Deutsche Eishockey-Liga

Schlangenlederstiefel im Matsch

Foto: NRZ

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In 75 Jahren DEG kreierten am Brehmplatz auch die Spieler den Begriff vom "Bayern München des deutschen Eishockeys".

Manchmal werden auch Eishockey-Stars zu Schuljungen degradiert. Was am dritten Oktober-Wochenende 1990 passierte, das hatte NHL-Star Chris Valentine noch nicht erlebt.

Der DEG-Rekordhalter mit 365 Toren, 598 Vorlagen, 963 Punkten und 912 Strafminuten in zwölf Saisons stand nicht nur morgens früh um 7 Uhr mit seinen Schlangenlederstiefeln im Niederlausitzer Matsch. Weil es in Strömen regnete und der Busfahrer verschlafen hatte. Nein, nach dem ersten Punktspiel der DEG in der Wiedervereinigungssaison der Bundesliga beim PEV Weißwasser mussten die Cracks in einer alten Kaserne neben der Eishalle übernachten. Vierbettstuben mit Etagenpritschen. Valentine bezog, wie alle anderen auch, nach dem Spiel brav sein Bettchen. Wenn das die Kollegen in der NHL gewusst hätten.

Der Eishockey-Vorzeigeklub jener Tage war eben nicht nur zum Feiern und Geld verdienen da. Auch wenn im Nachhinein der Eindruck entstanden ist. Fünf Meisterschaften zwischen 1990 und 1996, dazu den üppigsten Etat festigten das Bild vom „Bayern München des deutschen Eishockeys“. Valentine (1984 aus Washington) trug dazu bei. Sein langjähriger Angriffspartner Peter-John Lee (1983 aus Pittsburgh) ebenso. Beide führen die Düsseldorfer Tor- und Vorlagenlisten einsam an. Valentine zählt zur Siebener-Bande der DEG, die in den 90-ern bei allen fünf Titeln mit dabei war. Das schafften auch die Verteidiger Uli Hiemer, Andreas Niederberger, der mit 593 Erstliga-Spielen den DEG-Rekord hält, und Christof Kreutzer. Dazu die Angreifer Bernd Truntschka und Andreas Brockmann. Auch Torhüter Helmut de Raaf (1980 bis 1983 und 1988 bis 1996), der sich mit dem charismatischen NHL-Russen Andrej Trefilov um den Titel „Bester DEG-Keeper aller Zeiten“ streiten dürfte. Mit insgesamt neun Deutschen Meisterschaften ist de Raaf zumindest auf dem Papier einsamer Eishockey-Triumphator.

Die weiteren Helden sind nicht nur den älteren rot-gelben Fans selbstverständliche Begriffe. Kanonier Rick Amann beispielsweise, der in der Abwehr mit Uli Hiemer neun gemeinsame Jahre für Alarm beim Gegner sorgte. Dazu die viermaligen Meister Mike Schmidt und Robert Sterflinger. Auch der 320-malige Nationalspieler Udo Kießling trug von 1979 bis 1982 als Musterprofi und Fels in der Brandung das DEG-Dress. Damals in den Sponsorenfarben des heutigen Präsidenten Ben Zamek: Grün und Rot! Vorn setzte sich zur Kießling-Zeit der Holland-Kanadier Dick Decloe ein Denkmal: 59 Tore in der Saison 1980/81. Bis heute nicht übertroffen. Ob’s jemals jemand auf Erstliga-Niveau bei der DEG schafft? Aus dem gleichen Jahr stammen unerreichte 70 Vorlagen von Roland Eriksson (von den einstigen Minnesota North Stars aus der NHL). Der Schwede galt als penibel. Bei der Einrichtung seiner Wohnung kreuzte der Angreifer damals jeden einzelnen Eierlöffel im Katalog an. Dabei hatten die Erikssons zu Hause, im mittelschwedischen Eishockey-Traditionsort Leksand, nicht einmal fließend Wasser. Man musste zum Brunnen. Pumpen.

Das machte Dieter „Didi“ Hegen, der 1989 mit Gerd Truntschka aus Köln zum Brehmplatz gewechselt war, gelegentlich auch. Wenn der Schnurrbart sich in die Nase zu graben schien, war Gefahr für die Kontrahenten im Verzug. Hegen ist viertbester DEG-Torschütze. Zwei Treffer besser steht Petr Hejma (240). Der Tscheche flüchtete 1968 nach einem Sparta-Prag-Gastspiel, wurde später zweimal mit der DEG Meister. Beim Titel 1975 wurde die Bolkerstraße in der Altstadt gesperrt, als die Cracks, fast von Bodychecks der tobenden Menge begleitet, in einer Brauerei feierten. Die Fans überreichten Hejma damals ein lebendes Glücksschwein.

Man könnte so weiter fortfahren. Die Landshuter Brüder Gerd und Bernd Truntschka anführen, den alten DEG-Anführer Roy Roedger, Torjäger Benoit Doucet, der mit Schiedsrichter Josef Kompallas Tochter Nicole verheiratet war, den später langjährigen schweizer Nationaltrainer Ralph Krueger. Oder auch den Tschechen Vladimir Vacatko. Doch auch jene, die in Düsseldorf den Eishockey-Boden bereiteten und nährten, sollen nicht in Vergessenheit geraten. Horst Orbanowski beispielsweise, wegen des schütteren Haarwuchses „Opa“ genannt. Der ehemalige DHC-Feldhockeyspieler war erster Star der Gründerzeit, wanderte nach dem Krieg in die USA aus. Wie der „Opa“ wurde auch der Füssener Roman Kessler „vierzig Jahre zu früh geboren“. Zumindest, was den „Beruf“ Eishockeyprofi anbetraf. 1936 gab es pro Heimspiel fünf Reichsmark an Spesen, auswärts immerhin zehn...

Einer der wenigen Zeitzeugen von damals und heute ist Rolf Blankenstein (86), der 1936 in einer öffentlichen Laufzeit von Trainer Bobby Bell entdeckt worden war. Blankenstein spielte mit Orbanowski und Kessler in einer Reihe, war später Obmann der DEG, sah alle kommen und gehen. Von „Justav“ Jaenecke bis Chris Valentine. Auch Otto Schneitberger und Sepp Reif zählten dazu, die von der DEG in Bad Tölz 1964 abgeworbenen Nationalspieler. Die erste DEG-Meisterschaft 1967 steht in allen damaligen Gazetten in enger Verbindung mit dem dreimaligen Olympia-Teilnehmer Schneitberger. Der verteidigte beim entscheidenden 3:1 gegen Mannheim am 12. Februar 1967, zu dieser Zeit ungewöhnlich, mit einer Maske. Wegen eines zuvor erlittenen Nasenbeinbruchs.

Damals reichte in der Deckung allenfalls noch Rudi Potsch (1969 von ZKL Brünn/CSSR gekommen) dem Publikumsliebling das Wasser. Zwei Jahre später fand sich ein gewisser Walter Köberle aus Kaufbeuren an der Brehmstraße ein. Der Olympia-Bronze-Gewinner von 1976 in Innsbruck galt als „angreifende Kampfmaschine“. Der auch schon mal über die Stränge schlug. Mit kurzen „Auszeiten“ in Berlin, Duisburg und Neuss blieb „Kö-Kö-Köberle“ Düsseldorf bis heute treu. Wie auch sein eleganter Sturmpartner Wolfgang Boos, der immer noch den Tennisschläger erfolgreich bewegt. Wer bleibt aus der heutigen Zeit mit seinem Namen in der rot-gelben Öffentlichkeit haften? Natürlich Kapitän Daniel Kreutzer, der Vorzeigekämpfer ohne Titel, aber mit einem Pokalsieg. Auch der Norweger Tore Vikingstad mit sieben Saisons schlaksigem Glanz auf dem Eis. Und wohltuender Bescheidenheit neben der Bande. Jemanden vergessen? Natürlich. Ganz viele sogar. Ist aber nicht verwunderlich. Eine komplette Würdigung der Cracks wäre nur möglich, würde man die Spielberichtsbögen von 1935 bis 2010 lückenlos unter die Lupe nehmen. Und darüber dann ein Buch schreiben.

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