Arm, aber sexy

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FUSSBALL-REGIONALLIGA. RW Oberhausen ist mit einem Mini-Etat, Herz und Leidenschaft in die zweite Liga aufgestiegen.

OBERHAUSEN. Oberhausen mit Berlin zu vergleichen, ist frech und bestimmt zu hoch gegriffen. Doch seit Samstag eint die beiden so unterschiedlichen Städte doch etwas und das ist auch gut so. Beide sind "arm, aber sexy", wie Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit seine Metropole mal treffend titulierte. Oberhausen ist bitter arm, aber fühlt sich auch sexy - und das hat viel mit Fußball zu tun. Mit dem 3:0 von RWO bei Union Berlin und dem damit verbundenen Aufstieg in die 2. Liga heißt es in der Stadt zwischen Essen und Duisburg: "Wir sind wieder wer."

Die Anspielung auf die Weltmeisterschaft von 1954 findet sich seit heute im Verkauf im RWO-Fanshop. Ein Poster "Das Wunder von Bruns" ist für drei Euro erhältlich. Ein volkstümlicher Preis und damit ebenfalls im Bild. Denn der Trainer des Aufsteigers, der aus der Oberliga durchmarschiert ist, steht für das, was im Profifußball selten geworden ist: Kontinuität, Bodenständigkeit und der Blick fürs Machbare.

RWO ist, genau wie die Stadt, bettelarm und hat nun mit einem Etat, der maximal ein Drittel von dem beträgt, der Mannschaften wie Düsseldorf, RW Essen, Wuppertal, Dresden oder Braunschweig zur Verfügung stand, all die hinter sich gelassen.

Mit Wut im Bauch und kühlem Herzen

Das liegt daran, dass der Trainer sich seine Spieler genau anschaut - bevor er sie verpflichtet. Talent ist dabei ebenso wichtig wie Teamfähigkeit, ein wacher Geist und eine gute Ausbildung am Ball. Diese Spieler gibt es und die müssen gar nicht einmal von weit her kommen.

Bruns Klasse macht es aus, dafür einen Blick zu haben. Lediglich einer von vier Neuzugängen hat nicht den Sprung in die erste Mannschaft geschafft. Die anderen wurden Leistungsträger und bilden um die drei Führungsspieler Benjamin Reichert, Markus Kaya und Mike Terranova das Kollektiv, das RWO auf den zweiten Platz geführt hat.

Diese Gemeinschaft von Außenseitern war auch bei Union Berlin zu erleben. Mit Wut im Bauch ob nächtlicher Ruhestörung Berliner Fans vor dem Mannschaftshotel bis hin zum Feueralarm agierte die Mannschaft so, wie sie sich im Laufe der Saison immer öfter gezeigt hatte: eiskalt. Trotz guter Gelegenheiten der "Eisernen" die von ihrem fanatischen Publikum nach vorn getrieben wurden, blieben die Oberhausener im Herzen kühl, konterten und trafen durch Mike Terranova (2) und Julian Lüttmann. Vor allem dem italienischstämmigen Terranova war die kalte Wut anzumerken.

Der Stürmer, der die Saison mit 18 Treffern abschloss, steht für den neuen Weg, den RWO nach dem unrühmlichen Abgang des einstigen Vereinspräsidenten Hermann Schulz und der Fast-Insolvenz beschritt. Terranova galt als Wandervogel und vergeudetes Talent, weil er in jungen Jahren oft den Mund zu voll nahm.

Übers Ziel hinausgeschossen

Bruns erkannte das Potenzial des 31-Jährigen, nordete ihn als Führungsspieler ein und hat nun einen Beißer, der für sein Team 90 Minuten Vollgas gibt und alle mitreißt. Samstag feierten ihn nicht nur die Fans, sondern auch seine Mitspieler als "Fußballgott".

Diese Hingabe, die viele in der Mannschaft auf dem Platz vorleben, ist mehr als nur professionell - hier haben sich tatsächlich Spieler, die bei anderen Klubs und höherklassig durch den Schüttelrost fielen sowie RWO-Eigengewächse zu einer Einheit gefunden, ein Ziel (dritte Liga) definiert und sind ob ihrer Geschlossenheit glatt darüber hinausgeschossen.

Die Frage ist, bis zu welcher Spielklasse das Konzept, eine Mannschaft ohne teure Zukäufe zu formen, klappen kann. Günter Bruns hat das in gewisser Weise für sich beantwortet: Er hat sein letztes Spiel als Trainer gemacht. Aber er liebt den Fußball und wird sich als sportlicher Leiter hinter den Kulissen weiter der Talentsichtung bei RWO widmen. Der bisherige sportliche Leiter Jürgen Luginger wechselt auf den Trainerstuhl.

Damit ist Kontinuität angesagt und Rot-Weiß Oberhausen stellt sich mit bester Laune der spannenden Frage: Kann man in der 2. Liga auch arm, aber sexy sein. Und Oberhausen fragt sich keck: Wie kriegen wir jetzt ein neues Stadion hin? (NRZ)

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