Schule

Wie Lehrer und Polizisten gegen Gewalt an Schulen kämpfen

22.900 Straftaten wurden 2017 an den Schulen in Nordrhein-Westfalen begangen.

22.900 Straftaten wurden 2017 an den Schulen in Nordrhein-Westfalen begangen.

Foto: DPA

An Rhein und Ruhr.   Beleidigungen, Mobbing, Schläge: An vielen Schulen in NRW gehört das zum Alltag. Die Suche nach Lösungen beschäftigt Politik, Lehrer und Polizei.

Es beginnt mit Beleidigungen – und endet mit einem Zusammenbruch. Ein 14-jähriges Mädchen, wir nennen es in dieser Geschichte Klara, wird in der Schule drangsaliert. Über Monate hinweg wird es beleidigt, bedroht. Nach einiger Zeit erhält das Mädchen Listen von seinen Mitschülern. Akribisch schreiben sie auf, was Klara stehlen soll.

DVDs, Parfüm, Markenklamotten. Zuerst soll sie klauen, um nicht ausgeschlossen zu werden. Dann, um zu verhindern, dass Nacktfotos von ihr verbreitet werden. Es endet mit der Aufforderung: „Klau das, sonst bringen wir dich um!“

Der Fall liegt schon einige Jahre zurück. Michael Ebeler erinnert sich aber noch heute an die Details. Der 53-Jährige ist Kriminalhauptkommissar bei der Essener Polizei, war 16 Jahre lang Jugendkontaktbeamter für Essen und Mülheim. Schwerpunkt: Gewalt an Schulen. Die Bandbreite der Delikte, mit denen sich der Polizist in den vielen Dienstjahren konfrontiert sah, ist groß.

Zahl der Körperverletzungen an den Schulen in NRW deutlich gestiegen

„Von Gewaltdelikten, über Cybermobbing bis hin zu sexuellem Missbrauch – da war alles dabei“, sagt Ebeler. Die Gewalt, so der Essener Kriminalpolizist, habe über die Jahre eine neue Qualität erreicht. Ein Blick auf die Statistik des Landeskriminalamts zeigt: Auch die Zahl der Delikte steigt.

22.900 Straftaten wurden 2017 an den Schulen begangen - nach 21.800 im Vorjahr. Besonders die Gewaltdelikte nahmen zu: So stieg die Zahl der Körperverletzungen deutlich von 5600 auf 6200. Dazu kommen 159 Verstöße gegen das Waffengesetz (Vorjahr: 122).

Für Aufsehen sorgte in diesem Jahr eine Gewalttat an der Gesamtschule Lünen: Im Januar war dort ein 14-jähriger Schüler erstochen worden - angeklagt ist ein damals 15-Jähriger, der sich durch bloße Blicke provoziert gefühlt haben soll. Die Suche nach Lösungen beschäftigt Politik, Lehrer und Polizei.

„Schule ist keine Insel, sondern Teil und Abbild unserer Gesellschaft. Sie darf bei der Bewältigung gesellschaftlicher Probleme nicht allein gelassen werden“, fordert Dorothea Schäfer, NRW-Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. Es brauche entsprechende Unterstützung, vor allem bei Opferschutz und Gewaltprävention, sagte Schäfer der NRZ.

Kurze Drähte zwischen den Institutionen

Ein wichtiger Bestandteil des Schullebens, so Schäfer, sei die Große Pause und die Konflikte, die dort entstehen können. „Unsere Lehrer müssen das nötige Rüstzeug für diesen Teil des Berufs lernen. Das muss schon in der Ausbildung passieren“.

Für Michael Ebeler liegt der Schlüssel zum Erfolg in frühzeitiger Intervention und schneller Urteilssprechung. „Wenn sich ein Kind die Finger an einer heißen Herdplatte verbrennt und erst nach vier Wochen den Schmerz spürt, ist das zu spät“, sagt der 53-Jährige. Es brauche kurze Drähte zwischen allen Institutionen, die professionelle Jugendarbeit betreiben. Ebenso wichtig sei das Vertrauen der Schüler.

„Wir merken sehr deutlich, dass die Schüler offener auf uns zukommen, wenn wir vor Ort präsent sind“, sagt der Essener Polizist. Außerdem würden die Schüler registrieren, dass „der Ball sehr schnell ins Rollen käme“, wenn sie den Kontakt zur Polizei suchen. „Wenn die Kollegen Wind von Straftaten bekommen, dann grätschen die richtig rein“.

Gewaltprävention als Qualitätssiegel

Michael Mertens, NRW-Chef der Gewerkschaft der Polizei, fordert mehr Unterstützung seitens der Politik. „Wir brauchen mehr Kontaktbeamte an den Schulen“, sagte Mertens der NRZ. Gewaltprävention an Schulen müsse ein Qualitätssiegel sein. „Dafür braucht es die nötige gesellschaftliche und politische Akzeptanz.“

Klara hat sich gegen die Gewalt gewehrt. Die 14-Jährige öffnete sich einer Schulpsychologin, die wiederum stellte den Kontakt zur Polizei her. Zwölf Beschuldigte wurden angeklagt. Ausgang? Nicht bekannt. Nur so viel: „Nach dem Verfahren war Ruhe.“

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