Vorsitzender des Fußballvereins

SG Castrop verliert ihren Retter Björn Klieve

Björn Klieve in einer fast typischen Pose: am Telefon. „Er muss ja quasi Tag und Nacht erreichbar sein als Selbstständiger und zudem Vorsitzender der SG“, sagt seine Frau Anke über ihn. Und noch etwas typisches: der SG-Schal. Entweder um den Hals gebunden oder über die Schultern gelegt – bei Spielen seiner SG gehört der rote Schal immer dazu.

Björn Klieve in einer fast typischen Pose: am Telefon. „Er muss ja quasi Tag und Nacht erreichbar sein als Selbstständiger und zudem Vorsitzender der SG“, sagt seine Frau Anke über ihn. Und noch etwas typisches: der SG-Schal. Entweder um den Hals gebunden oder über die Schultern gelegt – bei Spielen seiner SG gehört der rote Schal immer dazu.

Foto: Volker Engel

Castrop-Rauxel..  Seit 2006 führt er den Fußballklub SG Castrop. Damals übernahm Björn Klieve (38) einen Verein, der kurz vor dem Abgrund stand. Jetzt geht er - und seine beste Tat kennen nur die wenigsten.

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Der rote Schal mit dem weißen Aufdruck „SG Castrop“ ist immer mit dabei, wenn Björn Klieve sonntags das Stadion an der Bahnhofstraße betritt. Eine Art Markenzeichen – aber auch ein Zeichen der tiefen Verbundenheit mit dem Verein. Dass der 38-jährige Vorsitzende des Klubs ist, wird auf den ersten Blick nicht jedem sofort bewusst.

Dass er einer der Hauptverantwortlichen war, die in den vergangenen Jahren dafür sorgten, dass der Verein mittlerweile komplett schuldenfrei ist, wissen nur die wenigsten. „Der Spruch ‚Tue Gutes und rede darüber‘ liegt ihm nicht. Er macht sehr viel im Hintergrund, ohne dass es von den Leuten wahrgenommen wird“, sagt seine Frau Anke.

Der Bruder als politisches Zugpferd

Dabei hätte er das Zeug dazu. Denn während seiner Ausbildung zum Maurer tritt er der Jungen Union bei und wird Anfang 20 deren Vorsitzender in Castrop-Rauxel und stellvertretender Kreisvorsitzender. „Mein Bruder Lars Martin war damals mein Zugpferd. Die Möglichkeit mitzugestalten hat mich gereizt“, so Klieve. Lars Martin war seinerzeit Beisitzer im Bundesvorstand der Jungen Union.

Doch Björn Klieve ging seinen eigenen Weg in der CDU: Er gehörte dem Kreisvorstand an – mit gerade einmal 23 Jahren. „Lothar Hegemann hat mir damals gesagt, dass ich das jüngste Mitglied aller Zeiten der Kreisvorstandes sei“, so Klieve.

Er saß fortan im Bauausschuss der Stadt Castrop-Rauxel – in der ersten Reihe neben Personen wie dem heutigen Bürgermeister Rajko Kravanja und dem Bundestagsabgeordneten Frank Schwabe, beide Sozialdemokraten. „Bei allen verbalen Auseinandersetzungen hat es mit ihm immer Spaß gemacht“, sagt Rajko Kravanja heute. „Björn Klieve hat immer sachlich argumentiert und dabei vor allem auch zum Nachdenken angeregt.“

Denn auch hier musste er, ähnlich wie später in seiner Tätigkeit als Vorsitzender der SG, Entscheidungen treffen. „Er versucht immer das Optimale für sich, aber auch für Andere herauszuholen“, sagt seine Frau Anke, die aber auch anmerkt: „Er hat eine raue Schale, aber einen weichen Kern. Das merkt man nicht auf den ersten Blick, aber letztlich hat er ein gutes Herz – das sage ich nicht nur, weil er mein Mann ist“, sagt Anke Klieve und lacht.

Die Entscheidung: Sport oder Politik?

Und dieser weiche Kern führte letztlich auch dazu, dass Björn Klieve im Alter von 26 Jahren im Jahr 2006 nicht „Nein“ sagen konnte, als ihm der Posten als Vorsitzender bei der SG Castrop angeboten wurde. „Das war eine Herzensangelegenheit. Mir war allerdings auch bewusst, dass sich der Verein finanziell in einer brisanten Situation befand“, so Klieve. Neun Ämter hatte er zu dieser Zeit bei der CDU inne, doch ihm war klar: „Ich kann nur einen Weg gehen – das Amt als Vorsitzender eines Vereins oder die Politik.“

Er wählte den sportlichen Weg und legte seine anderen Ämter nieder. Anders als sein damaliger Weggefährte und Stubengenosse bei Klausurtagungen, Philipp Mißfelder. „Er stand einmal auch kurz davor, seine Ämter abzugeben, doch konnte zum Glück vom Gegenteil überzeugt werden“, sagt Klieve. Mißfelder wurde 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und zudem außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion – allerdings starb er im Juli 2015 im Alter von nur 35 Jahren.

„Meine letzte Veranstaltung für die CDU war die Hochzeit von Philipp. Er wäre ein Großer in der Politik geworden, da bin ich mir sehr sicher“, so Björn Klieve, der anfügt: „Philipp Mißfelder wäre in der derzeitigen politischen Situation genau der richtige Mann gewesen.“

Nun also der Vorsitz eines Fußballvereins – besser gesagt, „seines“ Vereins, für den er bereits als F-Junior die Schuhe schnürte. Das waren noch unbeschwerte Zeiten, auch für den Verein. Die waren in den frühen 2000er-Jahren allerdings vorbei. Die SG Castrop stieg Ende der 90er in die Kreisliga B ab und stand kurz vor dem Bankrott.

Altschulden, ein früheres Darlehen in Höhe von 100.000 DM, machten dem Verein zu schaffen. 28.000 Euro von dieser enormen Summe mussten noch abgetragen werden. DIe Leute um Vorgänger Volker Jug hatten alles andere als gut gewirtschaftet. Der Klub erlebte einen Mitgliederschwund, auch dadurch dass die 2. Mannschaft dem Verein komplett den Rücken kehrte. Die Jugendabteilung bestand nur noch aus wenigen Teams.

Es kamen neue Schulden dazu

„Mein erster Schritt als Vorsitzender der SG war durch die Tür der Sparkasse“, sagt Klieve. Gemeinsam mit dem Kreditunternehmen versuchte er, eine Lösung des Problems auszuhandeln – da kam direkt der nächste dicke Brocken auf ihn zu: „Die Stadt wollte einen neuen Kunstrasenplatz im Stadion an der Bahnhofstraße bauen, doch die Kosten für das Vereinsheim mussten wir als Klub selbst übernehmen“, so Klieve.

Plötzlich musste die SG einen Betrag von 150.000 Euro aufbringen. Björn Klieve sowie die weiteren Verantwortlichen der SG, Sigrid Wilken (Kassiererin), Norbert Olschowski (Sportlicher Leiter) und Ernst Rux (Geschäftsführer) verbrachten mehrere schlaflose Nächte. Gegen den Rat aller sagte Björn Klieve dann aber: „Kommt, wir ziehen das jetzt durch.“

Denn Klieve wusste auch, dass er ein gutes Team um sich herum hatte. „Norbert Olschowski konnte als Architekt sein ganzes Fachwissen einbringen und erstellte die Pläne für das Vereinsheim“, sagt Klieve, der selbst für das Mauerwerk sorgte.

Und er stellte einen Tilgungsplan auf: Aus der Sportpauschale kamen etwa zehn Prozent des Betrags dazu, zudem nahm der Verein Fremdkapital auf. „Eigentlich hatte die SG ein so hohes Rating bei der Sparkasse, dass das kaum möglich war. Aber letztlich konnte die Bank überzeugt werden“, so Klieve.

Bau des Vereinsheims in Eigenleistung

Denn mit einer Beitragserhöhung (von 5,50 auf 7 Euro für Erwachsene und von 4 auf 5 Euro für Kinder) bei seinen Mitgliedern konnte der Klub mehr Geld als bislang einnehmen. „Viele Firmen haben uns beim Bau des Vereinsheims geholfen, aber da eben viel aus Eigenleistung entstanden ist, hat sich die ganze Sache etwa zwei Jahre hingezogen“, sagt Björn Klieve.

Der Tilgungsplan wurde weiter durchgezogen. Hohe Gehälter oder Ablösen, wie sie mittlerweile sogar auch in der Kreisliga üblich sind, wurden vom Verein nicht bezahlt. Und so kam es, dass die SG im Jahr 2016 schuldenfrei war. „Ich hatte zu Beginn meiner Zeit als Vorsitzender auf einem Bierdeckel mal einen Fünf-Jahres-Plan aufgestellt: Schuldenfrei, Vereinsheim-Bau, Aufstieg der 1. Mannschaft in die Bezirksliga und Aufstieg der Zweiten – so lauteten die angestrebten Ziele“, so Klieve. Zwar nicht fünf, aber elf Jahre später, am 23. April 2016, hatte er mit dem Bezirksliga-Aufstieg der Ersten diese Ziele mit dem Klub erreicht.

Dass er das überhaupt als Vorsitzender der SG noch erlebte, verdankte er auch seinem Willen. „Er hatte mir bei der Geburt unseres ersten Kindes versprochen, dass er aufhört. Dann auch nach der Geburt des zweiten Kindes“, sagt Anke Klieve. „Nun scheint für ihn der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein.“

Der Enthusiasmus für die Aufgabe fehlt

Job, Verein und Familie unter einen Hut zu kriegen, das ist nicht immer leicht. „Ein Kerngrund meines Rücktritts ist die Familie. Ich merke zudem, dass ich bei der SG nicht mehr mit dem nötigen Enthusiasmus die Sache angehen kann“, so Klieve. Seine Frau fügt an: „Er muss ja quasi Tag und Nacht erreichbar sein als Selbstständiger und zudem Vorsitzender der SG. Irgendwann ist die Leistungsgrenze erreicht.“

So soll im Sommer ein neuer Mann an die Spitze der SG rücken. Wer es wird, steht noch nicht fest. Doch eine Sache ist sicher: Obwohl Björn Klieve sein Amt niederlegt, wird er dennoch das ein oder andere Mal mit dem roten Schal im Stadion an der Bahnhofstraße zu sehen sein.

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