Kunst

Ulle Krass setzt bei ihren Kunstwerken auf Pusteblumen

Ulle Krass setzt in ihren Kunstwerken unter anderem auf Pusteblumen. Wie sie Blüten in Form zu halten, bleibt ihr Geheimnis.

Ulle Krass setzt in ihren Kunstwerken unter anderem auf Pusteblumen. Wie sie Blüten in Form zu halten, bleibt ihr Geheimnis.

Foto: Claudia Posca

Am Niederrhein.   Künstlerin Ulle Krass präsentiert in Viersen aktuell ihre Kunstwerke. Warum sie auf Pusteblumen und Löwenzahn setzt, erklärt sie im Interview.

Das kulturhistorische Museumsnetzwerk Rhein-Maas macht mobil. Für „Neuland – Terra incognita“. Im fünften Themenjahr des deutsch-niederländischen Kooperationsprojektes sind bis 2020 rund 30 Sonderausstellungen am Start. Mit dabei: die Städtische Galerie Viersen und die Mönchengladbacher Foto- und Installationskünstlerin Ulle Krass (geboren 1958 in Coesfeld), die sich der Schönheit im Vergänglichen widmet. Auf dass Augen aufgehen: „Ich schaffe Neuland, indem ich eine neue, ästhetische Sicht auf ganz alltägliche, manchmal sogar eher als Abfall oder als störend empfundene Materialien wie Rost, Staub, Pflanzensamen, Blüten herstelle.“ Einem verstorbenen Mispelbaum zum Gedenken hat sie eine Krankenstation mit Pritsche, Tropf und Röntgen-Lichtkasten in der Städtischen Galerie Viersen eingerichtet, aus Pusteblumen macht sie Kunst.

Frau Krass, Pusteblumen-Kunst? Wie kommt man auf sowas?

Haben Sie schon mal ein Löwenzahnfeld betrachtet, und dann das Meer einer Pusteblumenwiese? Was gibt es Schöneres und Vollkommeneres, als eine Pusteblume? So zart, so widerstandsfähig, so leicht und flauschig, so schwer zu halten. Ein Hauch – und alles ist weg. Vergänglichkeit pur. Das hat mich gereizt. Die Natur ist voller Kunst, die sozusagen vor der Tür wächst. Ich verorte ganz besondere Orte, wie zum Beispiel dieses schöne Gebäude der Viersener Galerie im Park, mittels Pusteblumen. Aber auch ganz gewöhnliche Orte oder Gegenstände werden durch die Pusteblumen zu Kunstorten und Kunstgegenständen veredelt.

So wie der pusteblumenbesetzte Kinderroller, der Stuhl. Wie schaffen Sie es, die Löwenzahn-Flugschirmchen in Form zu halten?

Manches muss auch Geheimnis bleiben. Ich habe lange geübt, diese flauschigen Dinger heile ins Atelier zu bringen, und ich brauche unendlich viele, um ein einziges Objekt herzustellen zu können. Das setzt voraus, den richtigen Reifegrad zu kennen, achtsam zu sein und geduldig. Das ist Meditation.

Auf jeden Fall wirkt es magisch. Und Magie taucht auch im Titel der zu drei Rosetten ausgelegten Bodeninstallation im Park der Städtischen Galerie auf. Worum geht es bei den „Magischen Kreisen“?

Die trapezförmigen Stahlplatten lassen sich wie bei einem Tangram in immer neuen Formationen anordnen und ergeben stets ästhetische Muster auf dem Rasen mit ihrem leuchtenden Grün-Rost-Rot-Kontrast. In einem zweiten Schritt erzeugen sie Abdrücke auf dem Rasen, denn durch den Druck und den Lichtmangel entstehen hellgelbe Flecken, die beim Umklappen der Platten für kurze Zeit sichtbar bleiben. Das finde ich sehr reizvoll: Veränderung und Wandel. Im Video der Ausstellung findet sich das dokumentiert. Der Blick hinter (unter) das Kunstwerk schafft ein neues, temporär sichtbares Kunstwerk. Dabei ist es nur ein allseits bekanntes Phänomen: gelbe Stellen auf dem Rasen, die in einem anderen Kontext niemand schön findet. Aber in diesem Kontext wird das Alltägliche und Hässliche plötzlich als schön wahrgenommen. Das ist das Wesentliche: Bekanntes anders und neu wahrnehmen.

Betrifft das auch die drei Blüten im Stadtwappen Viersens, worauf sich die drei Metall-Rosetten Ihrer Bodenarbeit beziehen lassen?

Sie meinen sicher die Mispelblüten des Stadtwappens. Ja und nein. Die Installation markiert die Stelle, wo ein neuer Mispelbaum angepflanzt werden könnte. Sie nimmt also Bezug auf die Rauminstallation in der Galerie, wo ich für den abgestorbenen Baum symbolisch eine Krankenstation eingerichtet habe. Hier verbinde ich Außen- und Innenraum miteinander. Erst bei der Installation der Ringe wurde mir bewusst, dass sie formal mit den Mispelblüten im Wappen korrelieren. Daher die Zahl drei.

Sie sind studierte Biologin, haben Malerei und Bildhauerei studiert. Mit Verlaub: Sind Sie Spartenhopperin?

Der Begriff „Spartenhopper“ hat für mich einen negativen Unterton – kann alles und nichts richtig. Dem kann ich nichts abgewinnen. Ich bin vielseitig und kreativ und lehne es ab, dem Schubladendenken mancher Kunstkonsumenten zu genügen, das heißt mich durch Festlegung auf eine Sparte in meiner Vielseitigkeit einzuschränken. Von diesem Druck, für andere wiedererkennbar zu sein, habe ich mich befreit.

Dann würden Sie es auch ablehnen, dass Besucher Ihre „Magischen Kreise“ als Land Art bezeichnen?

Als Land Art im kunsthistorischen Sinne würde ich es nicht begreifen. Das wäre wohl zu hoch gegriffen. Aber ich mache Kunst mit und in der Natur, lasse die Natur für mich arbeiten. Ich nutze den Zufall und die Spuren, die die Einwirkungen natürlicher Prozesse hinterlassen. Auch fühle ich mich schon allein durch mein Biologiestudium der Natur sehr verbunden. Sie begeistert und inspiriert mich immer wieder aufs Neue.

Wenn Sie nicht in der grünen Niederrheinregion lebten – hätte das Konsequenzen für Ihre Kunst?

Der Niederrhein ist meine zweite Heimat neben dem Münsterland. Ich liebe die Natur und sie inspiriert mich und ist oft Fundgrube. Aber ich könnte auch in einer Großstadt leben. Für meine Kunst ist das unerheblich. Kunst ist überall, ich muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen. Ich habe ständig und überall Ideen.

Liege ich richtig, wenn ich Ihr Werk als Naturschutz mit künstlerischen Mitteln begreife?

Schöner hätte ich es nicht formulieren und auf den Punkt bringen können. Aber Sie sehen in der Ausstellung nur einen Ausschnitt meiner künstlerischen Arbeiten. Also gilt das in dieser Ausschließlichkeit nur für diese Ausstellung hier.

>>>AM SONNTAG ENDET DIE AUSSTELLUNG

Die Ausstellung von Ulle Krass ist bis zum kommenden Sonntag, 19. Mai, in der Städtischen Galerie im Park zu sehen. Teilnehmer können am letzten Tag ab 11 Uhr an einer Führung durch die Schau teilnehmen. Die Teilnahme kostet 3 Euro.

Städtische Galerie im Park, Rathauspark 1 in Viersen. Öffnungszeiten: dienstags bis samstags von 15 bis 18 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos per Mail an galerie@viersen.de.

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