Natur

Mundraub ist im Hasetal völlig legal

Äpfel und Birnen kann man entlang der Hase pflücken.

Foto: Wolfgang Stelljes

Äpfel und Birnen kann man entlang der Hase pflücken. Foto: Wolfgang Stelljes

Essen.  Im Hasetal längs der Hase laden 2000 öffentliche Obstbäume zum legalen Mundraub ein. Touristen können hier verschiedene Obstsorten ernten und genießen.

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Wie ein Vogelschwarm stürzt sich die Radlergemeinde kurz vor Bersenbrück in eine Streuobstwiese. Die Früchte sind erntereif und Besitzerin Liesel Schmidt hat ein großes Herz: „Wer fragt, kriegt alles.“ Und so dürfen wir uns mit leckeren Kirschen der Sorten „Hedelfinger“ und „Finkenwerder“ den Bauch vollschlagen. Im September hängt hier alles voller Äpfel und Birnen, sagt Schmidt.

Dass dann wieder jemand in ihren Garten einfällt, muss sie kaum fürchten. Denn geerntet werden kann direkt am Wegesrand. Längs der Hase laden rund 2000 öffentliche Obstbäume zum legalen Mundraub ein. Hier und da erleichtern sogar Bänke mit Räuberleitern das Pflücken. Mit diesem Konzept kam die Hasetal Touristik im vergangenen Jahr auf den ersten Platz beim „Deutschen Tourismus Preis“. Grund genug für eine Testfahrt mit geführter Gruppe.

In Zweierreihen und im Plauderton

Wir starten in Melle, der drittgrößten Stadt Niedersachsens, größer auch als Düsseldorf oder Frankfurt am Main, was die Fläche betrifft. Immer vorneweg: Bernd Meyer, unser Gästeführer auf der ersten Hälfte der Strecke. Dahinter, meist in Zweierreihen und im Plauderton, neun Radler im Alter zwischen 46 und 73 Jahren. Ein Gästeführer erleichtert das Radeln ungemein, weil man seine Nase nicht ständig an irgendwelchen Weggabelungen in irgendwelche Karten stecken muss. Wobei das Hinterherradeln bei Bernd Meyer nicht so ganz einfach ist – der Mann hat Alpenerfahrung. Und die Ausläufer des Teutoburger Waldes muten zwar sanft an, sollten aber besser nicht unterschätzt werden.

Von der Hase ist erstmal nichts zu sehen. Ihre Quelle liegt nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen und ist fast trocken, ein Rinnsal nur, der zum Glück von anderen Quellen gespeist wird. In Gesmold, unserer nächsten Station, ist sie dann schon gut zwei Meter breit, muss aber einen Teil ihres Wassers auch gleich wieder abgeben – an die Else. Der Fluss teilt sich, ein weltweit sehr seltenes Phänomen, von Fachleuten Bifurkation genannt. Etwa zwei Drittel des Wassers bleiben in der Hase, die in die Ems mündet, ein Drittel fließt in der Else der Weser entgegen.Während Radlerkollege Gerd als gelernter Landmaschinenschlosser schnell noch ein Mühlenrad am Bifurkations-Modell repariert, erzählt Bernd, dass die Schweden hier im Dreißigjährigen Krieg der Stadt Osnabrück im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgegraben haben. Sie ließen von Bauern einen Damm errichten und leiteten das Wasser der Hase um. Ohne Wasser im Stadtgraben war Osnabrück schutzlos und musste sich ergeben – blieb aber weitgehend unzerstört. Und deshalb können wir uns am nächsten Tag auch das Rathaus mit dem Saal ansehen, in dem der berühmte Westfälische Friede ausgehandelt wurde.

Hinter Osnabrück folgen wir eine Weile dem Lauf eines Kanals. Immer häufiger säumen ausgedehnte Felder unseren Weg, Weizen, Gerste, manchmal Kartoffeln, selten Hafer. Dazwischen prächtige Fachwerkhöfe, alles proper und ordentlich – wir nähern uns dem Artland. Dass wir eine Zeit lang kaum Obstbäume sehen, hätten wir gar nicht bemerkt, wäre da nicht die Streuobstwiese von Liesel Schmidt gewesen.

Bienen brauchen eine ausgewogene Ernährung

Und Liesel Schmidt ist nicht der einzige nette Mensch, dem wir begegnen. In Badbergen empfängt uns Holger Fuchs-Budde-Gottwald. Der Imker ist fast enttäuscht, dass wir nur zwei Stunden Zeit mitbringen. Er beantwortet alle unsere Fragen, bis hin zum Orientierungsverhalten einer Biene oder zur Begattung in der Luft. Das Wichtigste aber: „Ohne Bienen könnten wir keine Äpfel und Birnen ernten.“ Und deshalb macht sich der Imker auch stark für eine vielfältige Landwirtschaft. Bienen brauchen eine „ausgewogene Ernährung“, sprich: den Pollen von verschiedenen Blütenpflanzen. Am Ende dürfen wir naschen: Rapshonig, Akazienhonig, Buchweizenhonig.

Noch nahrhafter gestaltet sich am Tag darauf unser Besuch bei Hildegard Westermann. Zum Auftakt reicht die Landfrau aus Herßum einen Aperitif aus Stachelbeersirup und alkoholfreiem Sekt. Dann kommen Brot, Butter und Frischkäse auf den Tisch. Und dann ein Tablett mit 19 Marmeladen, alle selbst gemacht, vertraute Sorten wie Erdbeere und gewöhnungsbedürftige wie Löwenzahnblütengelee oder Bier-Holunder-Gelee. Einmachtipps gibt’s gratis obendrauf.

So nähern wir uns, angeführt von Albert Vaske, unserem zweiten Gästeführer, der Mündung der Hase bei Meppen. Immer in dem Wissen, dass Albert bei Dauerregen sofort ein Taxi rufen würde, weil wir ja eine „Schönwettergarantie“ haben – der Transfer zum nächsten Etappenziel ist inklusive. Hat er aber noch nie machen müssen, sagt Albert. Vermutlich würden wir den Weg sogar ohne ihn finden, denn die Zahl der Obstbäume wächst und die Ausschilderung ist mustergültig. Ohne Albert hätten wir allerdings nichts erfahren über die größte säulenlose Saalkirche Deutschlands, die St. Vitus Kirche in Löningen. Oder über die „Spirituosenmetropole“ Haselünne. Gegen Ende spendiert er noch unter dem Blätterdach einer Eiche einen Kräuter-Likör: „Auf das Hasetal“.

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