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Torwart-Debatte: Hoeneß erntet Unverständnis von Bierhoff

DFB-Direktor Oliver Bierhoff

DFB-Direktor Oliver Bierhoff

Foto: Getty Images

Essen.  Das 3:0 gegen Belgrad zum Bayern-Auftakt der Champions League wird überlagert von der Torwartdebatte um Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen.

Im Schlendergang kam Uli Hoeneß aus dem Kabinentrakt des FC Bayern, und wenig deutete darauf hin, was folgen sollte. Zumal nach dem gelungenen Auftakt in der Champions League durch das 3:0 (1:0) gegen Roter Stern Belgrad mit den Toren von Kingsley Coman (34.), Robert Lewandowski (80.) und des eingewechselten Thomas Müller (90.+1). Für seine Verhältnisse hatte Hoeneß zuletzt nach Spielen seiner Bayern ohnehin selten den Weg vor die Kameras und Mikrofone gesucht. Zudem hatte er seinen Rückzug als Präsident und Aufsichtsratschef vor drei Wochen für den November angekündigt und dabei den Eindruck erweckt, es vor allem in der Öffentlichkeit ruhiger angehen lassen zu wollen, trotz seiner Anmerkung, „von mir wird schon noch was zu hören sein“.

Am späten Mittwochabend aber war es so weit, und wie! Es ging jedoch nicht um das Spiel gegen Belgrad, sondern um die seit einigen Tagen zunehmend schwelende Torwartdebatte um Manuel Neuer, 33, und Marc-André ter Stegen, 27, bei der Nationalmannschaft. Und mit jener Breitseite gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB), die Hoeneß dabei nun abfeuerte, hob er die Diskussion auf eine neue Ebene. Es ging ihm dabei aber wohl nicht in erster Linie um die Konkurrenz zwischen der Nummer eins Neuer und seinem verstimmten Herausforderer ter Stegen vom FC Barcelona. Es ging ihm nun vielmehr hauptsächlich um die Konkurrenz zwischen dem FC Bayern und der DFB-Auswahl.

Hoeneß setzt zu einem Rundumschlag an

Das wurde deutlich, als Hoeneß zu seinem Rundumschlag ansetzte, bei dem der DFB, Bundestrainer Joachim Löw, ter Stegen und die Medien ihr Fett weg bekamen. Und es wurde auch dadurch deutlich, dass Hoeneß unvermittelt auf den zerstückelten Kalender durch die Länderspiele umschwenkte, die ihm wegen seiner Vereinsinteressen schon lange ein Dorn im Auge sind. Die ständigen Unterbrechungen durch die Länderspiele seien „Wahnsinn, das muss geändert werden“, sagte Hoeneß, „jedes Mal, wenn die Mannschaften ein bisschen im Rhythmus sind, ist wieder so ein Länderspiel. Das kann so nicht weitergehen. In der besten Jahreszeit wird der Bundesliga die Attraktion genommen.“ Der DFB musste sich angesprochen fühlen, vor allem aber der Weltverband Fifa, der mit den DFB-Stimmen die Länderspiel-Agenda beschließt. Die Fifa wird nun auch vom FC Bayern hören, kündigte Hoeneß an: „Karl-Heinz (Vorstandschef Rummenigge, d. Red.) ist derselben Meinung, und wir werden da auch intervenieren“, ließ er wissen. Erst dann ging es um Neuer und ter Stegen, und Hoeneß war nun ganz in seinem Element als beschützender Patriarch seiner Familienmitglieder des FC Bayern.

Ter Stegens jüngst geäußerter Verdruss, bei den Länderspielen gegen die Niederlande und in Nordirland nicht eingesetzt worden zu sein, sei ein „Witz“, befand Hoeneß, „er hat überhaupt keinen Anspruch, dort zu spielen.“ Es sei doch klar gewesen nach Neuers Verletzungsserie 2017/2018: „Wenn er wieder die alte Form hat, und die hat er jetzt, gibt‘s doch gar keine Diskussion, dass nur er die Nummer eins sein kann.“ Eine klare Hierarchie müsse es auf der Torwartposition geben, und erwartet hätte er sich mehr Unterstützung vom DFB, polterte Hoeneß: „Wir kriegen ständig vom DFB Theater, zuerst die unmögliche Ausbootung, die Art und Weise, wie die drei Spieler hier schlecht behandelt wurden (Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng, d. Red.) und jetzt dasselbe wieder mit Manuel Neuer.“ Es sei nicht in Ordnung, dass man es überhaupt zulasse, „dass ein Mitspieler in die Öffentlichkeit geht für ein Thema, das er nur mit dem Jogi Löw zu besprechen hat.“

Hoeneß über Neuer: "Der wird immer der Beste sein"

Man werde sich das „in Zukunft nicht mehr gefallen lassen, dass unsere Spieler beschädigt werden. Ohne Grund.“ Ter Stegen sei „ein sehr guter Torwart, aber Manuel Neuer ist doch viel besser und viel erfahrener. Da gibt es doch gar keine Diskussion für irgendjemanden auf der Welt, daran zu zweifeln, dass Manuel Neuer bei uns in Deutschland im Tor steht.“ Und was die Spekulationen um Neuers Rücktrittsgedanken beim DFB nach der EM 2020 angeht, befand Hoeneß: „Der kann so lange spielen, so lange er gesund ist. Der wird immer der Beste sein.“ In Richtung DFB sagte er noch: „Wir werden den Leuten schon mal bissl Feuer geben.“ Ebenso den Medien, über die Hoeneß ein eigentümliches Verständnis erkennen ließ. „Die westdeutsche Presse unterstützt ter Stegen extrem, wie wenn der schon 17 Weltmeisterschaften gewonnen hätte. Von der süddeutschen Presse sehe ich gar keine Unterstützung.“ Was Hoeneß nicht sagte: Dass er Boateng bei der Double-Feier als „Fremdkörper“ bezeichnet und ihm öffentlich geraten hatte, das Weite zu suchen. Und auch nicht, dass Löw Neuer stets aufgestellt und ihn gerade durchaus auch verbal gestützt hatte („Manu hat bei uns zuletzt sehr gute Leistungen gezeigt. Er ist unser Kapitän“).

Vor Hoeneß hatte bereits Rummenigge Kritik am „irritierenden Verhalten“ des DFB geübt, bei Sky sagte er: „Da wird nie so richtig Klartext gesprochen.“ Dabei sei es „an der Zeit, Manuel den Rücken zu stärken und das nicht wabern zu lassen.“ Auch Trainer Niko Kovac stimmte in die Debatte um die „Galionsfigur des deutschen Fußballs“ ein: „Diese Diskussion darf überhaupt nicht stattfinden. Wenn man nicht gut hält, okay. Aber nicht so.“ Dabei haben die Bayern ihre Anliegen längst beim DFB hinterlegt. Sportdirektor Hasan Salihamidzic berichtete jedenfalls von einer Unterredung mit DFB-Teamdirektor Oliver Bierhoff. Dieser habe „verstanden“ und werde in den kommenden Tagen „reagieren“, sagte Salihamidzic nebulös. Das tat Bierhoff auch am Donnerstag, allerdings mit Verwunderung. „Die Vorwürfe überraschen mich, und ich habe dafür auch kein Verständnis. Man muss sich da schon die Fakten anschauen“, sagte Bierhoff dem Sport-Informations-Dienst und verwies auf Löws Warten auf den lange verletzten Neuer vor der WM 2018 und auf die Statusgarantie für die kommende EM. Das seien doch eindeutige Signale, „ich weiß nicht, ob man das ständig wiederholen muss“, sagte Bierhoff.

Müller: "Die Torhüter-Diskussion bringt keinen weiter"

Neuer freute sich derweil über den Rückhalt seines Vereins, „aber ich will jetzt nicht großartig eine Debatte führen und darüber reden, wer was wie gut kann.“ Für ihn gelte es, „weiterhin meine Aufgaben zu erfüllen. Ich will einfach meinen Job erledigen.“ Der Einzige, der die Hysterie mit Humor nahm, war Müller, obwohl ihm Löw im März das Aus im DFB-Team mitgeteilt hatte. „Wir hatten in Deutschland immer gute Zeiten, wenn wir Torhüter-Diskussionen hatten. Das zeigt, welche Qualitäten wir im Tor stehen haben“, sagte Müller und witzelte: „Die Torhüter-Diskussion bringt keinen weiter. Außer, dass wir ein bisschen Unterhaltung haben. Also bringt es uns doch weiter.“ Hoeneß hat dazu den bisher größten Beitrag geleistet.

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