Fußball

Der Bundesliga-Trainerjob: Früher war nicht alles besser

Drei spannende Trainer-Geschichten: Branko Zebec, Joachim Löw und Jörn Andersen (v.l.).

Drei spannende Trainer-Geschichten: Branko Zebec, Joachim Löw und Jörn Andersen (v.l.).

Foto: Tobias Ehling / Funke Sport

Essen.  Fußball-Trainer beklagen sich über die heutigen Bedingungen der Branche. Zahlen zeigen jedoch: Es war früher nicht besser. Ein Report.

Vor ein paar Tagen hat es sogar Friedhelm Funkel erwischt. Der langjährige Coach des Bundesligisten Fortuna Düsseldorf ist in der vergangenen Woche nach 1416 Tagen im Amt entlassen worden. Sportlich hatte das durchaus nachvollziehbare Gründe, Fortuna war auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Und doch hatte sich Funkel mehr Zeit gewünscht, Düsseldorf aus der Abstiegszone zu führen, schließlich war er dort über Jahre hinweg erfolgreich: Aufstieg 2018, sensationeller Klassenerhalt 2019.

Etwas vorweisen konnte im Frühjahr auch Niko Kovac als Deutscher Meister mit dem FC Bayern, stand trotzdem massiv in der Kritik. „Uns Trainer braucht wohl keiner mehr. Wenn man jetzt schon im Erfolgsfall damit rechnen muss, gehen zu müssen, tut das uns Trainern nicht gut“, stellte sich Dieter Hecking vor seinen Kollegen. Er war damals Coach von Borussia Mönchengladbach. „So darf es auf keinen Fall weitergehen“, sagte Hecking – und bekam aus der Branche viel Zuspruch.

So lange bleiben Bundesliga-Trainer im Amt

Aber lässt sich das überhaupt pauschal sagen? Entlassen Vorstände öfter und schneller ihren Trainer als beispielsweise in den 1980er-Jahren? Haben sie in schwierigen Zeiten weniger Geduld?

Ein paar Zahlen: In den 2010er-Jahren ist ein Bundesliga-Trainer durchschnittlich 12 Monate im Amt, wenn er während der Saison gehen muss. Nur etwas mehr Zeit bekamen die Fußballlehrer in den 1980er (14 Monate) und 1990er Jahren (16 Monate). Zwischen 2000 und 2010 waren die Trainer zum Zeitpunkt ihrer Entlassung besonders lange im Amt gewesen: und zwar 21 Monate. Das zeigen die Daten des Portals transfermarkt.de.

Noch liegt die Bundesliga in der aktuellen Spielzeit gut im Rennen. Sechs Trainer mussten aufhören: Ante Covic bei Hertha BSC, Sandro Schwarz bei Mainz 05, Achim Beierlorzer beim 1. FC Köln, Kovac in München, Funkel bei Fortuna und zuletzt Jürgen Klinsmann in Berlin – weniger Entlassungen gab es zuletzt vor zwölf Jahren. Die Fünf waren im Schnitt 319 Tage im Amt, also als ein Jahr und damit unter dem Durchschnittswert dieses Jahrzehnts, der bei 371 Tagen liegt.

Diese 319 Tage sind dennoch viel. Deutlich weniger Bewährungszeit hatten die Übungsleiter etwa in den Jahren 1987/1988 (142 Tage) und 1998/1999 (177) – Bundesliga-Tiefstwerte. Horst Köppel (Bayer Uerdingen), Josip Skoblar (Hamburger SV), Gerd Schwickert und Uwe Klimaschefski (beide FC Homburg) agierten 1987/1988 jeweils wenige Monate.

Hecking hatte noch ein weiteres Problem angemerkt: die Entlassung im Erfolgsfall. Schließlich war kurz zuvor etwa Markus Anfang als Tabellenführer der 2. Bundesliga vom 1. FC Köln entlassen worden.

Auf diesem Tabellenplatz lagen Bundesliga-Trainer bei der Entlassung

Ist das so ungewöhnlich? Auf welchem Platz hatten die Vereine in den vergangenen 40 Jahren gestanden, wenn sie ihre Trainer vor die Tür setzten?

Zum Zeitpunkt ihrer Entlassung lagen die Trainer mit ihren Teams in den 2010er-Jahren im Schnitt auf Tabellenrang 14,45 und waren damit in akuter Abstiegsgefahr. Verständlich ist es allemal, in dieser Situation über einen Wechsel nachzudenken. Genauso in 1980er- und 1990er-Jahren (14,4/14,47). Nur Anfang des Jahrtausends standen sie im Tableau mit Rang 13,33 etwas besser da.

Dabei sind zwei Strömungen erkennbar: Zum einen trennen sich Spitzenklubs von ihren Übungsleitern, wenn sie unter den Erwartungen performen. So war es etwa in der Saison 2008/2009: Jürgen Klinsmann (3./Bayern München) und Fred Rutten (8./FC Schalke 04) mussten gehen. Zum anderen probieren es die grauen Mäuse der Liga mit einem neuen Coach, wenn sie sowieso schon im Tabellenkeller stehen. Für die aktuelle Spielzeit ergaben die Daten im Schnitt Platz 14 beim Rauswurf. Einberechnet: viele Kellerkinder und Kovacs Rang vier. Der Mittelwert dieses Jahrzehnts: Rang 14,45. In der Spielzeit 1980/1981 war der Durchschnittsplatz dagegen außergewöhnlich gut (11,11). Warum? Der alkoholkranke Branko Zebec musste als Tabellenführer beim HSV gehen.

Nie gab es mehr Rauswürfe pro Saison

Der Bundesliga-Trainerstuhl ist in den vergangenen Jahren grundsätzlich etwas wackeliger geworden. Dafür spricht die Anzahl der Trainerentlassungen pro Saison: In den 2010er-Jahren mussten 8,5 Trainer gehen – deutlich mehr als in den 1980er-Jahren (6,81) und so viel wie noch in keinem anderen Jahrzehnt. Auch wenn es Anfang der 1990er-Jahre vier Spielzeiten mit zehn Entlassungen im Schnitt gegeben hat. Die Nullerjahre gelten dagegen – wenn man die nackten Zahlen betrachtet – als Musterbeispiel für langfristige Zusammenarbeit von Trainer und Vorstand.

Friedhelm Funkel ging da übrigens viermal vorzeitig. Dass früher alles besser gewesen ist, lässt sich also nicht unbedingt sagen.

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