Gesundheit

Wie eine gespendete Lunge Matthias das Leben rettete

Matthias (34) hat vor einem Jahr eine Lungentransplantation bekommen. Heute ist er so fit, dass er Tennis spielen kann.

Matthias (34) hat vor einem Jahr eine Lungentransplantation bekommen. Heute ist er so fit, dass er Tennis spielen kann.

Foto: Lars Heidrich

An Rhein und Ruhr.   Matthias hat seit seiner Geburt Mukoviszidose. Er versucht ein normales Leben zu führen. Dank einer Organspende, spielt er heute wieder Tennis.

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Am Abend des 6. April 2016 passieren zwei Wunder. Der VfL Wolfsburg gewinnt in der Champions League gegen Real Madrid mit 2:0. Matthias, 33 Jahre alt, freut sich für die Wolfsburger über den größten Sieg in der Vereinsgeschichte. Die Nachberichterstattung läuft noch als das Telefon klingelt und das zweite Wunder des Abends ankündigt. Essener Vorwahl im Display. „Ja bitte?“ – „Wir haben ein Organ-Angebot für Sie. Kommen Sie in die Klinik.“

Seit 2009 hat Matthias auf diesen Anruf gewartet. Kurz nach seiner Geburt wurde bei dem ihm Mukoviszidose diagnostiziert. Eine vererbte Stoffwechselerkrankung, bei der zäher Schleim mehrere Organe schädigt. Die Ärzte prophezeiten ihm ein kurzes Leben.

Normalität trotz Ausnahmezustand

Doch trotz unzähliger Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte, bemühen die Eltern sich, Matthias ein normales Leben zu ermöglichen. Auch Matthias kämpft. Jeden Tag, wird mit dem medizinischen Fortschritt älter. Nach dem Wirtschaftsgymnasium wird er Bankkaufmann, studiert berufsbegleitend, arbeitet in der Bank.

Nach einigen Jahren sackt die Sauerstoffsättigung in seinem Blut immer häufiger ab, jede kleine Anstrengung wird jetzt zur Qual. Bald kann er nicht mehr ohne ein mobiles Sauerstoffgerät vor die Tür, muss in der Bank Stunden reduzieren. Seine Kunden berät er mit Sauerstoffgerät. Fünf Kilo wiegt der Rucksack, der ihm etwa fünf Stunden Mobilität ermöglicht. Einen Urlaub zu planen, wird zur Logistikaufgabe. Erst muss ein Sauerstofftank vor Ort sein, bevor Matthias kommen kann. Auch psychisch keine einfache Situation.

Ersticken war keine Option

Seine Lunge verfügt noch etwa über ein Fünftel der Funktion eines gesunden Menschen. „Die einzige Option war es zu ersticken. Und das war keine Option.“

Matthias erfüllt jetzt die vielen Bedingungen für ein Spenderorgan, auch passen die Werte vom Spender zu seinen. Am Abend nach dem Wolfsburg-Sieg beginnt die fünfstündige Operation in der Essener Uni-Klinik.

Das Rückspiel gegen Real dämmert an ihm vorbei, zu stark betäuben ihn Medikamente. Dazu unterliegt Matthias jetzt strengen Hygienebestimmungen. Damit der Körper das fremde Organ nicht abstößt, wird sein Immunsystem heruntergefahren.

Jede Unachtsamkeit ist eine Gefahr für sein Leben

„Ich habe gerne alles in der Hand,“ sagt Matthias über sich. „Aber da fühlte ich mich ausgeliefert.“ Er musste sich darauf verlassen, dass jede Schwester, jeder Pfleger, jede Reinigungskraft, alle Besucher sich an die Vorschriften halten: Kittel, Mundschutz, Handschuhe. Jede kleine Unachtsamkeit – eine reale Gefahr für sein Leben.

Außerdem muss er bei Null anfangen: Aufsetzen. Ein paar Schritte auf dem Gang. Dann einmal um das Klinik-Gebäude. Dazwischen liegen Tage. Und Rückschläge. Zweimal kommt es zu Komplikationen, einmal scheint es, als akzeptiere sein Körper dieses neue, fremde Organ nicht. Todesangst.

Dann die Reha. Weiter intensive Physiotherapie und Aufbautraining. Nach Wochen endlich nach Hause.

Strenge Hygienevorschriften

Hier wartet die nächste Herausforderung. Ein Jahr lang muss Matthias penibel auf Sauberkeit achten. Täglich putzen, die Toilette häufiger, auf keinen Fall er selbst. Keimfreie Nahrung. Steak nur noch ‘gut durch’, statt ‘halb gebraten’, wie er es mag. Menschen meiden. Nach draußen nur mit Mundschutz.

Eine Zeit, die er nur mit Unterstützung seiner Familie, die im gleichen Haus wohnt, meistert. Auf der Straße gucken ihn Passanten nicht mehr wegen des Sauerstoffgerätes, sondern wegen Mundschutz und Handschuhen an. Er legt sich eine Antwort zurecht, wenn ihn jemand fragt, ob er eine Gefahr darstelle.

Ein Jahr lang ein steriles Leben

Jeden Tag geht er spazieren, um fitter zu werden und um die Natur in seinem sterilen Leben zu spüren. Ein halbes Jahr nach der Operation besucht er eine Geburtstagsparty. Tanzt. Feiert. Lebt. „Das war ein Glücksmoment.“ Es sind diese Erlebnisse, die ihm auf die Beine helfen. Der Arzt sagt: „Fragen Sie nicht zu viel. Sagen Sie mir wie es war,“ als er den Wunsch äußert, Ski zu fahren.

In Winterberg nimmt ein Freund ein Video auf, wie er die Piste in langen Kurven hinabfährt. Er spürt sich, feiert das Leben und das Geschenk, das ihm ein völlig Fremder gemacht hat. „Ich war immer ein Kämpfer. Aber ich weiß auch, wie viel Glück ich hatte.“ Es klingt mit, dass er eine Verantwortung, ja eine Pflicht spürt, wieder ins Leben zu finden.

Schalke - Mitglied seit 20 Jahren

Seit 20 Jahren ist Matthias Schalke-Mitglied, seit 16 Jahren hat er eine Dauerkarte. Auch im letzten Jahr. „Ich sollte Menschen meiden, da lag es auf der Hand, dass ich kein Stadion besuchen kann,“ sagt er. Und auch: „Wenigstens habe ich eine durchwachsene Saison verpasst.“ Bald will er wieder in die Arena, auch wenn er heute sagt: „Fußball ist wichtig. Aber es ist eben auch nur Fußball. Hätte mir das jemand vor zwei Jahren einer erzählt, den hätte ich für verrückt erklärt.“

Die Organspende hat sein Leben verändert. Nach langer Pause arbeitet er jetzt wieder, aktuell sind es 13 Stunden die Woche. Er weiß, was ihm wichtig ist. Sport zum Beispiel. Und die Menschen, die ihn durch die schwerste Zeit seiner Krankheit begleitet haben. Seine Familie. Dass seine Partnerschaft an der hohen Belastung zerbrach, beschäftigt ihn noch immer.

Glaube an das Leben

Glaube ist ihm wichtig, auch seine Kirchengemeinde hat ihn begleitet. Seit einem Monat ist Matthias zudem Taufpate von der kleinen Lena, die Tochter seiner Cousine. Ein großen Zeichen, dass ihre Eltern an ihn glauben. Und an das Leben.

>>> Info: Spenderausweise können Leben retten

Seit 2016 hat das Team von Prof. Dr. Clemens Aigner 56 Patienten am Uni-Klinikum Essen eine Lunge transplantiert. Matthias ist einer von ihnen.

Über den Menschen, der gestorben ist und ihm das Leben gerettet hat, weiß er nur, dass er selbst oder seine Familie einer Organspende zugestimmt hat.

Organ- und Gewebespende wird laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zunehmend zum Gesprächsthema. Trotzdem gibt es weit mehr Bedarf für Organe als Spender. So hat die Uni-Klinik Essen ständig zwischen 30 und 60 Patienten auf ihrer Liste, die dringend eine neue Lunge benötigen.

Wer ein verfügbares Organ bekommt, entscheidet sich nach der Dringlichkeit und medizinischen Kriterien. Ist die Operation geglückt, sind die Ergebnisse gut: In Essen überleben mehr als 85 Prozent das erste Jahr nach der Transplantation. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt derzeit bei etwa 70 Prozent. Mehr Infos:

https://www.organspende-info.de/

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