Fußball

Arnsberger D-Liga: Hier kreiden die Spieler noch selbst ab

Erstmal muss der Platz hergerichtet werden: Lukas Goor, eigentlich selbst Spieler der zweiten Mannschaft der DJK GW Arnsberg, übernimmt diese Aufgabe vor dem Heimspiel gegen die SG Holzen/Eisborn III.

Erstmal muss der Platz hergerichtet werden: Lukas Goor, eigentlich selbst Spieler der zweiten Mannschaft der DJK GW Arnsberg, übernimmt diese Aufgabe vor dem Heimspiel gegen die SG Holzen/Eisborn III.

Foto: Philipp Bülter

Arnsberg.  Betrunkene Fußballer mit viel zu dicken Plauzen? Es gibt viele Vorurteile über die Kreisliga D. Wir haben ein Kellerduell in Arnsberg besucht.

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Bierdunst wabert durch die Luft auf dem Arnsberger Schreppenberg, als sich die Fußballer der gastgebenden DJK GW Arnsberg II, derzeit Tabellenvorletzter der Kreisliga D Arnsberg, auf ihr Heimspiel gegen Schlusslicht SG Holzen/Eisborn III vorbereiten. Die Zeitung ist zu Gast in den Niederungen des heimischen Fußballs. Sonntags, kurz vor 12 Uhr mittags, bei minus einem Grad Celsius. Gleich werden ein paar Vorurteile bestätigt – doch es passiert auch Überraschendes.

Die Ausgangslage

Meinen Besuch zum Kellergipfel der heimischen Kreisliga D habe ich bewusst nicht angekündigt, schließlich soll es ja schließlich authentisch werden. Abenteuerlich ist der Weg auf den Aschenplatz auf dem Arnsberger Schreppenberg: Um einen Umweg zu vermeiden, lotst mich ein Anwohner auf Nachfrage durch ein mannshohes Loch im Zaun. „Da gehen alle durch“, sagt er fröhlich.

Bevor ich mich ein paar GWA-Kickern und Spielertrainer Peter Hunecke vorstelle, lerne ich Lukas Goor kennen. Er kreidet mit großer Akribie den Platz ab und lässt sich dabei bereitwillig fotografieren. Eigentlich ist Goor Spieler von GWA II, heute aber ist das nicht sein einziger Job. „Ich mache das nur aushilfsweise. Derjenige, der dafür eigentlich zuständig ist, hat gestern zu viel getrunken und ist nicht da. Kreisliga eben“, sagt er, lacht und kreidet die Torlinie zu Ende ab. Lustig: Auch der Schiedsrichter, der ebenso wie ich bislang ortsunkundig war, wird per Zuruf durch das Loch im Zaun zum Spielfeld geleitet.

Das Warm-up

Die Hausherren der DJK GW Arnsberg II nehmen das Warmmachen vor dem Spiel ernst. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Übungen nur absolviert werden, weil ich mit der Kamera daneben stehe. Passübungen und leichte Sprints sind darunter, zudem wird Torwart Andre Tobias Wagner warmgeballert. Auch wenn hier – genauso wie auf der gegnerischen Seite – sicher nicht jedermann am Abend zuvor um 23 Uhr im Bett war, ausgeschlafen sowie schon wieder bei null Promille angelangt ist: Die Jungs nehmen das Ganze ernst. Auch wenn der eine oder andere Ball recht weit verspringt.

Beim Torschusstraining bekommen es dann auf beiden Seiten vor allem die Bäume hinter den Kästen ab. Einst spielte der Kolumbianer Adolfo Valencia für den FC Bayern München und erhielt aufgrund seines unsäglichen Torabschlusses den Spitznamen „Der Entlauber“. Hier bekommt er gewiss neue Konkurrenz.

Das Spiel

Weil die SG Holzen/Eisborn III nach dem „Norweger-Modell“ als Neunermannschaft die Saison bestreitet, stellt in dieser Partie auch GW Arnsberg II nur neun Spieler auf. Das trifft sich gut, denn beide Teams sind mit zwei (GWA) und einem (SG) Auswechselspieler auf der Ersatzbank nur dünn besetzt. Neun gegen neun also, das bietet auf dem ohnehin großen Spielfeld große Räume – genutzt werden diese von den D-Liga-Kickern aber eher nicht.

Klar, die 22 Spieler sind teils ältere Semester und bei dem einen oder anderen zeichnet sich unter dem Trikot eine Plauze ab, doch hier sind keineswegs nur dicke, unsportliche Kicker unterwegs. Das finde ich überraschend und ich ärgere mich über mein Schubladendenken, das ich hier nun mit neuen Eindrücken optimieren kann. Beachtlich: Es gibt kaum mal ein Foulspiel, denn beide Teams gehen äußerst fair zur Sache. Von Beginn an dominieren die Gastgeber das Spiel und erarbeiten sich Gelegenheiten. Der beste GWA-Spieler, Sebastian Lingenauber, markiert folgerichtig das 1:0, nachdem er zuvor drei Gegner aussteigen lässt. Kurz vor der Pause muss „Linge“ aber verletzt runter. „Hab ‘nen Pferdekuss bekommen“, sagt er und sucht erstmal das Eisspray. So kommt auch Lukas Goor, der Aushilfs-Abkreider, zu seinem Einsatz.

Über die rechte Angriffsseite der Hausherren sorgt Peter Hunecke für Dampf. Er ist Antreiber des Teams, das auch Kapitän Thomas Schrick lautstark kommandiert. Dass GWA II personell arg gebeutelt ist, stört den Coach nicht: „Wir gehen immer in die Spiele und schenken nichts ab.“ Seit zehn Jahren ist Hunecke Spieler von GWA II und nun in seiner dritten Saison Spielertrainer. In der Kreisliga D zu kicken, gefällt ihm gut: „Man gewinnt zusammen und man verliert zusammen.“

Der Nachgang

Es ist ein ungewohntes Gefühl für GW Arnsberg II, ein Spiel zu gewinnen. Nach mehr als eineinhalb Jahren ohne Sieg hatte das Team im Mai 2019 wieder einen Dreier eingefahren. Der 1:0-Erfolg jetzt gegen die SG Holzen/Eisborn III ist nach dem 4:0-Hinspielsieg nun sogar schon der zweite Saisonerfolg.

Tabellenplatz zehn mit sieben Zählern nach elf Partien: Das macht das GWA-Lager munter. Peter Hunecke: „Kicken und gemeinsam ein paar Bierchen trinken – darauf kommt’s doch an!“

So ist das Experiment Kreisliga D geglückt

Dass im FLVW-Kreis Arnsberg überhaupt eine Kreisliga D angeboten wird, ist nicht selbstverständlich. Nur neun andere FLVW-Kreise – darunter so große Einzugsgebiete wie der Kreis Dortmund – können dies für Amateurfußballer realisieren.

Seit mittlerweile sieben Jahren besteht die D-Liga Arnsberg. Mit aus der Taufe gehoben hat sie 2012 Michael Ternes, Vorsitzender des Kreisfußballausschusses im FLVW-Kreis Arnsberg und ebenso selbst Schiedsrichter, auch in der Kreisliga D. „Wir haben damals die zweigeteilte Kreisliga C abgeschafft und eine D-Liga gegründet, weil es zu gravierenden Ergebnissen gekommen war und die Fußballer keine Lust mehr auf 0:20-Niederlagen hatten“, erzählt Ternes.

Das Experiment Kreisliga D kam gut an und wird mit derzeit elf Teams nach wie vor gut angenommen, betont Ternes: „Das ist doch geiler Fußball, eben echte Kreisliga. Auch wenn der Pass mal am Mitspieler vorbeigeht, stoßen die Jungs nachher gemeinsam an. Sie sind außerdem wichtig für die Vereine – die Jungs darf man nicht verlieren.“

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