Hirnforschung

Lennestädter erforscht die Kommunikation der Nervenzellen

„Unsere Forschung erinnert manchmal an Detektivarbeit“, sagt Neurowissenschaftler Dietmar Schmitz. Hier kontrolliert er eine Messelektrode. Foto:Pablo Castagnola für die Einstein Stiftung

„Unsere Forschung erinnert manchmal an Detektivarbeit“, sagt Neurowissenschaftler Dietmar Schmitz. Hier kontrolliert er eine Messelektrode. Foto:Pablo Castagnola für die Einstein Stiftung

Berlin/Lennestadt.   Dietmar Schmitz ist der Sprecher des Berliner Einstein-Zentrums für Neurowissenschaften. Er sucht nach Wegen zur Alzheimerbekämpfung.

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Das Einstein-Zentrum für Neurowissenschaften in Berlin arbeitet seit Ende 2016 daran, Genetik, Molekularbiologie, Physiologie, Neurologie, Psychiatrie, Philosophie und Informatik stärker zu vernetzen, Grundlagen- mit klinischer Forschung zu verbinden und den wissenschaftlichen Nachwuchs auf höchstem Niveau zu fördern. Sprecher des Zentrums ist Prof. Dietmar Schmitz, der Direktor des Neurowissenschaftlichen Forschungszentrums und Standortleiter des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen. Der 48-Jährige stammt aus Lennestadt.

Braucht man als Hirnforscher ein spezielles Hirn? Muss man also besonders schlau sein?

Dietmar Schmitz: Eine gewisse ‘Grundintelligenz’ sollte man schon mitbringen, aber Superhirne brauchen wir Neurowissenschaftler nicht. Motivation und Neugier sind wichtig. Für mich war das Forschungsfeld eine Berufung. Ich habe Medizin studiert, bin ursprünglich Arzt, empfinde die neurowissenschafliche Forschung aber als extrem spannend. Das Gehirn ist das komplexeste Organ und wir wissen erst recht wenig darüber.

Wie kommt das?

Im Vergleich zu klassischen Naturwissenschaften – wie zum Beispiel der Physik, die seit vielen hundert Jahren betrieben wird – ist die Hirnforschung eine sehr junge Wissenschaft. Erst seit hundert Jahren verstehen wir den groben Aufbau des Gehirns, seit ca. 50 Jahren beginnen wir die Funktionsweise zu entschlüsseln. Aber noch haben wir eher grobe Hypothesen.

Womit beschäftigen Sie sich speziell?

Ich versuche zu ergründen, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren können. Bei der Freisetzung von sogenannten Transmittern (= Überträgerstoffen) finden sehr komplexe Prozesse statt, bei der hunderte verschiedener Proteine involviert sind. Diese Abläufe untersuchen wir, oftmals auch in nationalen und internationalen Kooperationen. Was besonders spannend ist: Die Verbindungen sind nicht statisch, sondern plastisch, also veränderlich.

Warum ist das wichtig?

Durch diese Vorgänge werden unser Gedächtnis und unsere Lernfähigkeit gesteuert. Wenn man das stört, lernen wir nichts mehr.

So könnten Sie verstehen, wie Alzheimer entsteht und Therapien entwickeln?

Alzheimer genau zu definieren und diagnostizieren, ist schwierig. Es gibt auch die Theorie, dass die Krankheit durch eine Reihe kleinerer Schlaganfälle verursacht wird. Aber Alzheimer ist nur eine Form von Demenz.

Es gibt andere Formen, die durch Antikörper ausgelöst werden. Wenn Antikörper beispielsweise die NMDA-Rezeptoren stören, können wir sie aus dem Blut waschen. Da haben wir schon gewisse Erfolge erzielt und konnten in der Tat Patienten unmittelbar helfen.

Die Hoffnungen auf Alzheimer-Heilung bleiben aber vorerst vergeblich?

Da wird fleißig geforscht, doch außer einer begrenzten Verzögerung ist derzeit leider nicht viel möglich. Aber wir haben bei anderen Erkrankungen Fortschritte gemacht. Zum Beispiel, haben wir in Deutschland knapp eine Million Epileptiker. Bis vor 50 Jahren konnte man keinem helfen. Jetzt können wir für 70 Prozent medikamentös etwas tun; bei einigen Patienten kann auch eine Operation helfen. Ebenso untersuchen wir in Berlin intensiv, wie sich Multiple Sklerose stoppen bzw. im Krankheitsverlauf verzögern lässt und wie die Folgen eines Schlaganfalls – das trifft jeden vierten Mann und jede fünfte Frau über 85 – reduziert werden können. Ich will nicht zu euphorisch klingen, aber auch nicht zu pessimistisch.

Warum so unbestimmt?

Weil wir viele Details nicht kennen. Kleinere Veränderungen im Gehirn können zu großen Erkrankungen führen, andererseits kann das Gehirn große Verletzungen gut kompensieren. Wie das möglich ist, verstehen wir aber noch nicht genau. Unsere Forschung erinnert manchmal an Detektivarbeit: Wir stellen Hypothesen auf und testen sie dann im Experiment. Aber das Gehirn ist oft zu komplex für unsere Hypothesen. Deshalb müssen wir für unerwartete Ergebnisse offen sein.

Sie sind schon während Ihrer Ausbildung nach Köln, Berkeley, San Francisco gegangen und arbeiten nunmehr seit geraumer Zeit in Berlin. Kommen Sie noch ins Sauerland?

Regelmäßig. Es gibt enge familiäre sowie auch schöne freundschaftliche Verbindungen. Und es bleibt meine Heimat. Ich bin in Elspe geboren und in Saalhausen aufgewachsen. Und am 16. März halte ich in meinem alten Gymnasium in Altenhundem einen Vortrag im Biologie-Leistungskurs.

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