Fußball

Chaosspiel in Düsseldorf: Mit Berlin kommt die Erinnerung

Ausschreitungen beim Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC Berlin in der Saison 2011/12.

Ausschreitungen beim Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC Berlin in der Saison 2011/12.

Foto: imago

Düsseldorf.   Morgen trifft Fortuna Düsseldorf erstmals seit dem 15. Mai 2012 auf Hertha BSC. Das sagen Beteiligte heute über das Chaosspiel.

Wenn ein Fußballspiel für 28 Minuten wegen eines Platzsturms unterbrochen wird, der Schiedsrichter von einem Schlag auf den Hinterkopf niedergestreckt wird und ein Zuschauer mit einem Teppichmesser einen Elfmeterpunkt aus dem Rasen schneidet, denkt niemand an die Bundesliga. Vielleicht an ein Entscheidungsspiel in Argentinien oder in Brasilien. Aber an Vorfälle in einem Fußballstadion in Deutschland? Am 15. Mai 2012 waren fast zehn Millionen ARD-Fernsehzuschauer und viele weitere in 120 anderen Ländern Augenzeugen genau dieser unfassbaren Vorgänge. Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC, das Relegationsrückspiel zur Bundesliga, geriet zu einem der größten und längsten Chaosspiele in der deutschen Fußball-Geschichte.

Sondersendungen nach einem Fußballspiel

Es gab ARD-Brennpunkte, ZDF-Sondersendungen, Diskussionsrunden. Hätte man abbrechen müssen? Sind Entscheidungsspiele noch ohne Risiko für Leib und Leben durchführbar? Wer hat Schuld? Wer muss bestraft werden? Noch drei Monate nach dem finalen Pfiff tagten die Gerichte, erst fünf Wochen nach dem 2:2 in Düsseldorf und zwei Niederlagen vor den DFB-Gerichten gaben die Berliner den Abstiegskampf am Grünen Tisch auf. Sportlich gab es Fortuna gegen Hertha seitdem nicht mehr. Am Samstag um 15.30 Uhr ist es wieder so weit.

Einer, der das Skandalspiel überhaupt erst über die Bühne gebracht hatte, war Schiedsrichter Wolfgang Stark. Der Landshuter bewies eiserne Nerven. Die Hertha-Fans zündelten mit Pyrotechnik, setzten eine Werbebande in Brand, fühlten sich dann vom Aufmarsch der Polizisten provoziert, die sich mit Hunden vor dem Block postierten.

Platzsturm drei Minuten vor Schluss

Der Ordnungsdienst öffnete – drei Minuten vor Schluss und damit viel zu früh – die Tore, es kam zu einem Platzsturm. Nach dem 2:1 in Berlin reichte Düsseldorf das 2:2, um nach 15 Jahren wieder in die Bundesliga zurückzukehren. Tausende liefen auf den Rasen. Schiedsrichter Stark winkte die Teams in die Kabine, stützte sich bei der Entscheidung, die Partie nicht abzubrechen, auf Ordner und Polizisten. „Beide Seiten haben mir signalisiert, dass die Sicherheit der Spieler gewährleistet sei“, sagt Stark im Gespräch mit dieser Redaktion.

Die Herthaner sahen den vermeintlich friedlichen Platzsturm ganz anders. Das Team um Trainer-Legende Otto Rehhagel (80), der sein letztes Profispiel mit dem Abstieg beendete, wollte nicht weitermachen. Tausende zurückgedrängte Fans an den Außenlinien sorgten für nicht mehr reguläre Spielbedingungen. Vor dem DFB-Sportgericht fuhr selbst Rehhagel später schwere Geschütze auf und verglich die Umstände mit einer Bombennacht über seiner Heimatstadt Essen im Zweiten Weltkrieg.

Sperre und Strafanzeige

Einer der Berliner Spieler drehte noch am Abend in Düsseldorf durch: Lewan Kobiaschwili versetzte Schiedsrichter Stark einen Schlag gegen den Kopf. Der Ex-Schalker wurde dafür sieben Monate gesperrt. „Bis heute“, sagt Stark, „hat sich Kobiaschwili bei mir nicht entschuldigt.“

Der heute 41-jährige Georgier, der nach einer Strafanzeige wegen Körperverletzung 60.000 Euro in die Staatskasse bezahlen musste, ist mittlerweile Georgiens Verbandspräsident – und längst nicht mehr in Berlin. Hertha-Manager Michael Preetz schon. Ob er seine Rückkehr als gebürtiger Düsseldorfer mit einem Drücken in der Magengrube verbindet? Preetz mochte sich dazu nicht äußern.

Nicht gut zu sprechen auf Preetz war der damalige Fortuna-Trainer Norbert Meier. „Natürlich heilt die Zeit alle Wunden“, sagt der heute 60-Jährige, „aber durch das Chaos wurde unsere großartige Saisonleistung nicht gebührend gewürdigt. Wir konnten uns nicht richtig freuen, mussten sogar tagelang weitertrainieren, weil ja ein Wiederholungsspiel im Raum stand. In meiner Karriere war das einer der unfassbaren Fußballabende.“

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