Bahnhof Voerde

Wie Herr Isso den Täter vom Bahnhof Voerde stellte

Haval Isso (31) an der Stelle, wo das Verbrechen geschah.

Haval Isso (31) an der Stelle, wo das Verbrechen geschah.

Foto: Olaf Fuhrmann / Funke Foto Services GmbH

Voerde.  Haval Isso wurde mit seiner Familie Zeuge des Verbrechens von Voerde. Durch sein beherztes Eingreifen wurde der Täter schnell gestoppt.

Dieser Samstag sollte eigentlich ein schöner Tag werden. Haval Isso wollte mit seinen drei Kindern und seiner Frau auf den Trödel nach Gelsenkirchen, und deswegen wartet der junge Automechaniker um acht Uhr morgens mit seiner Familie auf dem kleinen Bahnhof von Voerde. Nur wenige Minuten später wird die Familie Zeuge eines grauenhaften Verbrechens und Isso zu dem Mann, der den Täter stellt.

Vier Tage, nachdem ein 28-jähriger Mann eine junge Frau vor einen einfahrenden Zug stieß, kommen noch immer Menschen zum Bahnhof in Voerde, um zu trauern. Grabkerzen und Blumen stehen an der Stelle, wo es geschah. Haval Isso steht gedankenverloren vor der kleinen Gedenkstätte. Er kann noch immer nicht richtig begreifen, was da am Samstag geschehen ist.

2010 aus dem Nordirak nach Deutschland gekommen

Augenzeuge erinnert sich an tragischen Vorfall in Voerde

Isso ist 2010 aus der nordirakischen Kleinstadt Zakho nach Deutschland gekommen. Er hat sich in Voerde ein Leben aufgebaut und eine Familie gegründet. Der 31-Jährige ist ein bescheidener Mann, keiner, der große Töne spuckt, obwohl das, was er am Samstag getan hat, auch den ermittelnden Beamten großen Respekt eingeflößt hat. „Heldenhaft“ sei sein Verhalten gewesen, hat die Polizei gesagt.

Am Bahnhof fällt Isso sofort ein junger Mann auf. Jackson B. aus Brünen bei Hamminkeln, 28 Jahre, polizeibekannt, jemand, vor dem die Nachbarn in seinem Heimatdorf Angst haben. Der Mann wirkt unruhig, nervös. „Er hat böse und unfreundlich geguckt.“

Mit einem Schraubenzieher in der Hand

Isso hat zunächst den Eindruck, dass der Mann möglicherweise kein Ticket hat. „Ich habe ihn gefragt, ob er bei uns mitfahren will. Das wollte er nicht.“ Stattdessen habe der junge Mann ständig auf seine, Issos, Kinder geschaut und sie angesprochen, merkwürdige Dinge gesagt. „Ich habe ihm gesagt, dass er gehen soll.“

Kurze Zeit später, sagt Isso, sei Jackson B. mit einem Schraubenzieher in der Hand auf ihn zugekommen. „Ich habe ihm den weggenommen und in das Gleisbett geschmissen.“ Issos Frau ist schon verängstigt. Sie sagt ihrem Mann, dass er nicht handgreiflich werden solle. „Ich habe nur gedacht, dass ich ihn angreife, wenn er meine Familie weiter belästigt.“

Er schickt seine Familie nach vorne, ans Ende des Bahnsteigs, damit sie nicht mit B. einsteigen müssen. B. tigert hinterher, trifft auf Anja N., 34, verheiratet, Mutter einer 13-jährigen Tochter. Isso sagt, B. habe die junge Frau auf ihre Tätowierungen auf dem Arm angesprochen, sie habe ihm bedeutet, nicht mit ihm sprechen zu wollen. Die Staatsanwaltschaft sagt dagegen, nach bisherigen Erkenntnissen hat es keinen Kontakt zwischen den beiden gegeben. Klar ist aber, was dann passiert.

Völlig unvermittelt stößt er die junge Frau vor den Zug

Der graue Abellio-Regionalzug fährt um 8.46 Uhr ein, schnell. Völlig unvermittelt stößt der 28-Jährige Anja N. vor den Zug. „Ich habe sie schreien gehört und mich sofort auf den Mann geschmissen“, sagt Isso. Er macht sich Vorwürfe, dass er nicht schneller war. B. wehrt sich heftig, Isso hält ihn fest. Seine Frau winkt ein vorbeifahrendes Polizeifahrzeug heran. Acht, vielleicht zehn Minuten habe es gedauert, bis die Polizisten am Bahnsteig waren, erinnert sich Isso. Er klammert sich solange an den 28-Jährigen, drückt ihn auf den Boden.

Und heute? Seinen Kindern, er hat zwei Söhne, 8 und 5, und eine sechsjährige Tochter, geht es wieder etwas besser, glaubt er. Am Tag nach der Tat hatten sie kein Wort gesagt. „Sie wissen, was passiert ist, sie haben in den Nachrichten gehört, dass die Frau gestorben ist.“ Jetzt wollen sie nicht mehr, dass ihr Vater zum Bahnhof geht.

Angst vor den Verwandten des Täters

Er selbst ist unruhig, weil er Sorgen um die Kinder und seine Frau hat. B. könnte möglicherweise Verwandte haben, die sich rächen wollen. „Meine Cousins und Cousinen in Hannover haben schon gesagt, wir sollen zu ihnen ziehen. Das möchte ich im Moment noch nicht“, sagt Isso. Die Stadt hat sich bei ihm für seine Tat bedankt. Die Aufmerksamkeit ist ihm etwas unangenehm. „Das ist doch meine Aufgabe gewesen. Wenigstens das. Diese Frau hatte ihm doch überhaupt nichts getan.“

Jackson B. schweigt nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch immer zu seinem Motiv für das Verbrechen. Ein psychiatrisches Gutachten ist in Auftrag gegeben worden. Möglicherweise kann es in der nächsten Woche erstellt werden.

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