Ehrenamt

Wissen macht Kinder stark – neue Runde für Solidaritätspreis

Naomi (12), Madelaine (9), Gino (9) und Kim  (v.l.) machen ihre Hausaufgaben im Don Bosco Club – unterstützt von Britta Hahnen

Foto: Kai Kitschenberg

Naomi (12), Madelaine (9), Gino (9) und Kim (v.l.) machen ihre Hausaufgaben im Don Bosco Club – unterstützt von Britta Hahnen Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   Ohne Ehrenamtler läuft’s oft nicht in Sachen Bildung von Kindern. Deshalb loben NRZ und Freddy-Fischer-Stiftung wieder den Solidaritätspreis aus.

Im Don-Bosco Club ist ganz schön was los. Im Foyer lassen ein paar Jungs auf dem Billardtisch die Kugeln rollen, an der Bar sitzen einige Grundschüler bei Apfelschorle und Gesellschaftsspielen. Draußen auf dem Hof tobt sich ein Grüppchen beim Ballspielen aus. Unbeschwertes Kindervergnügen. 100 bis 150 Kinder und Jugendliche essen, tanzen, basteln, spielen und trainieren in dem großen Haus im Essener Stadtteil Borbeck. Täglich.

Nur über einem Raum liegt konzentrierte Stille. Zwölf Köpfe beugen sich über Hefte und Arbeitsbücher. An einer Ecke stapeln sich Zahlenkolonnen beim Dividieren, in der anderen werden Französischsätze geübt. Hausaufgaben! Furchtbar, oder? Och! So schlimm finden’s die Kinder gar nicht. Erstens: Es muss sein. Zweitens: Es gibt Hilfe. Und drittens: oft Erfolgserlebnisse.

Das Projekt ist auf 15 Plätze begrenzt

An diesem Mittag ist es eine „Eins“, die einer der Hausaufgabenschützlinge aus der Schule mitbringt und – völlig zu Recht – mit Stolz vorzeigt. „Toll“, freut sich auch Jugendzentrumsleiterin Susanne Bier. Und man kann die gute Note wohl auch als einen weiteren Erfolg des Projektes sehen, das von der Freddy-Fischer-Stiftung, der Christoph-Metzelder-Stiftung und der Klaus und Ursula Metzelder-Stiftung gefördert wird. Zwölf bis 15 Kinder – viele von ihnen sind über Jahre dabei – bekommen an jedem Wochentag ein warmes Mittagessen, bevor es an die Hausaufgaben geht. Das Projekt ist aus Kapazitätsgründen auf 15 Plätze begrenzt – der Bedarf allerdings ist deutlich höher. Viele Kinder kommen aus Familien, die mit Hartz IV oder geringem Einkommen leben müssen.

Zwei Erwachsene betreuen die Kinder bei den Aufgaben, helfen, geben Tipps, kontrollieren die Ergebnisse, sie kennen die Schwächen und die Stärken jedes Einzelnen genau, beschäftigen sich mit Arbeitsmappen und bereiten Aufgaben vor. Die Studentinnen, die an diesem Nachmittag hier sind, engagieren sich mit kleinem Honorar und viel Ehrenamt. Überhaupt: „Ohne Ehrenamtler würde das Ganze hier komplett zusammenbrechen. Hier ist ganz viel Herzblut im Spiel“, sagt Chefin Susanne Bier, die seit 25 Jahren im Don Bosco Club arbeitet und als eine von zwei Hauptamtlichen tätig ist.

Die Noten der Schüler haben sich spürbar verbessert

Dabei folgt die Einrichtung einem ganzheitlichen Ansatz. Was praktisch heißt: Neben dem Mittagessen, dem Hausaufgabenprojekt und den „normalen“ Angeboten eines Jugendzentrums trainieren im Haus Nachwuchsboxer und junge Tänzer, es gibt eine Kleiderkammer („Weil manche unserer Kinder“, wie Susanne Bier sagt, „noch nicht mal eine Winterjacke haben.“), und ganz selbstverständlich werden hier auch Werte und Umgangsformen vermittelt – Höflichkeit, Respekt, Anstand.

Der Erfolg der Hausaufgabenbetreuung ist übrigens messbar. Die Kinder hätten sich im Schnitt um 1,9 Noten verbessert, haben Bier und ihr Kollege Thomas Jekel errechnet. Und Studentin Britta Hahnen (24), seit fünf Jahren eine konstante Hilfe bei der Hausaufgabenbetreuung, erzählt davon, wie es im vergangenen Jahr gelungen ist, dass ein Junge von der Grundschule nicht auf die Haupt-, sondern auf die Realschule wechselte. Viele Kinder stehen auch in ihren „schwachen“ Fächern bei Note zwei bis drei. „Viele hätten ohne das Projekt wohl kaum eine Chance“, glaubt Britta Hahnen.

Einer, der entschlossen ist, seine Chance zu nutzen, ist Nico. Der 14-Jährige hat ein Ziel. Nico geht zur Förderschule, will aber unbedingt seinen Hauptschulabschluss machen. Deswegen kommt er nachmittags in die Hausaufgabenbetreuung und paukt Mathe und Englisch. „Bei uns in der Förderschule haben wir nur einmal in der Woche Englisch. Das bringt nichts. Das ist zu wenig“, sagt er. Mit dem Hauptschulabschluss wäre er einen Schritt weiter auf dem Weg zu seinem Berufswunsch Gas-/Wasserinstallateur: „Aber selbst ein Praktikum zu bekommen, ist da schon ganz schwer.“

Nico hat nun selbst ein Ehrenamt übernommen

Aber Nico ist nicht nur Nutznießer des Bildungsprogramms, er engagiert sich auch selbst und will etwas zurückgeben von dem, was er an Gutem erfahren hat. Er ist begeisterter Boxer, trainiert im Don Bosco Boxclub. Beim Boxen kann man auch fürs Leben lernen. Zum Beispiel, dass Angriff nicht unbedingt die beste Verteidigung ist. „Und dass man Streit mit Worten lösen sollte“, so der 14-Jährige. Jetzt hat er im Club eine Aufgabe übernommen: Er gibt Boxstunden für die Kinder. Als ehrenamtlicher Co-Trainer. Ein starker Typ! Respekt, Nico!

>>SCHREIBEN SIE UNS VORSCHLÄGE FÜR DEN SOLIDARITÄTSPREIS

Die NRZ und die gemeinnützige Freddy-Fischer-Stiftung schreiben zum vierten Mal den Solidaritätspreis aus. In diesem Jahr richtet sich die mit 7000 Euro dotierte Auszeichnung an Menschen oder Organisationen, die sich ehrenamtlich und nachhaltig in der Bildung von Kindern und Jugendlichen in der Region engagieren. Ohne ihren Einsatz würden viele Kinder in unserem Bildungssystem zurückbleiben – trotz vieler vollmundig angekündigten Programme von Schul- und Sozialpolitikern.

Mit diesem Preis und mit vielen Artikeln wollen wir uns bei den Bürgern bedanken, die Patenschaften für Schüler übernehmen, bei der Hausaufgabenbetreuung helfen, die in Fördervereinen aktiv sind, die etwa Unterrichtsmaterialien für bedürftige Schüler besorgen. Am Ende entscheidet eine Jury und vergibt die Förderpreise. Für den ersten Platz gibt es 4000 Euro, für den zweiten 2000 und für den dritten 1000 Euro.

Jeder Leser, der eine Person oder Organisation für preiswürdig hält, kann uns diese nennen. Man kann sich auch selbst vorschlagen, schließlich sollen die guten Beispiele ja auch andere zur Nachahmung anregen. Die formlose, schriftliche Bewerbung sollte so detailliert wie möglich das Ehrenamt beschreiben. Sollte es bereits Presseberichte über den Bewerber geben: bitte beilegen. Wer will, kann auch ein kleines Video über den Bewerber drehen. Das sollte höchstens ein bis zwei Minuten lang sein und kann mit einer Handykamera aufgenommen werden. So präsentieren sich die Bewerber auch auf der eigens eingerichteten Facebook-Seite „Solidaritätspreis der Freddy Fischer Stiftung und der NRZ“.

Schreiben Sie uns bitte bis Ende Februar an die NRZ, Seite Drei, Stichwort: Solidaritätspreis, 45123 Essen. Oder mailen Sie uns bitte an seitedrei@nrz.de, Betreff: Solidaritätspreis.

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