Rhetorik-Wettbewerb

Studierende streiten über die Zukunft Europas

Oh, da hören die Bochumer aber genau zu – und notieren schon mal Gegenargumente: Genoveva Köhler argumentiert für die Uni-Duisburg-Essen gegen eine Erweiterung der Kompetenzen für das EU-Parlament.

Foto: Volker Hartmann

Oh, da hören die Bochumer aber genau zu – und notieren schon mal Gegenargumente: Genoveva Köhler argumentiert für die Uni-Duisburg-Essen gegen eine Erweiterung der Kompetenzen für das EU-Parlament. Foto: Volker Hartmann

Duisburg.   Europa steckt in der Krise – reden wir darüber. Hat sich die Uni Duisburg-Essen gedacht und die Aktion „NRW debattiert Europa“ gestartet.

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Vielleicht haben sie ihn hier wieder ein bisschen geweckt, den europäischen Geist. Der scheint vielen zum Gespenst mutiert, angesichts von Brexit, Rechtspopulismus, EU-Verdrossenheit. Doch hier, im schmucklosen Hörsaal LX 1203, reden sich 20 Studierende zum Thema Europa die Köpfe heiß. „NRW debattiert Europa“ heißt die Veranstaltung, bei der vier Teams darüber streiten, wie es mit Europa weitergehen soll.

Vermutlich so: im Streit darüber, was der richtige Weg ist. Wer streiten will, braucht Regeln. Die sind streng bei diesem Rhetorik-Wettbewerb nach dem Wartburgformat. Das ist ungefähr so einfach wie das Gesetzgebungsverfahren der EU.

Also der Reihe nach. Wer tritt an? Vier Teams von NRW-Hochschulen, aus Duisburg-Essen, Bochum, Münster und Düsseldorf.

Worüber reden sie? Über eine vorher festgelegte Frage. In den Halbfinals (Duisburg-Essen gegen Bochum, Münster gegen Düsseldorf) war das: „In Zeiten der Krise brauchen wir mehr Kompetenzen für das Europäische Parlament.“

„Fühlen uns als Europäer“

Wie läuft das ab? Jede Uni stellt ein Dreierteam für jede Runde. Schon lange vorher wird gelost, wer für und wer gegen mehr Rechte fürs Parlament eintritt. Kleiner Haken, so Julia Flick, dritte Rednerin der Uni Duisburg-Essen: „Unsere Generation fühlt sich als Europäer.“ Zumindest die meisten jungen Akademiker, sollte man vielleicht eingrenzen.

Denn: Wer im Masterstudiengang „Europäische Politik“ eingeschrieben ist, muss von Berufs wegen an eine europäische Zukunft glauben. Insofern werden die in Europa umhergehenden Gespenster hier besonders sensibel wahrgenommen. Hier studieren quasi die EU-Ghostbuster, Gespensterjäger im Auftrag des europäischen Geistes. Und denen möchte man wünschen, ihre Debatten im kommenden Jahr vielleicht mal abends und in größerer Öffentlichkeit zu führen. Auch NRW-Europaminister Franz-Josef Lersch-Mense mahnte in seiner Eröffnungsrede (die blieb zu seinem Glück außerhalb der Wertung): „Debatten werden nicht in Hörsälen entschieden, sondern in den sozialen Medien.“

Aber hinein in den Wettbewerb: Das Team der Uni Duisburg-Essen hat im Halbfinale die Aufgabe, gegen mehr Macht fürs EU-Parlament argumentieren zu müssen. Genoveva Köhler, die erste Rednerin für die Heim-Uni, macht vorher klar, wo sie steht: „Wir argumentieren, warum es gut für Europa ist, wenn das Parlament nicht mehr Rechte bekommt.“ Immerhin dürfen sie europablaue Halstücher tragen, die Gegner aus Bochum treten mit rubinroten Schals an – das sind die dezenten Mannschaftstrikots.

Begonnen wird wie in der EU-Champions-League: Mit Münzwurf und der Entscheidung, wer anfängt. Das Trio der Uni Duisburg-Essen darf wählen: Anfangen oder das letzte Wort haben. Sie wollen das letzte Wort.

Drei Redner, je sieben Minuten

Und die Regeln? Drei Redner pro Team, je sieben Minuten Zeit. Christopher Göke aus Bochum erklärt zu Beginn: Mehr Kompetenzen fürs EU-Parlament würden die Identifikation mit Europa stärken und die Demokratisierung vorantreiben. Das EU-Parlament soll die EU-Kommissare wählen und Gesetzesinitiativen starten dürfen, liest Göke vor. Er argumentiert viel, spricht schnell und wird doch von der Uhr gestoppt. Dabei hat er sich nicht herumschlagen müssen mit Zwischenrufen (maximal sieben Worte!) und Fragen (kann er zurückweisen) oder der Privilegfrage (muss er annehmen).

Sieben Minuten hält Genoveva Köhler dagegen, sie spricht weitgehend frei, baut Zitate ein von Jean-Claude Juncker und eine lateinische Redensart. Vor allem aber macht sie klar: Mehr Rechte fürs EU-Parlament haben noch nie zu höherer Wahlbeteiligung und mehr EU-Begeisterung geführt. Das bleibt bis zum Schluss die stärkste Argumentationslinie der Duisburg-Essener: Wer jetzt das Parlament in Brüssel stärkt, stärkt die Populisten, die gegen Europa und für die Nationalstaaten wettern. Damit kommen sie ins Finale.

Eine Jury bewertet nach vier Kriterien Redner und Team. Bis zu zehn Punkte gibt es für Form, Inhalt, Stil & Struktur, Schlagfertigkeit. Die Vorjahressieger müssen sich bei der Finaldebatte: „Die Antwort auf den Brexit – mehr europäische Integration“ den Studierenden aus Münster geschlagen geben. Der eigentliche Sieger jedoch ist die Streitkultur. Denn wenn die EU eine Erfolgsgeschichte schreibt, dann diese: dass wir mit Worten streiten statt mit Waffen.

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