Abfall

Warum der Versandhandel die Müllgebühren in die Höhe treibt

Randvoll: So sehen zahlreiche Container in NRW aus. Die Kommunen mussten daher improvisieren.

Randvoll: So sehen zahlreiche Container in NRW aus. Die Kommunen mussten daher improvisieren.

Foto: Holger Hollemann

An Rhein und Ruhr.   Heute schon ein Paket bekommen? Die blauen Abfall-Tonnen werden durch den Versandhandel zu schnell voll. Der Verbraucher zahlt dafür doppelt.

Der Deckel geht nicht mehr zu. Es klemmt. Und mit Gewalt kommt niemand weiter. Trotzdem versucht manch einer, die Muskeln spielen zu lassen. Wieder einmal ist die blaue Tonne für Papierabfall bis über den Rand hinaus voll. Nach den Feiertagen, wenn das Christkind besonders gnädig war und viele Geschenke gebracht hat, kommt das natürlich häufig vor.

Und diese Präsente sind leider oft genug so verschwenderisch verpackt, dass noch mehr Platz als notwendig in der blauen Tonne verloren geht. Umwelt schonen? Fehlanzeige. Die Folge: Die Tonnen sind bei Abholung zwar nicht unbedingt schwerer, aufgrund der dicken Kartons aber schneller voll als in früheren Jahren.

Ein Problem, das nicht nur zur Weihnachtszeit für Ärger sorgt, denn der rasant gewachsene Versandhandel rund um Amazon verschickt ganzjährig immer mehr Pakete. Der Berliner Kleidungsanbieter Zalando verzeichnete etwa für 2017 insgesamt 90,5 Millionen Bestellungen, oder im Durchschnitt: 250.000 am Tag.

Gerade in den vergangen Wochen waren die blauen Tonnen teilweise heillos überfüllt. In Zahlen: 769.000 Tonnen, Kartonagen, Pappe und Papier aus dem Versandhandel sollen laut der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung im Jahr 2015 verwendet worden sein. Zwei Jahre zuvor waren es noch 563.000 Tonnen, und im Jahr 1996 waren es lediglich 120.000 Tonnen. Das sind gigantische Steigerungsraten.

Die Kommunen müssen mit den Folgen leben. Denn immer wieder sieht man jede Menge Pappabfall neben blauen Tonnen stehen. In Wesel sind das aber Einzellfälle. „Wir haben die Bürger informiert, dass wir einen zeitlichen Mehraufwand haben und dass man eine zweite Tonne anfordern kann“, betont Ulrich Streich von der ASG, dem Betrieb für kommunale Dienstleistungen der Stadt Wesel gegenüber der NRZ.

Das sind die häufigsten Fehler bei der Mülltrennung
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Bei der Enni, dem kommunalen Dienstleister in Moers, kennt man die allgemeinen Probleme genau. „Zum einen ist die Verladung derartiger Beistellungen in das Entsorgungsfahrzeug deutlich schwieriger und zeitintensiver, zum anderen entstehen Verunreinigungen im Stadtbild, wenn bei Regen und Wind die Verpackungen über die Straßen wehen“, erklärt Pressesprecher Herbert Hornung. „Beide Effekte bereiten uns zusätzliche Kosten in der Sammeltour beziehungsweise bei der Beseitigung von Verunreinigungen.“

Immerhin: Die Zahl der Moerser, die ihre Papierabfälle direkt bei den Recyclinghöfen abliefern, steigt kontinuierlich. In den vergangenen fünf Jahren ist die Menge von etwa 350 auf rund 650 Tonnen pro Jahr angewachsen.

13 Euro Gebühren im Durchschnitt

Eine wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang: Das Geld. Eine Studie des Instituts für Abfall- und Abwasserwirtschaft, im Auftrag des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), hat ergeben, dass die Müllgebühren auf Basis falscher Daten berechnet werden. Bislang ist davon ausgegangen worden, dass die Kartonagen zwischen 15 und 20 Prozent des Gesamtvolumens des Abfalls ausmachen, laut einer Studie sind es jedoch inzwischen über 64 Prozent. Verbraucher zahlen im Schnitt 13 Euro Müllgebühren an die Kommunen — demnach zu viel.

Die Kommunen sind für die Entsorgung von Papier zuständig, nicht aber für die Entsorgung der Kartonagen, dafür sind die „Dualen Systeme“ zuständig. Zur Erklärung: Der Kunde, der im Internet bestellt, zahlt mit dem Kauf einen Teilbetrag für die Entsorgung an das Unternehmen, welches wiederum einen bestimmten Betrag an das Duale System zahlen muss.

„Bisher zahlen die dualen Systembetreiber im Durchschnitt nur 15 bis 20 Prozent für die Entsorgung – viel zu wenig in Anbetracht des enorm gestiegenen Verpackungsanteils“, erklärt VKU-Vizepräsident Patrick Hasenkamp. Theoretisch müsste der Verbraucher demnach weniger Müllgebühr zahlen.

Sprecher: Duale Systeme beteiligen sich zu wenig

In Wesel sind über 60 Prozent der Abfälle in der blauen Tonne Kartonagen, in Moers ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. „Aktuell beteiligen sich die dualen Systembetreiber in Moers gerade einmal zu knapp zehn Prozent an den Sammelkosten für die Altpapiertonne“, so der Enni-Pressesprecher Herbert Hornung. „In der Realität liegt der Anteil des Verpackungspapiers auch im Moerser Altpapieraufkommen deutlich darüber.“

Neben Wesel und Moers unterstützt auch Duisburg die Forderung an die Unternehmen, einen höheren Beitrag zu leisten. Aktuell laste ein zu hoher Anteil der Sammelkosten für Kartonagen auf den Gebührenzahlern, obwohl sie für deren Entsorgung bereits beim Kauf bezahlt haben, sagt VKU-Vizepräsident Hasenkamp. Die Dualen Systeme „müssen Wege finden, die Versandhändler in angemessener Höhe an den Kosten für die Altpapiersammlung zu beteiligen.

Das wäre auch ökologisch vorteilhaft: Der finanzielle Druck könnte für Versandhändler Anreize schaffen, über Alternativen zu dieser exzessiven Verpackungsflut nachzudenken.“ Und die Tonnen ließen sich dann wohl auch ohne rohe Gewalt schließen.

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