufer werden, darf nicht zur Blockade führen. Wenn Alltagssituationen zu einem Problem werden, besteht dringender Handlungsbedarf. Wenn jemand überall Gefahren sieht, wird es schwer für ihn. Nicht selten ist es, dass sich nach einem Überfall versteckte Ängste melden.

Zum Beispiel?

Gunga: Dass jemand Angst hat, im Beruf zu versagen, in der Beziehung oder im Leben überhaupt. Da gibt es viele Facetten.

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