Bundesliga

Nur fünf Heimsiege: Geisterspiele für Top-Teams ein Vorteil

War Trainer in Dortmund und München: Ottmar Hitzfeld.

War Trainer in Dortmund und München: Ottmar Hitzfeld.

Foto: dpa

Essen.  Seit dem Bundesliga-Restart werden viel weniger Spiele zu Hause gewonnen. Sind Geisterspiele schuld? Ottmar Hitzfeld und Sepp Maier äußern sich.

Sepp Maier erinnert sich noch genau. „Die hatten die Hosen voll, wenn die zu uns gereist sind“, erklärt der mittlerweile 76 Jahre alte ehemalige Torhüter des FC Bayern München dieser Redaktion. Damals, zwischen 1971 bis 1973, zelebrierten die Bayern 26 Heimsiege in Folge. Bis heute schaffte es kein Team, diesen Rekord zu knacken. Allerdings bestätigt sich in jeder Spielzeit, dass Mannschaften häufiger gewinnen, wenn sie sich in der eigenen Kabine umziehen.

Derzeit wagt die Liga jedoch den Spielbetrieb während der Corona-Krise. Fans dürfen die Partien nur auf der Couch vor dem Fernseher verzehren. Und nun scheint auch der Heimvorteil zu verfliegen.

Nur fünf Heimsiege in 27 Partien gab es seit dem Wiederbeginn. Damit liegt die Quote bei knapp 18,5 Prozent. Vor der Krise, an den ersten 25 Spieltagen der Saison, betrug sie noch 41 Prozent. Insgesamt wurden seit der Bundesliga-Gründung 1963 knapp 50 Prozent der Heimspiele gewonnen – und gerade einmal 25 Prozent der Auswärtsspiele.

Jetzt sollte man sich davor hüten, zu früh statistische Evidenzen zu verkünden. Es könnte auch einfach Zufall gewesen sein, dass die Heimspiel-Erfolgsquote an den ersten drei Corona-Spieltagen eingebrochen ist. Vielleicht lag es an der Form der Heimmannschaften, vielleicht lag es an den Spielpaarungen. Der FC Bayern etwa hatte zwei Auswärtsspiele, die er in der Regel gewinnt, selbst wenn gegnerische Fans im Stadion grölen. Allerdings verdeutlichte gerade der 1:0-Erfolg des Rekordmeisters in Dortmund, wie Geisterspiele das sportliche Geschehen beeinflussen können. Denn dem BVB fehlte natürlich die Unterstützung der Südtribüne.

Schiedsrichter bleiben ruhiger

„Das hat man gemerkt“, sagt Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit dieser Redaktion. Der Ex-Meistertrainer, der mit Borussia Dortmund und dem FC Bayern in der Champions-League triumphierte, glaubt allerdings, dass dem BVB die Geisterspiele langfristig eher nutzen. Genauso wie den Bayern. „Für die besten Teams sind sie ein Vorteil, denn die schwächeren Mannschaften brauchen die Unterstützung, die hitzige Stimmung.“

Früher habe der 71-Jährige seine Profis immer genau darauf vorbereitet, was sie auswärts erwartet. Er habe sie gemahnt, ruhig zu bleiben. „Gerade wenn wir mit Bayern gegen Kaiserlautern am Betzenberg angetreten sind, kochte es. Genauso in Spanien gegen Real Madrid. Oder in England“, erinnert sich Hitzfeld. Mit Anhängern sei der Fußball daher natürlich schöner, „aber ich bin froh, dass überhaupt wieder gespielt wird.“ Zudem finde er, dass die Partien fairer geworden seien, da die Schiedsrichter bei der ruhigeren Stimmung im Stadion weniger Fehler machen würden.

Wie die Geisterspiele das Bundesliga-Geschehen genau beeinflussen, wird sich aber erst in ein paar Wochen beschreiben lassen. In der 2. Liga etwa liegt die Erfolgsquote bei Heimspielen seit dem Wiederbeginn bei normaleren 39,1 Prozent. Außerdem können Fans die eigene Mannschaft auch schwächen, wenn geraunt oder gepfiffen wird.

Fans können auch schwächen

Auf Schalke könnte die Stimmung derzeit zum Beispiel schnell ins Negative umschlagen, wenn das Team am Samstag (15.30 Uhr/Sky) im Heimspiel gegen Bremen ähnlich holpert wie bei den Auftritten zuletzt. Vermutlich hätten die Anhänger beim überraschend deutlichen 0:3 zu Hause gegen den FC Augsburg gewütet – so blieb es stumm.

Die Rolle des Publikums, gibt Daniel Memmert zu bedenken, werde oft überschätzt. Der Heimvorteil sei schon in den vergangenen Jahren kleiner geworden, ergänzt der geschäftsführende Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Feindselige Heimfans könnten Angst einflößen, aber genauso pushen.

Dies bestätigt Sepp Maier, der gerne auswärts gespielt hat. „Wenn die Fans ,Zieht den Bayern die Lederhosen aus’ skandiert haben, waren wir nur umso motivierter.“

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