Interview

Horst Hrubesch: "Ich kriege immer mit, was neu ist"

Foto: WITTERS

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Göteborg. In den 70ern und frühen 80ern war Horst Hrubesch ein gefürchtetes „Kopfballungeheuer”. Heute ist er Trainer der U 21-Fußball-Nationalmannschaft, die ab Montag in Schweden um den EM-Titel kämpft. Im Interview erklärt Hrubesch unter anderem, warum er auf Baumjohann verzichtet.

In den 70ern und frühen 80ern war Horst Hrubesch ein gefürchtetes „Kopfballungeheuer”. In 224 Bundesliagspielen erzielte er 136 Tore. Und die Nationalmannschaft köpfte er 1980 mit zwei Treffern gegen Belgien zum EM-Titel. Heute ist der 58-Jährige Trainer der deutschen U 21, die ab Montag bei der Europameisterschaft in Schweden um den Titel kämpft. Vor dem Turnier erklärt der Fußball-Lehrer, warum er auf Alexander Baumjohann und Toni Kroos verzichtet, warum er einst auf Dachdecker umschulte und warum er nicht pokert.

Herr Hrubesch, Sie selbst haben früher beim Hamburger SV von Bananenflanken profitiert. Gibt's in Ihrer U 21 einen, der so flanken kann wie ihr Kollege Manni Kaltz seinerzeit?

Horst Hrubesch: Es sind einige dabei, die flanken können. Aber in der Perfektion, wie Manni Kaltz sie gespielt hat, ist das natürlich nicht einfach. Und man muss den passenden Kopfballspieler dazu haben – den haben wir leider nicht.

Nirgendwo ein Kopfballungeheuer?

Hrubesch: Ein Ungeheuer haben wir sicherlich nicht. Aber es sind einige gute Kopfballspieler dabei: Sami Khedira, Benedikt Höwedes, Jerome Boateng. Auch Sandro Wagner.

Sie selbst haben nie für die Jugendnationalmannschaft oder Auswahlteams gespielt…

Hrubesch: Doch, Auswahlspiele habe ich gemacht: für die Kreisauswahl Hamm/Kamen/Unna in der A-Jugend.

Erst mit Mitte Zwanzig sind Sie zum Bundesligaspieler geworden - warum so spät?

Hrubesch: Ich hatte schon vorher die Möglichkeit, zweite Liga zu spielen. Das habe ich aber nicht gemacht. Ich hatte damals einen guten Job, war mit 21 schon verheiratet.

Was war das für ein Job?

Hrubesch: Ich habe Fliesenleger gelernt und anschließend zum Dachdecker umgeschult. Ich hatte aber gesundheitliche Probleme, eine Zementallergie. Als sich dann die Möglichkeit ergab, Profifußballer zu werden, habe ich mir gesagt: Das musst du auf jeden Fall versuchen. Ich habe alles dafür getan – und wie man sieht, hat es sich gelohnt.

Wie schaffen Sie es, einen Zugang zu der heutigen Kicker-Generation zu finden?

Hrubesch: Indem die Spieler wissen, dass sie von mir profitieren können.

Inwiefern?

Hrubesch: Von meiner Erfahrung. Ich weiß, wie das Fußballgeschäft läuft und was für den Erfolg zu tun ist. Andersrum profitiere ich auch von den Spielern. Ich kriege immer mit, was neu ist, was läuft und was im Moment „up to date” ist, wie das so schön heißt. Es ist ein Geben und Nehmen. Ich habe kein Problem damit, mit ihnen klar zu kommen.

Sind Sie dabei, wenn die Mannschaft abends pokert?

Hrubesch: Nein. Ich kann keine Kartenspiele. So wie ich es verstanden habe, dauert eine Partie zu sechst oder zu acht anderthalb Stunden. Das dauert mir zu lange.

Stört es Sie, wenn junge Nationalspieler heute in dicken Autos vorfahren? Das war zu Ihrer Zeit anders.

Hrubesch: Damals haben auch einige einen 300er oder 400er Mercedes gefahren…

Wenn ein Fliesenleger zu Rot-Weiss Essen kommt, dann fährt der keinen weißen Lamborghini, wie ihn einer ihrer Profis fährt.

Hrubesch: Das stimmt. Aber wir reden jetzt von Spielern, die schon in jungen Jahren durch sportliche Höchstleistungen viel Geld verdient haben. Das hat sich ein bisschen verändert im Vergleich zu früher. Teilweise haben sie schon international gespielt und haben hochdotierte Verträge. Ich freue mich, dass sie das Geld verdienen. Aber: Den Job haben sie sich ausgesucht, weil sie Spaß daran haben.

Alexander Baumjohann wechselt gerade von Gladbach zu den Bayern. Dort wird er eher noch mehr verdienen. Warum nehmen Sie einen Mann, der gut genug für die Bayern ist, nicht mit nach Schweden?

Hrubesch: Auf seiner Position habe ich Mesut Özil und Marko Marin. Ich spiele anders als in Gladbach. Das wirkt sich auch auf meinen Kader aus. Ich muss schauen: Wo wollen wir hin? Was wollen wir spielen? Was bietet die Mannschaft an? Und wie kriegen wir einen kompletten Verbund auf den Platz, der agieren kann? Und der gleichzeitig auch die Rückwärtsbewegung hinbekommt?

Und Baumjohann ist defensiv schwach?

Hrubesch: Es geht nicht nur um die Rückwärtsbewegung. Es geht um das ganze System. Baumjohann spielt in Gladbach oft als Mann hinter den Spitzen – so spielen wir nicht. Wir können sicherlich auch mit Raute im Mittelfeld spielen, wenn es der Gegner mal zulässt. Für mich ist wichtig, dass ich schnelle Leute auf den Außenpositionen habe, zum Beispiel Duisburgs Chinedu Ede und Fabian Johnson von 1860. Und ich brauche nicht nur einen – man muss ja auch mal was verändern können.

Warum ist Leverkusens Toni Kroos nicht dabei?

Hrubesch: Toni Kroos hat die Qualifikation für die U 19-EM mit dem Team von Heiko Herrlich gespielt.

Spanien, England und Finnland sind die ersten Gegner, vor welchem Team haben Sie am meisten Bammel?

Hrubesch: Allesamt gute Mannschaften. Vom ersten Tag an spielen wir auf höchstem Niveau. Ich warne davor, die Finnen zu unterschätzen. Es bringt nichts, über die Stärke der Teams zu diskutieren – sie haben sich alle qualifiziert.

Die Vorgabe ist klar: der Titel.

Hrubesch: Alles andere macht doch keinen Sinn. Jetzt bin ich in der Endrunde, jetzt will ich auch gewinnen!

Und wenn's nicht klappt?

Hrubesch: Dann ist jemand besser gewesen.

Hätten Sie Konsequenzen durch DFB-Sportdirektor Matthias Sammer zu befürchten?

Hrubesch: Diese Frage verstehe ich jetzt nicht. Wenn Bayern München mal nicht Deutscher Meister wird, kannst du doch auch nicht alle rausschmeißen, oder?

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