Schicksal

Vater widmet seinem toten Sohn zum 18. Geburtstag ein Buch

Ein Vater feiert den 18. Geburtstag seines verstorbenen Sohnes, indem er ein Buch schreibt. So gibt er Luca, der nur 80 Tage lebte, seine Stimme.

Der Mittfünziger will anonym blieben. Nicht jeder soll wissen, was hinter ihm liegt – eine Geschichte von Trauer und Leid, Erfahrungen, von denen er fürchtet, mancher könnte sie als Schwäche auslegen. Doch der Mann, der sich „Herr Luca“ nennt, hat beschlossen, durch Niederschläge stärker zu werden – und ein Buch geschrieben, in dem er seinem Sohn Luca eine Stimme gibt. „Ich bin tot – na und? 80 Tage auf der Welt“, heißt der trotzige Titel, mit dem Lucas Vater seinem Sohn zu dessen 18. Geburtstag eine Stimme gibt. Stephan Hermsen sprach mit ihm über Leben und Tod, Liebe und Leid. Und übers Schreiben. Was denn auch sonst?


Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Ich habe gespürt, dass über die Jahre der Schmerz nicht geringer wurde und ich ein Ventil brauchte, um das Erlebte zu verarbeiten. Mein Glück ist, dass ich offenbar ein gewisses Talent habe, Dinge zu Papier zu bringen. Also habe ich geschrieben, zunächst nur für mich und für meine Tochter, denn sie ist für mich eine der ersten wichtigsten Leserinnen. Von einem Buch, das jeder lesen kann, war ich da auch in Gedanken noch weit entfernt.

Das änderte sich erst, als ich dann mal Freunden davon erzählt habe und ein Journalist unter ihnen meinte: Wenn du so weitermachst, kannst du das veröffentlichen. Denn es werde viele Menschen berühren und ihnen wertvolle Hinweise geben. Also habe ich weiter geschrieben mit der Einstellung: Ich will nicht ins Jammern verfallen. Der Text soll, bei allem Schmerz, versuchen zu transportieren, dass das Leben erst einmal schön ist.

Erst eine Fehlgeburt, dann Luca, der nach 80 Tagen stirbt. Und Tobias, bei dem sich herausstellt, er ist schwerstbehindert. Da kann man sagen: Das Schicksal meint es nicht gut mit mir. Da darf man jammern – mindestens.

Bevor diese Lawine über uns hereinbrach war ich der Überzeugung: Alles, was ich anpacke, wird zu Gold. Ich habe studiert, was ich wollte und den Beruf gewählt, den ich wollte. Unsere Tochter haben meine Frau und ich quasi im Vorbeigehen bekommen. Ich wollte eine Familie mit mindestens zwei Kindern. Spätestens als sich die Schwerstbehinderung von Tobias zeigte, war mir klar: Das ist zu viel. Das hält unsere Familie nicht aus.

Ihre Tochter ist eine ihrer ersten und wichtigsten Leserinnen. Fragen Sie sich manchmal, ob Sie ihr gerecht werden konnten?

Sie ist heute 23. Mir ist klar geworden, wie sehr sie das geprägt haben muss, dass sie zum Anfang ihres Lebens so viel vom Ende des Lebens mitbekommen hat. Sie hat mir während der Arbeit am Buch einen langen, liebevollen Brief geschrieben. Allein dafür hat sich das Aufschreiben schon gelohnt.

Es gibt unterschiedliche Formen der Trauerbewältigung. Sie setzen sich damit immer wieder auseinander. Warum?

Durch das Schreiben ist es mir gelungen, Last von meinen Schultern zu nehmen. Das funktionierte aber erst, als mir die Idee kam, die Ereignisse aus Lucas Perspektive zu schreiben, ihm eine Stimme zu geben. Zuvor war ich viele Jahre sehr mit mir beschäftigt. Ich habe offenbar damit gehadert und mich irgendwann übers Hadern geärgert und gedacht: Das muss mal aufhören. Das Ganze aus Lucas fröhlich-kindlicher Perspektive zu nehmen, hat es mir leicht gemacht. Entsprechend schnell konnte ich das zu Papier bringen. Die Ereignisse waren mir trotz der langen Zeit, die vergangen war, sehr präsent. Klar ist aber: Solche Einschläge verändern Menschen…

Es wäre ein Wunder, wenn nicht…

Wenn ich Korrektur gelesen habe, was ich geschrieben hatte, schossen mir manchmal die Tränen in die Augen. Weil ich dann in der kompakten Form erst realisiert habe, was uns widerfahren ist. In der Situation selbst haben wir vor allem funktioniert. Mit Abstand denke ich: Mein Güte, das war ja echt viel.

Große Teile des Buches spielen im Jenseits, fröhlich bevölkert mit verstorbenen Menschen, die Sie mögen. Auf der anderen Seite sagen Sie: Sie sind nicht gläubig. Wie passt das zusammen?

Ich nenne das nicht Himmel. Ich wollte diese Klischees nicht bedienen. Das Ganze soll eine fröhliche Versöhnung zeigen. Luca kann sich von Prinzessin Diana küssen lassen oder mit David Bowie sprechen. Das hat für mich etwas Tröstendes. Lady Diana starb in dem Moment, als sie sich entschloss, ihr Leben zu leben. Das ist eine der Botschaften von Luca: Lebe dein Leben und nicht das von irgendwem anders.

Es gibt den Spruch: Lebe jeden Tag so als wäre es der letzte. Auf der anderen Seite weiß man: es gibt Pflichten – und man lebt auch für seine Zukunft.

Wir dürfen uns bewusst sein, dass unsere Zeit hier auf Erden ein Geschenk ist. Das heißt nicht, dass man sich über Schicksalsschläge freuen muss. Ich möchte gerne dazu beitragen, dass die Leser ein paar Stunden nachdenken: über das Leben, das Schicksal und das Glück. Ich bekomme viel positives Feedback. Neulich sagte ein älterer Herr: „Ich weiß, dass ich mich mit Leben und Tod rational auseinandersetzen kann. Das Buch hat mir die emotionale Seite gezeigt. Dafür wollte ich mich bedanken.“ Das Lob finde ich wunderbar. Es streichelt meine Seele.

Sie lehnen den Glauben als Stütze ab. Wo schmeißen Sie den ganzen Frust und die Wut hin?

Ich bin früher leider viel öfter und schneller aus der Haut gefahren als ich es wollte. Ich merkte, das mit der glücklichen Familie wird nichts. Daraufhin habe ich mein Glück in immer neuen Jobs gesucht. Eigentlich habe ich mich damit gestraft, weil ich nirgendwo so richtig angekommen bin. Mittlerweile bin ich da zum Glück gelassener geworden.

Unsere Sprache kennt Witwen und Waisen, aber kein Wort für Eltern, die Kinder verlieren. Vielleicht, weil wir das nicht verstehen wollen. Haben Sie eine Botschaft für diese Menschen?

Ich maße mir nicht an, ein für alle gültiges Rezept zu haben. Ich kann nur sagen, wie ich es gemacht habe. Es braucht unfassbar viel Zeit, damit klar zu kommen. Uns als Familie haben diese Schicksalsschläge einen Fundus an Erfahrungen beschert, mit dem ich im Alltag besser klarkommen kann. Darin liegt im Kleinen der Schlüssel. Ärgere ich mich über den Stau oder denke ich: Prima, ich kann noch ein bisschen länger Radio hören. Früher habe ich öfter ins Lenkrad gebissen. Die Kunst des Entspanntseins musste ich wieder lernen.

Aber wenn man weiß: Das Leben ist endlich – dann ärgert man sich doch umso mehr, dass man im Stau steht…

Der einzige Rat, den ich habe, ist: Jeder sollte seinen eigenen Weg finden, damit klarzukommen. Das Leben kann viele Brutalitäten bereithalten. Mir hat geholfen, mich immer wieder damit auseinander zu setzen und es immer wieder in Worte zu fassen. Erst in Gesprächen, dann Schwarz auf Weiß.

Was mich gewundert hat, ist der Umgang mit den Ärzten in Bonn, die bei Luca salopp gesagt Mist gebaut haben. Das auf sich beruhen zu lassen, muss man erstmal schaffen.

Wir hatten damals nicht die Kraft für eine konfrontative Auseinandersetzung. Das war auch Selbstschutz. Außerdem: Ein Sieg vor Gericht hätte Luca nicht wieder lebendig gemacht. Außerdem war mir der behandelnde Arzt grundsympathisch. Ich hatte das Gefühl, dass er selbst darunter litt, da muss man nicht noch nachtreten.

Sie bekommen dann ein weiteres Kind, Tobias. Sie denken alles ist gut und dann stellt sich raus: Nichts ist in Ordnung. Wie gehen Sie damit um? Sehen Sie sich?

Tobias wohnt gut 300 Kilometer entfernt und wird dort rund um die Uhr professionell betreut. Alle vier bis sechs Wochen besuche ich ihn und auch meine Tochter, die in der Nähe studiert. Es hat lange gedauert, ihn so zu akzeptieren wie er ist und auch damit, meinen Frieden zu finden. Ich hatte immer Angst davor, ein schwerstbehindertes Kind zu bekommen. Als es dann Realität wurde, empfand ich das zunächst als Höchststrafe. Als die Behinderung von Tobias offensichtlich wurde, war mir klar, dass unsere Familie das nicht aushält. Wir waren schon vorher mit unseren Kräften am Ende. Ich hatte die wüstesten Gedanken und für den Bruchteil einer Sekunde habe ich überlegt, mit ihm vor einen Brückenpfeiler zu fahren, damit meine Frau und meine Tochter es leichter haben. So ein Wahnsinn. Gut, dass dieser Gedanke sehr flüchtig war und nie wiederkam.

Sie haben aber irgendwann gesagt: Ich verbuche diese ganzen Schicksalsschläge und nenne mich Emotionsmillionär.

Genauer ist es ja Luca, der das in dem Buch zu mir sagt. Aber es stimmt schon: Ich habe versucht mich dem Erlebten zu stellen. Nicht nach dem Motto: Alles hat auch etwas Gutes. Das wäre vielleicht der christliche Ansatz. Ich habe weder im Tod von Luca noch in der Schwerstbehinderung von Tobias etwas Gutes entdecken können. Das macht für mich keinen Sinn. Aber es hilft nicht, darüber zu lamentieren.

Wie halten Sie diese Sinnlosigkeit aus?

Der Sinn war für mich: Das alles aufzuschreiben. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man Zwischenbilanz ziehen kann. Ich habe viele Ratgeber gelesen und eine Quintessenz ist: Mehr Dinge tun, die einem Spaß machen.

Da wundert es mich, dass Sie Hospizarbeit machen. Warum machen Sie Tod und Sterben so sehr zum Thema Ihres Lebens?

Ich habe gelernt, meinem Bauchgefühl zu folgen. Als ich einen langen Bericht im Zeit-Magazin las über eine Journalistin, die Hospizarbeit macht, habe ich gedacht: Das ist etwas, das Sinn macht. Ich war selbst Reporter und mich haben schon immer Menschen in Extremsituationen interessiert. Als ich mal eine Frau interviewte, die Mann und Sohn bei einem Unglück verloren hatte, war ihr Seelsorger dabei. Als die Frau mal rausging, sagte der Seelsorger: Sie haben eine besondere Art Menschen zum Reden zu bringen und die richtigen Fragen zu stellen. Darum geht es auch in der Hospizarbeit: Die richtigen Fragen zu stellen – und vor allem gut zuzuhören. Aber ich weiß auch: Es muss nicht nur dem Sterbenden helfen, es muss auch mir helfen.

Gibt es Dinge, bei denen Sie sich ganz lebendig fühlen?

Ich liebe Musik, gehe gern auf Rockkonzerte. Und ich bin gerne im Fußballstadion. Da kann ich total abschalten. Das geht auch beim Sport, beim Joggen. Frische Luft hilft, die Gedanken klar zu kriegen. Nichts Spektakuläres, es geht darum, den Alltag bewusst zu erleben und deshalb zu genießen: Kochen mit meiner Partnerin, ihrer Tochter bei Mathe helfen, am Strand spazieren, durch den Wald zu gehen und zu sagen: Es ist einfach schön. Das konnte ich früher nicht.

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