VfL - Nachgefragt

VfL-Trainer Reis: Wechsel nach Bochum war logischer Schritt

Trainer Thomas Reis beim Interview.

Trainer Thomas Reis beim Interview.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Bochum.  Mit einem 2:2 gegen Dresden ist Thomas Reis als Chef-Trainer des VfL gestartet. Auch er will möglichst schnell einen Sieg für den Zweitligisten.

Seit neun Tagen ist Thomas Reis Trainer des VfL Bochum. Im Interview erklärt der 45-jährige ehemalige Profi seine Marschrichtung, seine Eindrücke und Ziele.

Ihr Debüt als Trainer war eine Achterbahn-Fahrt. 2:2 nach 0:2. Wie haben Sie die Partie gegen Dresden erlebt?
Thomas Reis: Es waren natürlich viele Emotionen dabei. Wir sind richtig gut in die Partie gekommen, haben aggressiv verteidigt. Ich hatte das Gefühl, dass es passt, dass die Jungs wussten, wie sie verteidigen sollen. Nach der Pause haben wir gut zehn Minuten nicht optimal verteidigt, das war keine einfache Situation, es kam Unruhe auf. Ich habe versucht, die Mannschaft nach vorne zu pushen. Ich habe den Glauben an uns nicht verloren, und wir sind gut zurückgekommen. Nach dem 2:2 hatten wir noch mehrere große Chancen zum Sieg. Man hat auch gesehen: Die Mannschaft ist fit.


Trotzdem: Sechs Spiele, drei Trainer, kein Sieg, Tabellenvorletzter. Was fehlt dieser Mannschaft, um Spiele zu gewinnen?
Wir müssen über 90 Minuten konzentriert arbeiten. In der ersten Halbzeit hat die Mannschaft gezeigt, wieviel Potenzial in ihr steckt, auch wenn noch nicht alles gleich funktionieren kann. Das, was ich ihr mit auf den Weg gegeben habe nach der ersten Trainingswoche, habe ich auch im Spiel gesehen. Vor dem gegnerischen Tor waren wir aber nicht zwingend genug. Wir werden jetzt viel das Spiel mit Ball trainieren, um zu mehr Chancen zu kommen. Wir müssen es jetzt hinbekommen, dass wir es schaffen, in Führung gehen.


Individuelle Fehler, keine Konstanz über die komplette Spielzeit: Zwei Knackpunkte, die sich durch das gesamte Jahr ziehen.
Wir haben es gegen Dresden schon über einen längeren Zeitraum geschafft, leider gab es diese zehn, 15 Minuten. Ich habe viel Positives gesehen, ohne Dinge beschönigen zu wollen. Die Fehler haben wir in der Analyse auch klar angesprochen, ohne einen einzelnen Spieler an den Pranger zu stellen. Beim 0:2 etwa gab es eine Fehlerkette, in der Entstehung hatten wir drei Mal die Chance, besser zu verteidigen.


Noch kein Sieg, das nagt am Selbstvertrauen. Sind Sie mental besonders gefordert?
Natürlich, alle warten auf das Erfolgserlebnis. Die Mannschaft war oft kurz davor, nicht nur gegen Dresden. Aber wir haben am Samstag die nächste Gelegenheit, die volle Punktzahl zu holen.


Es geht nach Sandhausen, auswärts ist der VfL noch sieglos im Jahr 2019. Was macht Ihnen Mut?
Der Auftritt in der ersten Halbzeit und wie wir nach dem 0:2 reagiert haben. Wir waren die bessere Mannschaft. In Sandhausen müssen wir wieder aktiv verteidigen, die Nadelstiche aber besser setzen.


Droht Bochum ein langer Abstiegskampf?
Wenn es nach dem Team und mir ginge, dann nicht. Ich kann verstehen, dass das Umfeld etwas unruhig ist. Wir brauchen jetzt ein Erfolgserlebnis, auch um zu zeigen, dass Qualität im Kader ist. Dann können wir auch eine Serie in der anderen Richtung hinlegen.


Haben Sie Ihren Kern, der den VfL weiter nach oben bringen soll, schon beisammen?
Ich habe erste Eindrücke gesammelt. Aber es kommen auch noch Spieler dazu, die richtig Qualität reinbringen. Tom Weilandt, Chung-Yong Lee und Armel Bella-Kotchap habe ich im Training noch gar nicht gesehen.


Sebastian Maier sagte, es gab zwei, drei klare Ansagen von Ihnen, wie Sie sich das Spiel vorstellen. Sind Sie ein Mann der kurzen Ansprache?
Es gibt Spieler, denen man weniger Informationen geben muss, andere können viele Infos verarbeiten. In einer Trainingswoche werden viele Dinge besprochen, jeder bekommt ein klares Positionsprofil mit auf den Weg. Da muss ich vor dem Spiel nicht 20 Minuten lang reden, und nach fünf Minuten haben manche den ersten Satz schon vergessen. Es gibt klare Verhaltensweisen, um kompakt zu verteidigen, die gelten immer, ohne offensive Freiheiten einschränken zu wollen. Da geht es auch um Verlässlichkeit.


Wie sieht im Idealfall der Fußball des VfL unter Thomas Reis ungefähr um die Adventszeit herum aus?
Defensiv so wie in der ersten Halbzeit gegen Dresden. Die Grundtugend, Gras zu fressen, muss man immer verlangen. Eine gute Positionierung, eine gute Restverteidigung muss auch immer gegeben sein. Offensiv wollen wir den Gegner häufiger vor schwere Aufgaben stellen. Lange Bälle wie gegen Dresden nach dem 0:2 sind ein gutes Mittel zum Schluss, aber wir wollen auch spielerisch zum Ziel kommen. Beim 1:2 von Danny Blum hat man schon einen Ablauf erkannt, den ich häufiger sehen will. Insgesamt brauchen wir definitiv mehr Tiefgang.


Die Rechtsverteidiger-Position wurde viel diskutiert. Cristian Gamboa, Jordi Osei-Tutu oder doch Stefano Celozzi?
Bei Cristian Gamboa kommt die Power. Er versteht sehr schnell, was man von ihm will. Er hat es gegen Dresden ordentlich gemacht, aber er ist ein Spieler, der noch nicht am Leistungslimit ist, dafür benötigt er sicherlich noch ein, zwei Spiele. Jordi Osei-Tutu hat tolle Fähigkeiten, in der Ballbehandlung, im Tempo. Ich bin ja auch ein Verfechter von Offensiv-Fußball, Jordi könnte auch ein guter Außenverteidiger sein. Im taktischen Bereich müssen wir dafür aber noch mit ihm arbeiten.


Und Celozzi – bekommt er eine faire Chance?
Natürlich. Wir brauchen definitiv einen verlässlichen Back-up auf jeder Position. Es gab kein großes Theater mit ihm, er hat gut trainiert, benötigt aber vielleicht noch ein, zwei Wochen, um auf dem richtigen Level zu sein.


Respekt, Disziplin, Loyalität wollen Sie vorleben und erwarten Sie von Ihren Spielern. Was macht Thomas Reis, wenn sich einer nicht daran hält?
Dann werde ich ihm das deutlich mitteilen. Ich gebe grundsätzlich den Spielern ein Feedback, damit sie wissen, woran sie zu arbeiten haben. Respekt gehört einfach dazu, gegenüber allen, vom Mitarbeiter bis zum Mitspieler und dem Trainerteam. Wir müssen nicht einer Meinung sein und ein Spieler muss mit mir keinen Kaffee trinken gehen, wenn ich ihn nicht aufgestellt habe. Aber wir müssen uns gegenseitig respektieren. Und was in der Kabine besprochen wird, bleibt auch da.


Sie erklären jedem, warum er nicht spielt?
Ich spreche nicht jedes Mal mit allen Spielern einzeln, aber meine Tür ist immer offen. Wer eine Frage hat, soll auch offensiv mit mir das Gespräch suchen. Wenn man seine Meinung den Spielern erklärt, kann man schon einige Prozentpunkte aus ihnen herauskitzeln.


Eine neue Hierarchie im Team sollte ab dieser Saison aufgebaut werden. Wie ist der Stand?
Zunächst: Die Mannschaft ist absolut intakt. Ich habe mir in vielen Einzelgesprächen ein erstes Bild gemacht, zunächst vor allem mit den älteren Spielern länger gesprochen, mit dem Torwart, dem Kapitän. Das heißt nicht: Die Älteren machen alles, die Jüngeren haben nichts zu melden. Ich will die Mannschaft mit einbeziehen, wobei ich die Richtung vorgebe und die Entscheidungen treffe. In absehbarer Zeit sollte ein Mannschaftsrat gegründet werden. Jeder Spieler des Kaders sollte sich mit einem Vertreter in diesem Rat identifizieren können.


Wie groß soll der Mannschaftsrat werden?
Es sollte auf jeden Fall eine ungerade Zahl an Spielern sein, und es können dort auch Spieler sein, die derzeit nicht zur Startelf zählen. Es wäre ja fatal, einen Patrick Fabian, der hier viel erlebt hat, nicht mit einzubeziehen. Wichtig ist: Jeder einzelne Spieler hat das Recht, etwas zu sagen. Aber mit dem Rat könnte ich manches zuerst besprechen. Wenn es etwa um Maßnahmen des Teambuildings geht, erwarte ich schon, dass diese Spieler das dann in die Hand nehmen.


Leistungsdiagnostik bei jedem Training, Video-Analysen, manchen ist das mitunter zu viel des Guten. Wie setzen Sie die technischen Hilfsmittel ein?
Heute werden die Spieler damit groß. Manche Spieler sehen die Leistungsdaten mehr als Kontrolle an. Für mich ist es eine Kontrolle für den Trainer, dass ich sie nicht überfordere. Video-Analysen sind wichtig, ohne Spieler damit zu überfrachten. Sie helfen, Defizite zu erkennen, aber auch das Positive herauszustellen.


Und wenn das alles nicht zum Erfolg führt? Die 2. Liga ist ein Haifischbecken. Haben Sie keine Angst, gleich nach der ersten Station als Coach „verbrannt“ zu sein?
Das Risiko nehme ich in Kauf. Aber ich mache mir überhaupt keine Sorgen, dass es nicht klappt. Ich sehe es als Riesenchance, mit dem VfL Bochum in einer schwierigen Situation etwas zu erreichen. Ich persönlich hatte in Wolfsburg als Jugendtrainer eine Art Komfortzone. Aber ich habe Ambitionen, will mich weiterentwickeln. Als das Angebot kam, habe ich nicht überlegt, es war der logische Schritt.

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