Klima

Städte müssen sich auf den Klimawandel vorbereiten

Der Niederfeldsee im Essener Norden: Für den Deutschen Wetterdienst ist das künstliche Gewässer ein gutes Beispiel, wie Städte dem Klimawandel begegnen können. Der See kühlt und kann bei Unwettern Wasser aufnehmen.

Foto: Hans Blossey

Der Niederfeldsee im Essener Norden: Für den Deutschen Wetterdienst ist das künstliche Gewässer ein gutes Beispiel, wie Städte dem Klimawandel begegnen können. Der See kühlt und kann bei Unwettern Wasser aufnehmen. Foto: Hans Blossey

An Rhein und Ruhr.   Durch den Klimawandel wird das Wetter an Rhein und Ruhr immer extremer. Die Städte müssen sich vor allem auf deutlich mehr heiße Tage einstellen.

Eine Art Dürre am Niederrhein, wochenlange Hitzewellen in Düsseldorf oder den Städten des Ruhrgebiets, gefolgt von heftigem Starkregen? Wissenschaftler halten solche Wetterextreme in Nordrhein-Westfalen für wahrscheinlich. Durch den Klimawandel dürfte es bis zum Ende des Jahrhunderts im Sommer deutlich heißer werden. Vor allem die Städte in der Region müssen sich schon jetzt darauf vorbereiten.

„Wir müssen uns auf die Folgen des Klimawandels einstellen“, sagt Philipp Tacer. Der SPD-Ratsherr leitet den Umweltausschuss in Düsseldorf. In der Landeshauptstadt hat sich ein Jahr lang eine Expertenrunde mit den möglichen Klimafolgen beschäftigt. Das Ergebnis: „Die Anzahl der Hitzetage und der Tropennächte wird sich in den nächsten 35 Jahren wahrscheinlich verdreifachen“, sagt Tacer. Als Hitzetag gilt ein Tag mit Temperaturen über 30 Grad. In Tropennächten fällt das Thermometer nicht unter 20 Grad.

In den Metropolen kühlt es auch nachts kaum ab

Laut den Düsseldorfer Berechnungen, die der NRZ vorliegen, hat es zwischen 1981 und 2010 durchschnittlich 8,6 Hitzetage pro Jahr in der Stadt gegeben. Im schlimmsten Fall könnte es bis zum Ende des Jahrhundert an rund 40 Tagen im Jahr extrem heiß werden.

Durch Hitzestau sind die dicht besiedelten Metropolen heftiger betroffen als das Land. „In den Städten kühlt es nachts deutlich weniger ab“, sagt Guido Halbig, Leiter der beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Essen. „Am Ende einer Tropennacht ist es in den Innenstädten schon heute bis zu zehn Grad wärmer als im Umland.“ Städte werden Hitze-Inseln.

Künstlicher Gewässer in der Stadt

Gerade für ältere Menschen nimmt dadurch die gesundheitliche Belastung zu. Etwa weil das Herz-Kreislauf-System nicht mehr so flexibel reagieren kann oder die Schweißdrüsen altern. „Oft trinken Senioren auch nicht genug“, sagt Halbig. Einen Vorgeschmack auf den Sommer der Zukunft gab es 2003. Laut DWD starben an den Folgen der Hitzewelle in Deutschland rund 8000 Menschen.

Um die Gesundheitsgefahr zukünftig zu verringern und die Lebensqualität zu sichern, müssen die Städte reagieren. Vor allem bei der Stadtplanung. „Viel Grün ist wichtig. Es muss genügend Frischluftschneisen, weniger Flächenversiegelung und mehr künstliche Seen zur Abkühlung geben“, sagt Guido Halbig. Beispiele dafür sind die vor einigen Jahren in Essen entstandenen künstlichen Gewässer im Stadtteil Altendorf oder in der Innenstadt. Der Vorteil: Sie kühlen nicht nur, sondern können bei Unwettern zudem große Regenmengen aufnehmen. Radwege auf alten Bahntrassen können als Frischluftschneisen dienen.

Grüne Dächer und Fassaden

Es sind aber nicht nur die groß angelegten städtebaulichen Projekte, die einen Effekt erzielen können, sagt DWD-Experte Halbig: „Kleinere Maßnahmen sind genauso so wichtig.“ Etwa begrünte Dächer oder Fassaden bei Neubauten.

Das Ideal für eine klimagerechte Stadt sieht für Halbig so aus: Von der Haustür können die Menschen unter Schatten spendenden Bäumen zur Bus- oder Straßenbahnhaltestelle laufen. Dort warten sie geschützt vor der Sonne auf die klimatisierte Bahn, direkt neben einem öffentlichen Wasserspender.

Um das Klima in den Städten besser überwachen und untersuchen zu können, arbeitet der DWD derzeit an einem Modellprojekt. In bundesweit zehn Städten wurden Wetterstationen in den Zentren aufgestellt – in Nordrhein-Westfalen ist Essen dabei. Gerade läuft noch ein Test direkt am Hauptbahnhof, im Frühjahr soll ein weiterer Standort ausprobiert werden.

Klimaschäden könnten NRW 70 Milliarden Euro

Dass die Städte etwas tun müssen, ist längst überall klar. In Duisburg wurde bereits 2013 eine Klimaanpassungsstrategie verabschiedet – mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen. Im kommenden Jahr soll es eine überarbeitete Version geben. Der Düsseldorfer Umweltausschuss-Vorsitzender Philipp Tacer setzt darauf, dass die Ergebnisse aus dem Klimabericht in seiner Stadt fest verankert werden bei der Planung – und mehr Grün bei Neubauten zur Pflicht wird.

Die Landesregierung hat im vergangenen Herbst ihren zweiten Klimawandelbericht vorgelegt, der sich ebenfalls umfangreich mit den Folgen der Klimaveränderung beschäftigt. Das Umweltministerium schätzt, dass Klimaschäden in Deutschland bis 2050 rund 800 Milliarden Euro kosten könnten, davon entfielen alleine auf NRW über 70 Milliarden Euro.

>> NEUES WARNSYSTEM DES DWD

Weil besonders die Menschen in den großen Städten unter Hitze leiden, wird der Deutsche Wetterdienst ab diesem Sommer sein Hitzewarnsystem überarbeiten. Ab dem 1. Juni sollen Großstadt-Bewohner gesondert gewarnt werden. 79 deutsche Städte mit jeweils mehr als 100 000 Einwohnern werden dem neuen Warnsystem hinzugefügt.

Die Informationen sollen über die Medien, aber auch über Apps oder Newsletter und die Internetseite des DWD vermittelt werden. Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen werden direkt informiert. Ab 32 Grad gefühlter Temperatur warnt der DWD Senioren ab 1. Juni vor „starker Wärmebelastung, ab 38 Grad vor „extremer Wärmebelastung“.

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