Interview

Kehl stellt klar: „BVB führt keine Trainerdiskussion“

Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung von Borussia Dortmund

Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung von Borussia Dortmund

Foto: Julia Tillmann

Dortmund.  Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung beim BVB, analysiert die Lage vor dem Spiel gegen Gladbach kritisch – aber auch optimistisch.

Sebastian Kehl (39) erscheint im dunklen Pullover, den er über ein weißes Hemd gezogen hat. Trainingsklamotten trägt der Ex-Profi schon seit über vier Jahren nicht mehr, dafür geht er als Leiter der Lizenzspielerabteilung von Borussia Dortmund in seine zweite Saison. Und ist gefordert. Nach drei Unentschieden in Folge steht der Klub im Heimspiel gegen den Tabellenführer Borussia Mönchengladbach (18.30 Uhr/Sky) unter Druck.

"Die Unzufriedenheit ist spürbar"

Herr Kehl, wie erleben Sie Ihre gerade kompliziertestes Phase?

Sebastian Kehl: Es ist selbstverständlich auch für mich im Moment nicht ganz einfach, damit umzugehen. Die Unzufriedenheit ist spürbar. Trotzdem werden wir uns nicht verrückt machen lassen, Wenn man sich die Tabelle anschaut, dann ist der Abstand nach vorne überschaubar.

Aber die Mannschaft macht seit einem halben Jahr keine Fortschritte. Oder?

Es ist richtig, dass wir wieder Spiele gegen vermeintlich kleinere Gegner nicht konsequent durchgezogen haben und auch Punkte haben liegen lassen. Da hat uns im entscheidenden Moment Konzentration gefehlt, auch die absolute Haltung, die Gier, das Spiel zu gewinnen.

Das klingt nach einem Mentalitätsproblem.

Die Diskussion hatten wir in den letzten Wochen zur Genüge, die brauchen wir nicht. Jeder versteht unter „Mentalität“ etwas anderes, und fast die gleiche Mannschaft hat im vergangenen Jahr 76 Punkte geholt. Aber natürlich machen wir uns darüber Gedanken, warum wir gegen Frankfurt, Bremen und Freiburg nicht nachgelegt habe. Diesen einen Grund wird es aber nicht geben. Wie immer spielen mehrere Faktoren eine Rolle.

"Ich erlebe Lucien Favre weiterhin sehr aufgeräumt"

Die Kritik am Trainer nimmt zu. Wie erleben Sie Lucien Favre?

Ich erlebe ihn nicht verändert. Auch im vergangenen Jahr hat er auf mich einen ähnlichen Eindruck gemacht wie heute. Er geht seinen Weg, hat seine Arbeitsweise von der er absolut überzeugt ist, und die uns so im letzten Jahr auch so erfolgreich gemacht hat. Von dieser Arbeitsweise kehrt er nicht ab.

Das kann auch schlecht sein …

Er ist doch sehr authentisch. Ich erlebe Lucien Favre weiterhin sehr aufgeräumt, mit klaren Vorstellungen.

Geht es gegen Gladbach um seinen Job?

Wir führen keine Trainerdiskussion. Gegen Gladbach geht es einzig und allein darum, dass wir die Situation annehmen, mit viel Lust vor über 80.000 Zuschauern in unserem Stadion ein gutes Spiel zu liefern, wie wir es in dieser Saison zu Hause schon gegen Leverkusen, Barcelona oder Bayern München gezeigt haben.

Wie versuchen Sie zu helfen?

Ich bin jeden Tag am Gelände, erlebe sowohl die Spieler als auch das Trainerteam hautnah und versuche natürlich Einfluss zu nehmen. Alle mit meiner Erfahrung, mit meinem Blick zu unterstützen und die Entwicklung voranzutreiben. Dazu beobachte ich viel, führe Gespräche und analysiere die Situation gemeinsam mit Michael Zorc und Aki Watzke.

Wo sollte der BVB fußballerisch hinkommen?

Wir müssen erstmal wieder Ergebnisse erzielen.

Das hängt beides zusammen.

Na ja, ehrlich gesagt wäre es mir momentan viel wichtiger, dass wir unsere Spiele gewinnen, als dass wir schön spielen. Daraus wird alles andere wieder entstehen, davon bin ich überzeugt. Wir müssen auch mal akzeptieren, dass es bei all der fußballerischen Klasse auch Phasen in einem Spiel gibt, in denen wir die Pflicht haben, gemeinsam zu verteidigen, sicher zu stehen, die Umschaltmomente zu nutzen und konsequent im Abschluss zu sein. Diese Balance müssen wir finden.

"Marco Reus ist für die Mannschaft extrem wichtig"

Wieso gelingt Marco Reus derzeit wenig?

Marco Reus ist für die Mannschaft extrem wichtig. Er ist unser Kapitän. Er bekommt von uns jegliche Unterstützung. Er hat diese Mannschaft in der vergangenen Saison hervorragend geführt, ist Fußballer des Jahres geworden. Wir brauchen ihn. Und am Ende weiß Marco selbst, dass auch er derzeit noch Luft nach oben hat. Aber ganz ehrlich: Ich mache mir bei ihm keine Gedanken, er wird bald wieder den Unterschied für uns ausmachen.

Auch Julian Brandt kämpft mit Problemen. Warum?

Julian Brandt ist natürlich noch nicht zu 100 Prozent angekommen und erhält wie jeder Neuzugang die nötige Zeit. Borussia Dortmund ist ein großer Klub, hier herrscht eine andere Erwartungshaltung, ein anderes Umfeld. Wir haben weiterhin Geduld und glauben an ihn, er bekommt jede Unterstützung! Und am Ende erwarten wir übrigens von niemandem Wunderdinge. Wir erwarten, dass jeder einzelne Spieler im Kader an seine persönliche Grenze geht und alles gibt für den Erfolg der Mannschaft.

Hätte man nicht wissen können, dass Brandt lieber im Zentrum spielt?

Der Trainer macht die Aufstellung. Er macht sich unheimlich viele Gedanken, auf welcher Position er welchen Spieler am besten einsetzt. Julian Brandt, aber auch Ashraf Hakimi, hat er gerade in den vergangenen Wochen auf unterschiedlichen Positionen spielen lassen. Ich denke, bei dem ein oder anderen unserer Profis braucht es jetzt vor allem ein Erfolgserlebnis. Einen Knotenlöser.

Welche Rolle nimmt Mats Hummels ein?

Mit Mats habe ich viel gesprochen, auch über unsere Spiele diskutiert. Er macht auf mich einen sehr klaren Eindruck, hat schon viel erlebt und weiß die Situation gut einzuschätzen. Nicht nur er ist heiß da drauf, dass es am Samstag weitergeht und wir wieder Erfolgserlebnisse sammeln können.

"Alle werden ihre Chancen bekommen"

Durch den großen Kader sitzen viele Profis fast nur auf der Bank. Wie gehen Sie mit diesen Spieler um?

Das machen wir im Team. Die Jungs benötigen eine hohe Wertschätzung, weil sie sehr wichtig sind für die Gruppe, die Trainingsqualität, aber auch die Stimmung. Es ist zudem keine leichte Situation, genau dann da sein zu müssen, wenn man plötzlich gebraucht wird. Aber wir werden jetzt viele Spiele haben, alle werden ihre Chancen bekommen

Tut Ihnen Marcel Schmelzer manchmal leid?

Nein, und Marcel möchte auch kein Mitleid. Ich kenne das Innenleben von ihm und weiß, wie hart er dafür trainiert, um wieder seine Chance zu bekommen und wie schwer es ihm manchmal fällt, die Situation anzunehmen. Ich schätze sehr an ihm, dass er sich trotzdem nicht hängen lässt, dass er nicht aufgibt. Er lebt für diesen Klub. Solche Typen brauchen wir.

Können Sie noch Meister werden?

Natürlich. Wir sind erst am siebten Spieltag

"Wir können noch einiges reißen"

War es richtig, den Titelkampf als Ziel auszurufen?

Natürlich war es richtig. Nach so einer erfolgreichen vergangenen Saison mit zwei Punkten Rückstand auf den FC Bayern und 21 von 34 Spieltagen an der Tabellenspitze. Mit den Investitionen, die wir getätigt haben. Mit der Weiterentwicklung, die wir in dieser Mannschaft noch sehen. Ich glaube weiterhin an den erfolgreichen Weg von Borussia Dortmund. Wir können noch einiges reißen.

"Ich will meine Erfahrungen weitergeben"

Sie selbst hätte sich die Unruhe nach der Karriere auch ersparen, vielleicht ein Café eröffnen können. Wieso setzten Sie sich weiter dem Druck im Profifußball aus?

Ich verspüre diesen Hunger in mir, weiterhin im Fußball etwas bewegen zu wollen und auch zu können. Ich will gestalten und meine Erfahrungen weitergeben. Das ist meine Charaktereigenschaft.

Wäre der Fußballer Kehl besser gewesen, wenn es schon einen Leiter der Lizenzspielerabteilung gegeben hätte?

Das weiß ich nicht. Ich habe in der Zeit auch schon viel mit Michael gesprochen, mit ihm diskutiert. Es ist eine großartige Leistung, dass er das als Sportdirektor über Jahrzehnte hinweg alleine gestaltet hat. Aber sein Aufgabenfeld und die Anforderungen sind in den vergangenen Jahren so sehr gewachsen, dass der Vergleich mit früheren Jahren schlicht hinkt. Das Schaffen meiner Position ist ein Zeichen dafür, dass dieser Klub noch professioneller arbeiten will und sich auch für die Zukunft aufstellen möchte. Trotzdem kann ich am Wochenende leider kein Tor mehr schießen oder es verhindern.

Wie sehr schmerzt das?

Das ist manchmal schwierig zu akzeptieren, gehört aber dazu. Ab und zu juckt es dann doch noch.

Also treten Sie noch vor den Ball?

Sehr selten. Weil Wirklichkeit und Erwartungshaltung mittlerweile deutlich auseinanderklaffen. Da steigt die Frustration. Ich bin nicht mehr so fit. Deswegen beschränke ich es auf ein paar Mal, aber der Fußball bleibt trotzdem meine größte Leidenschaft.

Fällt es manchmal schwer, sich gegen Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke zu behaupten?

Nein. Mit guten Argumenten und mit einer starken Überzeugungskraft diskutieren wir auch mal kontrovers. Ja ok, ich bin jetzt frisch in der Position, komme aus einer anderen Generation, habe manchmal ein paar andere Ansätze. Es spielt aber keine Rolle, wer eine Idee hatte, oder wer sich durchsetzt. Am Ende versuchen wir immer, den besten Weg für Borussia Dortmund zu finden.

"Ich habe den Anspruch, weiter zu wachsen"

Wollen Sie weiter aufsteigen?

Ich habe natürlich persönlich den Anspruch, weiter zu wachsen, noch besser zu werden und perspektivisch auch mehr Verantwortung zu tragen. Ich will meinen eigenen Weg gehen – und das am liebsten mit Borussia Dortmund.

Würde es der Mannschaft helfen, wenn der Fußballer Sebastian Kehl am Samstag auf dem Platz stünde?

Es wäre anmaßend, diese Frage zu beantworten. Aber ich bin sehr optimistisch für Samstag. Ich habe solche Situationen, solche Herausforderungen als Spieler geliebt. Ich gehe davon aus, dass die Jungs das am Samstag genauso sehen, sich zerreißen. Dann werden wir Gladbach mit den Fans und ihrer Kraft im Rücken auch schlagen.

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