Wassersport

Tim Riecke: Duisburgs Kanupolo-Botschafter der Ruhr Games

Tim Riecke in seinem Element: Der Duisburg (hier beim Training auf dem Rhein-Herne-Kanal) wechselte mit fünf von Fußball zu Kanupolo – und würde damit gern „ein Leben lang“ weiter machen.

Tim Riecke in seinem Element: Der Duisburg (hier beim Training auf dem Rhein-Herne-Kanal) wechselte mit fünf von Fußball zu Kanupolo – und würde damit gern „ein Leben lang“ weiter machen.

Foto: Julia Tillmann / Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Tim Riecke ist Duisburgs Kanupolo-Botschafter für die Ruhr Games. Der Sport sei sein Leben, sagt er. Aber nichts für Leute, die leicht weinen.

Die Oma ist schuld. Tim Rieckes Oma, nämlich, kam damals beim Kanalfest im Herbst 2004 mit dem Wirt des Vereinsheims des 1. Meidericher Kanuclubs ins Gespräch. Da hatte sie gerade erfahren, dass Tim wegen seines Asthmas nicht länger Fußball spielen konnte. Der Wirt schlug vor, das traurige Kind vorbeizuschicken „zum Paddeln auf dem Rhein-Herne-Kanal“. Vielleicht fände der Junge ja Spaß an Kanupolo. Tim Riecke war da fünf, am Montag ist er 20 geworden. Fürs „Paddeln“ (mit Ball) begeisterte er sich schnell – und vor allem: nachhaltig. „Kanupolo“, sagt er heute trocken, „ist mein Leben.“ Bei den Ruhr Games, die am Donnerstag beginnen, startet er nicht nur in dieser Disziplin. Der amtierende Vize-U21-Weltmeister und Duisburgs Sportler des Jahres ist zugleich Ruhr-Games-Botschafter für diese Sportart: ihr strahlendes Gesicht!

Sieben Mal pro Woche wird trainiert, zwei bis drei Stunden täglich

Paddeln und Rollen lernte er auf dem Kanal als erstes, „ein Riesenspaß“. „Dann kam immer mehr dazu“, erinnert sich Tim Riecke. Heute trainiere er sieben Mal pro Woche, zwei bis drei Stunden täglich, allein und mit der Mannschaft. Findet man ihn nicht auf dem Wasser, findet man ihn im Kraftraum. Am Wochenende stehen zudem die Bundesliga-Spiele an, vor internationalen Wettkämpfen Trainingslager mit der Nationalmannschaft. Für Studium (Maschinenbau an der Uni Duisburg-Essen) und Fernbeziehung (die Freundin spielt für die polnische Nationalmannschaft und lebt bei Stettin) bleibt da wenig genug Zeit. Dass er mal wie andere Jungs in seinem Alter mit Freunden feiern geht: ist selten. Alkohol während der Saison: die absolute Ausnahme. „Ich war von klein auf eine Wasserratte, ich liebe den Ball. Kanupolo ist die perfekte Kombi“, erklärt Tim Riecke, warum ihn all das wenig kümmert.

Auf der WM in Sizilien lernte er seine Freundin kennen: eine polnische Nationalspielerin

2014, da besuchte Riecke noch das Duisburger Max-Planck-Gymnasium, wurde er deutscher Juniorenmeister, 2017 mit der Nationalmannschaft Zweiter bei der EM. 2016 stand er zum ersten Mal bei einer U21-WM auf dem Siegertreppchen. „Mein schönstes Erlebnis“, sagt er, nicht nur, weil er seine polnische Freundin bei der WM in Sizilien kennenlernte. „Wir Spieler fühlten uns dort fast wie Stars, mehrere tausend Zuschauer beim Wettkampf und die wollten sogar Fotos mit uns.“

Was muss man mitbringen für solche Erfolge? „Man sollte keine Angst vor Wasser und Zweikämpfen haben“, meint Riecke. „Und keine Scheu, sich weh zu tun.“ Blaue Flecke und Beulen seien „normal“. Beim Kanupolo geht’s zur Sache. „Für Leute, die leicht weinen, ist das nichts“, erklärt der 20-Jährige, der als Mittelspieler beim Meidericher Kanuclub die Abwehr koordiniert. Bei den Ruhr Games treten übrigens nur Männer an. Was Tim Riecke schade findet. Andererseits: ginge es bei den Damen „schon etwas langsamer und weniger spektakulär“ zu. „Wie beim Fußball halt...“, windet er sich.

„Nach zweimal zehn Minuten bist du platt“

Das Kanupolo-Spielfeld misst 23 mal 35 Meter; die untere Torlatte hängt zwei Meter über der Wasseroberfläche. Der Ball wird meist geworfen, darf aber auch mit dem Paddel bewegt werden. Zwei Teams mit je fünf Spielern kämpfen gegeneinander. Den Gegner zum Kentern zu bringen ist nicht nur erlaubt, sondern sehr förderlich für den Sieg. Gespielt wird zweimal zehn Minuten. „Dann bist du alle“, erklärt Tim Riecke – ein Mann, breit wie ein Kleiderschrank.

Überlegungen, das Spiel zu verlängern, um es für Zuschauer (und Werbung) attraktiver zu machen, sieht er daher kritisch. Zweimal 15 Minuten wäre das Maximum; zweimal 20 Minuten: „Geht nicht!“ Dabei wünscht sich Riecke dringend mehr Aufmerksamkeit für seinen Sport; darum hofft er, dass Kanupolo spätestens 2024 olympische Disziplin sein wird. Und darum sagte er sofort zu, als man ihn bat, Ruhr-Games-Botschafter für Kanupolo zu werden. „Dieser Sport braucht mehr öffentliches Interesse“, sagt Riecke. „So exotisch“ sei er gar nicht mehr. Aber Sponsoren gäbe es kaum. „Und der Kanuverband steckt alles Geld in den Rennsport...“. 2000 Euro kostete ihn im vergangenen Jahr die Teilnahme an der WM in Kanada. „Flüge, Hotel, Verpflegung, Akkreditierung, alles mussten wir selbst bezahlen“. Die deutschen Herren, die deutschen Damen und das deutsche U21-Frauen-Kanupolo-Team kehrten aus Ontario übrigens als Weltmeister heim. Die U21-Mannschaft der Männer wurde Vizeweltmeister.

Acht Kanupolo-Teams treten bei den Ruhr Games am Freitag gegeneinander an

Wenn die Eltern nicht helfen würden, sagt Tim Riecke schulterzuckend, könnte er sich Kanupolo nicht leisten: Jedes Jahr ist ein neues Boot (2000 Euro) fällig, alle zwei bis drei Jahre – wenn es nicht vorher im Einsatz bricht – ein neues Doppelpaddel (300/400 Euro). Dazu kämen Helm, Weste, Schutzdecken, Neoprenhose, Fahrtkosten… Die 500 Euro Aufwandsentschädigung, die er als Ruhr-Games-Botschafter erhält, wird er ins Sparschwein tun. Für die Reise nach Rom. Da findet im nächsten Jahr die EM statt.

Acht Kanupolo-Teams (sieben deutsche und eines aus den Niederlanden) kämpfen am Freitag bei den Ruhr Games auf dem Barbara-See um den Sieg. Das Finale beginnt um 15.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Lokalmatador Tim Riecke hofft für sein Team auf einen Platz unter den ersten drei, sagt aber: „Aufs Gewinnen kommt es hier gar nicht an. Wichtiger ist, dass man uns zur endlich zur Kenntnis nimmt!“

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