Schalke

So bewertet Sidney Sam seine Zeit beim FC Schalke

Sidney Sam wechselte 2014 zum FC Schalke 04.

Sidney Sam wechselte 2014 zum FC Schalke 04.

Foto: firo

Essen.  Vor der Partie von Schalke 04 gegen Bayer Leverkusen: Ein Gespräch mit Sidney Sam, der beide Klubs gut kennt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Im Sommer 2014 wechselte Sidney Sam als deutscher Nationalspieler und Leistungsträger von Bayer Leverkusen zum FC Schalke 04. Er unterschrieb einen Vierjahresvertrag. Am Ende mussten beide Seiten zugeben, dass das ein großes Missverständnis war. Heute spielt er beim SC Rheindorf Altach.

Im vergangenen Sommer wurde der Vertrag des 31-jährigen Flügelflitzers beim VfL Bochum nicht verlängert. Bis Anfang Oktober blieb Sam, der fünf Spiele für Deutschland bestritt, ohne Arbeitgeber. Er heuerte schließlich beim SC Rheindorf Altach in der ersten österreichischen Liga an - zunächst einmal bis zum Saisonende.

Wie er auf seine Zeit auf Schalke, beim VfL Bochum zurückblickt, was das kommende Bundesligaspiel zwischen Leverkusen und S04 am Samstag (18,30 Uhr, live in unserem Ticker) in ihm auslöst, und wie er seine Zukunft plant, erläutert er im großen Interview.

Sidney Sam, Sie stehen seit Anfang Oktober 2019 beim SC Rheindorf Altach unter Vertrag wie läuft es für Sie in Österreich?

Sidney Sam: Es wird von Woche zu Woche besser. Wir haben am vergangenen Wochenende den Wolfsberger AC mit 2:1 besiegt. Das war sehr wichtig. Auch für mich persönlich läuft es immer besser. Ich bin topfit und gut drauf. Ich freue mich, dass ich der Mannschaft helfen kann. Ich wollte einfach mal komplett aus meiner Umgebung rauskommen und einfach nur Fußball spielen. Da ist Altach aktuell der richtige Ort für mich.

Sie haben auch schon ein Tor erzielt und vier weitere vorgelegt. Das ist keine schlechte Bilanz nach sechs Pflichtspielen...

Sam: Ja, das ist ordentlich. Auch wenn ich das eine oder andere Tor mehr erzielen hätte müssen. Die Chancen waren da, leider habe ich die Dinger nicht reingemacht. Aber der erste Schritt ist, dass ich mir wieder gute Gelegenheiten erarbeite. Jetzt wird dann noch intensiver am Abschluss gearbeitet.

Ihr Lebensmittelpunkt war knapp zehn Jahren Düsseldorf. Wie ist das Leben im beschaulichen Altach?

Sidney Sam: "Es könnte alles schlechter sein"

Sam: Beschaulich (lacht). Die Luft ist auf jeden Fall besser. Im Ernst: Es ist einfach angenehm, schön. Es ist idyllisch, wie auf einer Postkarte. Altach liegt direkt an der Grenze. Zürich ist nur eine Stunde Autofahrt entfernt. Am Bodensee bin ich in 20 Minuten. Es könnte alles schlechter sein.

Trotzdem: Ihre Kritiker werden sagen, dass es mit Ihrer Karriere steil nach unten geht. Es ist eben "nur" der SCR Altach. Was antworten Sie diesen Leuten?

Sam: Ich wollte nach Bochum eigentlich komplett etwas anderes machen. Leider hat das nicht geklappt. Dann war ich beim RSC Anderlecht im Training und konnte auch überzeugen. Eigentlich waren wir uns schon einig. Aber solange die Tinte nicht trocken ist, ist nichts in diesem Geschäft sicher. So kam letztendlich mein Wechsel nach Anderlecht auch nicht zu Stande. Plötzlich war ich vereinslos. Das war auch völlig neu für mich. Umso dankbarer bin ich Michael Skibbe und Borussia Dortmund, dass ich ein paar Wochen beim BVB bei der U19 mittrainieren durfte. Dann kam der Anruf aus Altach. Da habe ich mir gedacht, bevor ich ein halbes Jahr lang nichts mache, gehe ich nach Österreich und schaue mir das an. Das war die richtige Entscheidung.

Merken Sie eigentlich, dass von Ihnen mehr als von anderen in der Mannschaft erwartet wird?

Sam: Nein, das ist nicht der Fall. Die Jungs und das Trainerteam haben mich super aufgenommen. Ich habe den Anspruch an mich selbst Top-Leistungen zu bringen und dem Team zu helfen. Etwas beweisen will und muss ich niemanden auch.

Wie würden Sie die Stärke der österreichischen Bundesliga bewerten?

Sam: Fußballerisch gesehen, ist das eine gute Liga. Ich sage auch, dass ich diese Liga besser als die 2. Bundesliga in Deutschland finde. Im deutschen Unterhaus herrscht ein Überlebenskampf. Bis auf Hamburg und Stuttgart können gefühlt alle Mannschaften absteigen. Da wird gerannt, gekämpft, gegrätscht und wenig Fußball gespielt. Das ist in Österreich anders.

Im September werden Sie in einem Sport-Bild-Interview mit folgendem Satz zitiert: „Außer Bayern und Dortmund kann ich allen Mannschaften in der Bundesliga sofort weiterhelfen." Stehen Sie noch zu dieser Aussage? Sie wollen ja sicherlich nicht in Altach alt werden, oder?

Sam: Ich habe gesagt, dass ich vielleicht außer Bayern und Dortmund vielen Mannschaften noch weiterhelfen könnte, weil ich körperlich top drauf bin. Dazu stehe ich auch. Das ist meine Meinung, ganz klar! Ich war in Anderlecht, einem richtig guten Klub, und habe im Training gesehen und gemerkt, was ich noch drauf habe. Sie wollten mich ja auch verpflichten. Wenn man die Spiele in Altach verfolgt, dann wird man auch sehen, dass ich richtig gut drauf bin. Aktuell bin ich hier in Österreich, fühle mich wohl und beschäftige mich nicht mit anderen Dingen.

Aber was passiert denn im Sommer 2020 mit Sidney Sam?

Sam: Das wird man dann sehen. Jetzt fokussiere ich mich auf die Aufgaben in Altach. Wir wollen die Liga halten und eventuell noch ein paar Plätze nach oben klettern. Ich will Spaß haben, jedes Spiel mitnehmen und dem Verein, der Mannschaft helfen.

Ex-Schalke-Profi Sidney Sam: Bundesliga bleibt ein Ziel

Ist die Rückkehr in die deutsche Bundesliga denn noch ein Ziel für Sie?

Sam: Natürlich ist die Bundesliga reizvoll und immer ein Thema für mich. Ich bin immer noch sehr ehrgeizig und es wäre eine schöne Sache, wenn ich zurückkehren würde.

Im Sommer 2014 haben Sie einen Vierjahresvertrag auf Schalke unterschrieben, kamen mit hohen Erwartungen nach Gelsenkirchen. Warum stehen am Ende nur 22 Pflichtspiele für Schalke in ihrer persönlichen Bilanz?

Sam: Ich hatte zu meiner Schalke Anfangszeit die eine oder andere Verletzung. Das war natürlich blöd. Dann war es so, dass Jens Keller, der mich unbedingt wollte, entlassen wurde. Auch Peter Herrmann, den ich aus meiner Leverkusener Zeit kannte und der mein Fürsprecher war, ist gegangen. Es kam Roberto Di Matteo. Er spielte ein System mit zwei Stürmern und ohne Flügelspieler. Er hat nicht mehr auf mich gesetzt.

Hat Di Matteo Ihnen von Anfang an zu verstehen gegeben, dass es für Sie unter ihm auf Schalke schwer wird?

Sam: Nein, das nicht. Aber das hat sich schnell herauskristallisiert. Ich wurde dann später auch suspendiert. Die Suspendierung kam eigentlich aus dem Nichts. Da war für mich klar, dass der Verein mich loswerden wollte.

Haben Sie im Rückblick auch Fehler gemacht?

Sam: Ich war verletzt und dafür kann man nichts. Ich habe sonst niemanden etwas getan. Es wurden Spieler suspendiert, weil es sportlich nicht rund lief. Und da hat es auch mich getroffen.

""chalke war für mich ein Karriere-Knick"

Muss man letztendlich sagen, dass die Station Schalke für Sie eine verlorene Zeit gewesen ist?

Sam: Absolut! Da kann es keine zwei Meinungen geben. Schalke war für mich ein Karriere-Knick. Sportlich gesehen, eine verlorene Zeit. Das ist sehr schade. Aber das Leben geht trotzdem weiter. Ich kann die Zeit nicht mehr zurückdrehen.

Am Wochenende steht das Duell Bayer Leverkusen gegen Schalke an. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie diese Spielpaarung hören?

Sam: Ja, das lässt mich nicht kalt. Da kommen natürlich Erinnerungen hoch. Vor allem die positiven, die ich bei Bayer erlebt habe. Ich habe immer noch sehr viele Freunde und Bekannte in Leverkusen. Wenn es zeitlich passt, dann bin ich auch mal im Stadion. Ich bin sehr gerne in Leverkusen. Der Verein wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen.

Die letzten zwei Jahre haben Sie beim VfL Bochum verbracht. Aber so richtig glücklich scheinen Sie auch an der Castroper Straße nicht geworden zu sein. Warum?

Sam: Beim VfL Bochum habe ich auch zwei Trainerentlassungen miterlebt. Ich habe dann auch zu Beginn nicht gespielt. Ich war aber auch nicht erfolgreich, habe keine Tore geschossen und nichts ausgelegt. Daran wird man eben gemessen. Trotzdem bin ich dem VfL Bochum dankbar für die Chance. Ich durfte in einer für mich nicht einfachen Zeit auf einem sehr hohen Niveau Fußball spielen. Ich wünsche dem VfL alles erdenklich Gute.

Sie kommen aus dem hohen Norden, aus Kiel. Wie haben Sie die Fans im Ruhrgebiet erlebt?

Sam: Ich weiß, wie der Fußball im Westen tickt. Ich wohne ja seit knapp zehn Jahren mit meiner Familie in Düsseldorf. Im Ruhrpott sind die vielen Derbys natürlich ganz besonders. Da rasten die Fans aus (lacht). Das ist schon einmalig. Egal, ob Dortmund, Schalke, Bochum, Duisburg oder Essen: Jede Stadt hat eine große Fankultur. Aber auch wenige Kilometer weiter wie in Düsseldorf, Köln, Mönchengladbach oder Leverkusen leben die Fans für ihre Vereine. Nordrhein-Westfalen, der Ruhrpott, das sind schon spezielle Fußball-Regionen.

Vermissen Sie ein wenig diese heißen Duelle aus dem Ruhrgebiet in Österreich?

Sam: Das kann man natürlich nicht miteinander vergleichen. Im Ruhrpott wird das einfach gelebt. Fußball ist da eine Religion. In Österreich ist Fußball nicht einmal die Sportart Nummer eins. Aber es kommt, es wird mehr. Österreich ist da auf einem guten Weg.

Das Jahr geht zu Ende, ein neues beginnt bald. Was wünscht sich Sidney Sam für 2020?

Sam: Ich möchte natürlich gesund bleiben. Das ist das A und O. Ich wünsche allen Menschen Gesundheit und Freude am Leben. Sportlich will ich einfach erfolgreich sein und dem SCR Altach bei seinen Zielen helfen. Alles andere wird man dann sehen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (5) Kommentar schreiben