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Wie die Nato von Kalkar aus einen Luftkrieg führen kann

Der Gefechtsstand in der Seydlitz-Kaserne in Kalkar.

Foto: Bundeswehr

Der Gefechtsstand in der Seydlitz-Kaserne in Kalkar. Foto: Bundeswehr

Kalkar.   Bislang hat das nur die Friedensbewegung bemerkt: Wenn die Nato im nächsten Jahr einen Luftkrieg führt, wird der Einsatz am Niederrhein geplant.

Auftrag. Planung. Umsetzung. Überprüfung. Die Tafel mit diesen Stichworten könnte irgendwo in einer stinknormalen Fabrikhalle hängen und einen stinknormalen Produktionsprozess beschreiben. Das Produkt, um das es hier geht, ist aber der Krieg. Aus einem Containerdorf auf dem Gelände der Seydlitz-Kaserne in Kalkar werden im Fall des Falles im nächsten Jahr Lufteinsätze der Nato gesteuert.

In der Kaserne auf dem Beginenhügel im Stadtteil Altkalkar ist man traditionsbewusst. Benannt ist sie nach Friedrich Wilhelm von Seydlitz, einem berühmten preußischen Reitergeneral, auf dem Gelände erinnert ausgemustertes Kriegsgerät an die Geschichte der Luftwaffe. Hier sitzt das „Zentrum Luftoperationen“ der Bundeswehr, dessen Kernaufgabe es ist, im Ernstfall einen Luftwaffen-Gefechtsstand zur Verfügung zu stellen. National, aber auch im Nato-Verbund.

4,5 Millionen Euro investiert

Kalkar hat in den vergangenen Jahren von den Umstrukturierungen in der Truppe profitiert. Wo andernorts Kasernen geschlossen wurden, ist hier investiert und personell aufgestockt worden. Kriege werden heute aus der Luft gewonnen. Wenn die Nato im kommenden Jahr eine Militäroperation durchführen würde, wäre ein Containerpark am Rande der Kaserne die Basis für die gemeinsamen Luftoperationen. Hier steht die Infrastruktur für das Joint Force Air Component Headquarter (kurz: JFAC), den gemeinsamen Gefechtsstab. 4,5 Millionen Euro hat sich das Verteidigungsministerium den Aufbau kosten lassen.

Die Zuständigkeiten wechseln in der Nato im Turnus. Vergangenes Jahr war dieser Stab bei den Italienern angesiedelt, in diesem Jahr bei den Briten. Nächstes Jahr also Kalkar. Im Fall des Falles würde aus dem niederländischen Brunssum ein Einsatzbefehl kommen. Dort sitzt das Nato-Hauptquartier. Es kann kleine wie große Operationen anweisen. Evakuierungen, Aufklärungsmaßnahmen, Luftangriffe. Ausgeführt würden sie hier.

Der Containerpark steht direkt an einer Landstraße, getrennt nur durch einen zierlichen Zaun. Wer amerikanische Kasernen und die Sicherheitsmaßnahmen dort kennt, ist erstaunt. „Im Einsatzfall müssten wir die Straße wohl absperren“, räumt der Presseoffizier ein, der über das Gelände führt.

Einsatzfähig in fünf bis sieben Tagen

„No Salute Area“ steht auf einem Schild am Eingang. Wenn hier gearbeitet werden sollte, muss nicht gegrüßt werden. Dazu wäre ohnehin keine Zeit. Bis zu 500 Soldaten aus allen Nato-Ländern würden dann zusammenarbeiten. Sie müssten bis zu 350 Einsätze von Flugzeugen koordinieren und leiten. „Wir müssen in fünf bis sieben Tagen einsatzfähig sein“, sagt der Presseoffizier. Wer in das JFAC hinein will, muss den Bundeswehr-Ausweis abgeben, den er am Kaserneneingang bekommen hat. Hier beginnt Nato-Zuständigkeit.

Drinnen in den weißen Containern riecht es nach Kunstleder, nach Farbe. In den schmucklosen Räumen reiht sich auf den Tischen Monitor an Monitor, unter der Decke sind armdicke Kabelstränge durch Gitterschächte gezogen. Verschiedene Abteilungen. Eine für die strategische Planung. Eine für die konkrete Einsatzplanung. Hier hängt die Tafel, in der so nüchtern die Abläufe im Ernstfall dargestellt sind. Auftrag. Planung. Umsetzung. Überprüfung. Krieg ist hier etwas sehr Abstraktes.

In einem anderen Container sitzt die Medienabteilung. Ihr Job ist es, einen Einsatz nicht nur für die Presse aufzuarbeiten, sondern auch gegen Propaganda vorzugehen. „Gerade in den sozialen Netzwerken gibt es ja immer mehr Fake-News“, betont der Presseoffizier.

Das Herzstück der Anlage ist ein großes grünes Zelt, die Operationszentrale. Stufenförmig angeordnete Tische, wieder zahlreiche Monitore, am Kopfende Leinwände. Darauf könnten die Soldaten Einsätze live verfolgen. Dann müsste alles wie in einem Uhrwerk ineinandergreifen. Dafür haben sie trainiert, zuletzt beim Manöver Brilliant Arrow, an dem im September rund 1000 Soldaten teilnahmen. Hat alles reibungslos geklappt. Die Deutschen seien „bereit und fähig“, im kommenden Jahr den Job zu machen, lobte General Salvatore Farina, Oberbefehlshaber in Brunssum. Theoretisch könnte der gesamte Apparat auch in ein Einsatzgebiet verlegt werden.

Friedensbewegung hat demonstriert

Dass von Kalkar aus ein Luftkrieg gesteuert werden könnte, ist bislang nur der Friedensbewegung aufgefallen. Einige Hundert Menschen demonstrierten am Tag der Deutschen Einheit gegen die Nato-Einsatzzentrale. Nach ihrer Ansicht verstößt die Einrichtung gegen den Grundsatz, dass von deutschem Boden aus kein Krieg mehr ausgehen darf.

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Kalkar zum Kriegs-Gefechtsstand wird? Der Presseoffizier zuckt mit den Schultern. „Die letzte Luftwaffen-Nato-Operation war die Luftraumüberwachung in Libyen.“ Das war 2011. Wenn es ganz schlimm kommen sollte, etwa zu einem Konflikt mit Russland, wäre Kalkar raus. Dann würde der Riesengefechtsstand der Nato im rheinland-pfälzischen Ramstein übernehmen. Dort stehen 3000 Soldaten parat für den Ernstfall.

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