Welch ein Ereignis

Die Triple-Bayern und der Ärger über einen Torschützen

Mario Gomez von München bejubelt 2013 beim Halbfinale des DFB-Pokals sein Tor zum 5:1 über den VfL Wolfsburg.

Mario Gomez von München bejubelt 2013 beim Halbfinale des DFB-Pokals sein Tor zum 5:1 über den VfL Wolfsburg.

Foto: dpa

Essen.  Unser Reporter sieht 2013 eine überragende Mannschaft aus München im DFB-Pokal. Am Ende sorgt Mario Gomez für Hektik auf der Pressetribüne.

Als Schiedsrichter Knut Kircher anpfiff, gab es kein Zurück mehr. Die Anspannung auf der Pressetribüne stieg. Ich musste liefern. Eine Einzelkritik zum FC Bayern München. Stars wie Manuel Neuer, Arjen Robben oder Philipp Lahm benoten. Im Frühjahr 2013 stand während meines Volontariats ein Praktikum an. Ich ging zu Sport1 nach München. Der Redaktionsleiter wünschte sich von mir direkt mal eine Einzelkritik der Bayern. Also fuhr ich mit dem Laptop in der Tasche zur Arena.

Das DFB-Pokal-Halbfinale gegen den VfL Wolfsburg an diesem 16. April 2013 war mein Debüt auf der großen Einzelkritik-Bühne: Noten hatten wir auch schon im Lokalsport verteilt. An die Fußballer vom 1. FC Kleve oder vom SV Hönnepel/Niedermörmter etwa. Auch das war nicht immer einfach. Die Amateurkicker besuchten am Wochenende dieselben Kneipen oder Diskotheken wie die Reporter. Da gab es schon einmal böse Blicke vom Abwehrspieler. Mit der Note 5 vom Sonntag war er offensichtlich nicht ganz einverstanden.

Von Contento gibt’s keine böse Blicke

Aber zurück nach München: Das Spiel war einige Minuten alt, da patzte Bayern-Innenverteidiger Daniel van Buyten. Der Fehler blieb unbestraft, aber die Scharfrichter auf der Pressetribüne machten sich eine Notiz. „Den kannst du gleich mal schlechter bewerten“, sagte der erfahrene Bayern-Reporter neben mir. Auch Diego Contento erwischte nicht seinen besten Tag. Eine gute Note verspielte der Linksverteidiger schon in der Anfangsphase. Wie gut, dass Contento nicht dieselben Kneipen und Diskotheken wie die Reporter besuchte. Es drohte keine Gefahr durch böse Blicke.

Auftritt einer Ausnahmemannschaft

Von den kleinen Patzern zu Beginn mal abgesehen, machten die Bayern an diesem Abend eine richtig gute Partie. Es war auch eine Ausnahme-Mannschaft dort unten auf dem Rasen. Die Münchener hatten in dieser Saison die Bundesliga dominiert, sich bereits am 28. Spieltag die Meisterschaft gesichert. Auch im Duell mit Wolfsburg waren die Gastgeber überlegen. Mario Mandzukic traf zum 1:0. Arjen Robben erhöhte auf 2:0. Kurz vor der Pause machte Diego die Einzelkritik-Aufgabe etwas kniffliger. Wolfsburgs Spielmacher überwand Manuel Neuer per Distanzschuss – die Gastgeber führten nur noch 2:1. Was ein Ärger.

„Dem Shaqiri habe ich jetzt mal eine Eins gegeben“

Xherdan Shaqiri sorgte für Erleichterung. Der Schweizer war der überragende Mann auf dem Platz und erzielte zum Beginn der zweiten Halbzeit das 3:1. Zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt für einen Einzelkritik-Verfasser. Nun konnte ich das Schreibtempo erhöhen, die Bewertungen ausformulieren. Eine Viertelstunde vor dem Spielende ging es bereits an den Feinschliff. „Dem Shaqiri habe ich jetzt mal eine Eins gegeben“, sagte ich zu meinem Kollegen. Der lächelte nur und erwiderte: „Wenn da was anderes gestanden hätte, hättest du nicht mehr wiederkommen brauchen.“ Also: Prüfung bestanden.

Ein Hattrick innerhalb von sechs Minuten

Als Mario Gomez in der 77. Minute ins Spiel kam, musste der Text eigentlich nur noch ergänzt werden. Für Kurzeinsätze gibt es keine Noten. Es sei denn, der Spieler leistet Außergewöhnliches. Und was tat Gomez? Er schoss das Tor zum 4:1. Zum 5:1. Zum 6:1. Ein Hattrick innerhalb von sechs Minuten. Also ging es nochmal ran an den Text. Gomez bekam noch eine längere Bewertung – und natürlich die Note 1. Und da Bastian Schweinsteiger als Vorbereiter brilliert hatte, musste ein weiterer Absatz angepasst werden. Die Mail ging dann mit Verspätung an die Kollegen im Innendienst. Vielen Dank, Mario Gomez!

Hoeneß hält den Henkelpott

Was bei der Anspannung in der ersten Halbzeit und der Hektik in der Schlussphase nicht möglich war, war dieses Spiel zu genießen. Die Münchener boten brillanten Fußball an. Und die großen Momente sollten in dieser Saison erst noch kommen: Im Endspiel der Champions League kam es zum deutschen Duell mit Borussia Dortmund. Wembley-Stadion. Arjen Robbens Siegtor zum 2:1. Der steuerskandalumwitterte Uli Hoeneß mit dem Henkelpott.

Und schließlich gewannen die Bayern auch noch den DFB-Pokal. Ein 3:2-Sieg über den VfB Stuttgart bescherte dem Klub das Triple – das erste und bislang letzte eines deutschen Vereins. Die Profis warfen Trainer Jupp Heynckes in die Luft. Ich sah diesen Moment vor dem Fernseher. Die Hospitanz hatte drei Wochen zuvor geendet. Einzelkritiken zu diesem Spiel mussten die Kollegen machen. Für die Bayern-Saison kam nur eine Bewertung infrage: eine Eins mit Sternchen.

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