Warum wir glauben

Zuwanderer bringen auch religiöse Konflikte mit

Prof. Volkhard Krech, Religionswissenschaftler an der Ruhr-Uni Bochum.

Foto: Lars Heidrich

Prof. Volkhard Krech, Religionswissenschaftler an der Ruhr-Uni Bochum. Foto: Lars Heidrich

Religionssoziologe Volkhard Krech sagt: NRW ist ein religiös besonders buntes Land – mit 240 Religionen, die meist friedlich miteinander leben.

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„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ – die Gretchenfrage ist wieder aktueller geworden. Religiosität wird offenkundig wichtiger. Als Gegenstand persönlicher Sinnsuche genauso wie zum Argument für politische Auseinandersetzungen bis hin zu Extremismus und Terrorismus.

Wir wollen in den nächsten Wochen ins Gespräch kommen – mit Vertretern aller Weltreligionen, mit Skeptikern und Wissenschaftlern. Den Anfang macht Professor Dr. Volkhard Krech. Er ist Leiter des Ceres (Center for Religious Studies) an der Ruhr-Universität Bochum. Es wurde 2005 gegründet und ist mit rund 1000 Studierenden eine der größten Einrichtungen dieser Art in Deutschland.

Herr Professor Krech, ist Nordrhein-Westfalen ein religiöses Land?

Professor Krech: Ein Land kann schlecht religiös sein, aber Ihre Frage zielt ja auf die Bevölkerung und ihre Religiosität. Wenn man die Bundesrepublik als Vergleichsmaßstab heranzieht, gibt es in NRW keine Besonderheit. Außer, dass aufgrund der historischen Konstellation NRW eine bikonfessionelle Heterogenität aufweist: Andere Bundesländer sind eindeutiger evangelisch oder katholisch geprägt. In NRW sind Rheinland und Münsterland klassisch katholisch, während Ostwestfalen und Teile des Ruhrgebiets eher protestantisch waren. Mittlerweile ist das aber so durchmischt, das merkt vielleicht noch beim rheinischen Katholizismus, im Karneval beispielsweise. Ansonsten sind diese Unterschiede nicht mehr so bedeutsam wie vielleicht noch in den 50er Jahren.

Also bei meiner Mutter und ihren Eltern war eine evangelisch-katholische „Mischehe“ noch nicht so ganz einfach…

Professor Krech: So etwas gibt es noch heute gelegentlich, aber insgesamt hat sich das nivelliert. Die Besonderheit, die wir mit wenigen anderen Bundesländern teilen, ist die Verschiedenheit. Als Daumenwert können Sie davon ausgehen, dass es in NRW rund 250 verschiedene Religionen und religiöse Richtungen gibt, das ist vor allem dem Ruhrgebiet und seiner Diversität zu verdanken. Also: NRW ist nicht religiöser als andere Bundesländern, aber die Verschiedenheit der Religionen hier ist besonders groß.

Wie sieht das im weltweiten Vergleich aus?

Professor Krech: Deutschland ist sicherlich ähnlich religiös wie weite Teile Westeuropas, Westeuropa ist aber wiederum weniger religiös als Osteuropa. Und Europa in Gänze weitaus weniger religiös als die übrige Welt, auch im Vergleich zu den USA. Das gilt, wenn man sich die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft anguckt, das so genannte Commitment. Anders ist es, wenn man sich die gelebte Religionspraxis anschaut, also die Frage, wie viele Menschen ein religiöses Leben führen. Das ist natürlich schwer zu bewerten.

Haben Sie nicht den Eindruck, das Religiosität wieder wichtiger wird? Nicht unbedingt im Glaubensleben, aber als Element der Identität?

Professor Krech: Das ist ein bemerkenswerter Punkt der gegenwärtigen religiösen Lage, den wir als Wissenschaftler noch genauer verstehen müssen. Lange Jahre bis Jahrzehnte waren wir auf zunehmende Säkularisierung eingestellt. Seit den 1990er Jahren und insbesondere nach dem 11. September 2001, aber auch in jüngster Zeit wird Religion wieder wichtiger – in den Medien, in der Politik, im Recht. Das kann damit zusammenhängen, dass Religion auf der gesellschaftlichen Ebene anderen Gesetzmäßigkeiten gehorcht als auf der individuellen Ebene. Beim einzelnen Menschen fällt Religion oder Atheismus in den Bereich der Freiheit der individuellen Lebensführung. Wobei wir eine Zunahme an Indifferenten haben – als Daumenwert rund ein Drittel der Bevölkerung. Das sind die, die mit der berühmten Gretchenfrage – Wie hältst du es mit der Religion? – gar nichts mehr anfangen können.

Wie muss ich mir das vorstellen? Baut man sich seinen privaten Himmel und seine private Hölle aus dem Wertekatalog?

Professor Krech: Das sowieso, die Bindungskraft einzelner Religionen lässt nach. Es gibt mehr so genannte Patchworkreligiosität. Indifferenz geht noch darüber hinaus. Das bedeutet schlicht: Religion interessiert mich nicht, auch nicht in Form von Ablehnung. Diese Indifferenz wächst.

Also: Atheismus würden Sie beschreiben als gegen Religion gerichtete Haltung und die Indifferenz als…

Professor Krech: … ist mir wurscht. Ich brauch das nicht, ich habe keine Haltung zu dem Thema.

Wenn wir uns die Muslime anschauen, sehen wir das genaue Gegenteil. Ihnen ist es meist nicht egal, ob jemand sich zu einer Religion bekennt – und zu welcher.

Professor Krech: Genau. Da haben wir eine Konfliktlinie. Religion ist in einigen Gruppierungen besonders relevant. Das gilt für einige muslimische Gruppierungen, das gibt es aber auch im evangelisch-freikirchlichen Bereich oder bei den Pfingstlern. Da gibt es auch religiösen Fundamentalismus. Die religiöse Praxis einzelner Menschen folgt allerdings oft einer anderen Logik als der Behandlung des Themas in der Öffentlichkeit, wo es auch oft einen religiösen Bedarf gibt.

Es gibt in Ihren Augen eine öffentliche Notwendigkeit für Religion?

Professor Krech: Ja, der Auffassung bin ich. Es gibt für den individuellen Menschen keine wesensmäßige Notwendigkeit, religiös zu sein. Sie verfehlen ihr Menschsein nicht, wenn sie nicht religiös sind. Das ist aber in der Gesellschaft anders. Ich sehe eine Notwendigkeit für Religion genauso wie für Politik. Wir sehen eine Politikverdrossenheit in weiten Teilen der Bevölkerung, sie nehmen nicht mehr Teil. Aber der Bedarf für Politik bleibt unverändert hoch.

In der Bevölkerung sinkt jedoch das Interesse an Politik und Religion gleichermaßen – ist das eine Folge der Individualisierung?

Professor Krech: Autonomie des Einzelnen ist ein demokratischer Wert. Aber das kann auch ein Abkoppeln von Einzelnen aus der Gesellschaft bedeuten – oder von gesellschaftlichen Bereichen. Das sehen wir in der Wirtschaft schon lange. Nicht alles, was dort passiert, tut einzelnen Menschen gut. Ich halte es für einen zivilisatorischen Gewinn, dass wir die Trennung von Kirche und Staat haben, anders als beispielsweise bei den jüngsten Entwicklungen in der Türkei oder in Frankreich mit seinem starken Laizismus. Wo immer sich der Staat zu sehr in die Religion einmischt, positiv oder negativ, fördernd oder zurückdrängend, halte ich das für kritisch.

Also, ein Staat muss sich keine Religion suchen, aber eine Gesellschaft schon? Wie soll so etwas aussehen?

Professor Krech: Wie kann man ein Rechtssystem konstruieren? Oder eine gut funktionierende Wirtschaft? Wir erleben oft genug die Grenzen der Planungsfähigkeit. Was man politisch schaffen kann ist: Rahmenbedingungen für eine Gesellschaft, die für Religion, kollektiv wie individuell, so fair wie möglich sind – in Bezug auf Recht und Politik. Die Anerkennung neuer Religionsgemeinschaften gehört dazu.

Das heißt auch die Anerkennung des religiösen Islam. Da dürfen die christlichen Kirchen keine Sonderrechte haben. Wobei alle anerkannten Religionen sich auf dem Boden der Verfassung bewegen müssen. Der Rest ist Sache der Religionen als gesellschaftlichen Akteuren. Jede religiöse Gemeinschaft kann in der gesellschaftlichen Arena um Aufmerksamkeit werben und Angebote machen.

Wie kann das konkret aussehen? Zum Beispiel bei der Kirchenfinanzierung.

Professor Krech: In der Tat ist die Frage der Erhebung der Kirchensteuer nicht ganz unproblematisch. Ich halte das italienische Modell für sehr vorbildlich, wo von jedem Steuerzahler ein Prozentanteil eingefordert wird, er aber entscheiden kann, wem er sie gibt. Er kann auch nicht-religiöse, aber gesellschaftlich anerkannte Organisationen unterstützen. Somit müssen die jeweiligen religiösen Gemeinschaften um die finanzielle Unterstützung durch die Bürger werben – gewissermaßen durch ein attraktives, gesellschaftlich positiv wirksames Angebot.

Sie haben die Notwendigkeit von Religion für die Gesellschaft betont. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund den Religionsunterricht, insbesondere den islamischen Religionsunterricht?

Professor Krech: Generell halte ich eine umfassende religiöse Bildung für sehr wichtig, gewissermaßen eine religiöse Alphabetisierung der Menschen. Diese Art von Religionskunde sollte alle Glaubensrichtungen gleichermaßen beleuchten. Ich bin allerdings sehr dafür, dass staatliche Universitäten nicht mehr für die Ausbildung von konfessionellen Religionslehrern zuständig sind. Im Falle des islamischen Religionsunterrichts haben wir die besondere Problematik, dass es keine islamisch-kirchliche Organisation gibt, die verbindlich die Ausbildung der Lehrer anerkennt. Sie sehen das an der Besetzung der Lehrstühle für islamische Theologie. Da gibt es immer wieder Ärger. Was nicht heißt, dass nicht auch Kirchen oder Glaubenseinrichtungen private Schulen betreiben könnten.

Beim Blick auf die Muslime sehen viele eine besondere Problematik darin, dass für einige Gläubige dort die religiöse Rechtsordnung über der staatlichen steht.

Professor Krech: Es ist die Frage, wie weit verbreitet diese Phänomene sind. Wir haben rund eine Million Muslime in NRW, davon sind rund 2000, das sind zwei Promille, Teil des salafistischen Spektrums. Und innerhalb dieser 2000 Menschen gibt es noch einmal etwa 100 Muslime, die latent gewaltbereit sind. Das ist in etwa die Einschätzung des Verfassungsschutzes. Sicher ist das ist nicht nur eine Frage der Quantität. Im Zweifel reicht ja ein Schläfer. Aber auf der anderen Seite ist da nicht mehr Gewaltpotenzial als im links- oder rechtsextremen politischen Milieu. Für die Frage, wie wir gut miteinander leben, ist es sehr wichtig, dass wir das nicht auf die Extremismusfrage zuspitzen. Denn damit tun wir 99,99 Prozent der hier lebenden Muslime Unrecht.

Das heißt, die Gesellschaft sollte aufhören, bei jedem Anschlag von den Muslimen zu fordern, sie sollten sich davon distanzieren?

Professor Krech: Es tut immer gut, sich als Staatsbürger von Terrorismus zu distanzieren. In diesem Sinne ist das auch von jedem deutschen Bürger muslimischen Glaubens zu erwarten. Aber ich wohne in einem strukturschwachen Stadtteil Gelsenkirchens, wo viele Muslime leben. Wenn ich da jedem Bartträger und jeder Kopftuchträgerin unterstelle, sie seien erstens Muslime und zweitens religiös und drittens islamistisch…

...dann trauen Sie sich nicht mehr vor die Tür

Professor Krech: Genau. Oder ich habe sofort Konflikte, weil ich in jedem Rucksack eine Bombe wähne. So entsteht ein aufgeheiztes Klima. Das gibt es im Kleinen ebenso wie geopolitisch. Deswegen sind vertrauensbildende Maßnahmen wichtig. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass man sich die Größenordnung der Bedrohung klarmacht. Die Gefahr, dass ich mit der russischen oder libanesischen Mafia in Konflikt gerate, ist weitaus größer als die Gefahr, dass ich in einen muslimischen Anschlag gerate. Seit dem 9. September 2001 richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Islamismus und schieben andere Aufmerksamkeiten zurück. Das ist in der Tat eine Entwicklung auch in NRW.

Im Mittelalter gab es hier Christen und Juden – und die Juden waren für die Christen oft genug das Objekt der Auseinandersetzung. Droht die Gefahr, dass jetzt die Muslime zu einem solchen Gegner werden?

Professor Krech: Das ist eher eine psychologische Frage. Aus sozialwissenschaftlichen Religionsforschung würde ich sagen: Einen Gegner brauchen Sie nicht unbedingt, aber ein Gegenüber braucht man immer.

Das heißt der christliche Glaube ist da herausgefordert.

Professor Krech: Das ist er immer, und das ist er auch heute. Das ist ein Teilaspekt: Die Christinnen und Christen in Westeuropa sind herausgefordert durch den Ernst der religiösen Lebensführung vieler Muslime. Da staunen viele Christen: Wie, du fastest? Du machst dein Pflichtgebet? Viele Kulturchristen besinnen sich dadurch wieder mehr auf ihre Religion. Das muss kein Konflikt sein, das kann auch Profilschärfung unter Anerkennung der Differenz sein.

Wir erleben aber auch, dass religiöse Konflikte wie der Nahost-Konflikt jetzt plötzlich hier wirksam werden – und auch eine neue Art von Antisemitismus.

Professor Krech: In dem Moment, wo durch Migration Menschen aus Gegenden mit religiösen Konflikten in unser Land kommen, handeln wir uns auch diese Konflikte ein. Das ist beim Islam zu sehen, aber beispielsweise auch bei den Hindu-Tamilen. Das ist eine Frage, wie eine offene Gesellschaft damit umgehen soll. Wenn eine Gesellschaft sagt, wir sind ein Einwanderungsland und wir wollen uns das politisch leisten und wir können uns das ökonomisch leisten, dann kann die Wissenschaft erforschen, unter welchen Bedingungen das am besten funktioniert.

Nämlich?

Professor Krech: Eine offene Gesellschaft hat viele Vorteile. Auch ökonomisch. Diversität kann ein Wirtschaftsfaktor sein. Und kulturelle Diversität ist zweifelsohne eine Bereicherung.

Wenn man sich die Politik der AfD anguckt, die mit dem Argument der Bedrohung durch die Zuwanderer, durch Fremde, arbeitet: Wird der Vorteil der Diversität zu wenig betont?

Professor Krech: Das ist ein alter und sehr wirksamer Mechanismus, der nichts mit Religion zu tun haben muss. Das sogenannte Sündenbock-Syndrom funktioniert leider immer noch erfolgreich. Konflikte, die man im Inneren hat, werden auf einen äußere Gruppe projiziert. Und man meint, wenn die Gruppe verschwinde, sei das Problem gelöst.

Das „Wir gegen die“ scheint aber doch auch ein Phänomen vieler Religionen zu sein.

Professor Krech: Das Interessante an vielen Religionen ist: die schaffen beides. In den großen Weltreligionen gibt es immer ein „die“ und „wir“. Aber immer auch ein universales Heilsversprechen: Alle Menschen sind gleich. Die großen Religionen tragen alle auch das utopische Versprechen der Nivellierung aller Unterschiede im Jenseits mit sich. Ein Versprechen, das aber bereits im Diesseits seine Kraft entfalten soll.

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